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Wladimir Putin wird 70: Ein Mann im Tunnel

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Von: Stefan Scholl

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Handgemenge: Putin feiert mit den Statthaltern der besetzten Gebiete in der Ukraine – wo Russland derzeit Rückschläge erlebt. Foto: Grigory SYSOYEV / SPUTNIK / AFP.
Handgemenge: Putin feiert mit den Statthaltern der besetzten Gebiete in der Ukraine – wo Russland derzeit Rückschläge erlebt. Foto: Grigory SYSOYEV / SPUTNIK / AFP. © afp

Wladimir Putin lässt sich zu seinem 70. Geburtstag als antiwestlicher Befreier feiern. Aber die Annexionen und atomaren Drohungen verstören inzwischen auch seine Kernwählerschaft – ein Porträt.

Wladimir Putin griff nach den Händen seiner Nebenmänner, legte sie übereinander, schaukelte das Bündel aus Fingern und Ärmeln im Takt der „Russland, Russland!“-Rufe, die der Saal skandierte. Putins Augen strahlten, sein Gesicht verzog sich zu einem glücklichen und etwas brutalen Lächeln. Das Gesicht eines Knaben, der nicht nur an seinem Geburtstag bestimmt, welche Spiele gespielt werden.

Vergangenen Freitag hat Wladimir Putin mit einer völkerrechtlich sehr fragwürdigen Zeremonie im Kreml die zumindest teilweise besetzten Regionen in der Ukraine zu russischem Staatsgebiet erklärt. Eine Woche vor seiner offiziellen Geburtstagsfeier: An diesem Freitag wird Russlands Präsident 70 Jahre.

Putin ist etwas rundlich geworden, sein Gang schaukelt leicht

Putin tat dabei, was er seit Jahren am liebsten tut. 37 Minuten lang erklärte er dem Kremlpublikum seine Sicht auf die Weltgeschichte. Mit Temperament und manchmal vor Empörung zitternder Stimme sprach er von den Verbrechen des Westens seit dem Mittelalter, dessen Neokolonialismus jetzt in einem Vernichtungsfeldzug gegen Russland gipfele.

Und er sprach von Atombomben. Die USA hätten schon zweimal Kernwaffen eingesetzt, dabei Hiroshima und Nagasaki zerstört. „Damit haben sie übrigens einen Präzedenzfall geschaffen.“ Die Welt rätselt, ob Putin diesen Präzedenzfall für einen eigenen Nuklearschlag nutzen will.

Putin ist kein Greis, kein Patient – anders als sein Vorgänger

Er ist etwas rundlich geworden, sein Gang schaukelt leicht, sein Gesicht wirkt leicht geschwollen. Ärzte mutmaßen, er leide am Parkinson-Syndrom, auch weil er die linke Hand jetzt mit Vorliebe irgendwo festhält. Aber Putin ist kein Greis, kein Patient, noch immer kann er stundenlang räsonieren und wirkt hinterher munterer als seine Zuhörer:innen.

Kein Vergleich zu Boris Jelzin, als der, mit 68, herzkrank und alkoholabhängig, an Silvester 1999 Putin mit schleppender Stimme zu seinem Thronfolger ausrief. Einen kleinen, drahtigen Judoka und gelernten Geheimdienstler, damals 47.

Handschlag: An Silvester 1999 übernimmt Putin von Jelzin. Foto: ITAR-TASS / AFP.
Handschlag: An Silvester 1999 übernimmt Putin von Jelzin. Foto: ITAR-TASS / AFP. © afp

Putin hat den Westen im Fokus

Der Bevölkerung präsentierte Putin sich von Anfang an als Mann deftiger Sprüche und Taten. „Murkst sie ab, wenn nötig, im Klo!“, befahl Putin den Truppen im Krieg gegen die tschetschenischen Separatisten. Vorher waren bei einer Serie von Wohnhausexplosionen 367 Russ:innen ums Leben gekommen, der Kreml machte die Tschetschenen verantwortlich. Obwohl in der Großstadt Rjasan FSB-Agenten festgenommen wurden, die verdächtige Säcke in den Keller eines Wohnhochhauses geschleppt hatten – der FSB sprach von einer Übung.

Putin richtete seinen Sarkasmus bald auch gegen den Westen. Einen französischen Journalisten, der ihm 2002 die zivilen Opfer in Tschetschenien vorhielt, schnauzte er an: „Wenn Sie selbst radikaler Islamist werden wollen und bereit sind, sich beschneiden zu lassen, lade ich Sie nach Moskau ein. Unsere Spezialisten sorgen dafür, dass nichts nachwächst.“

Putin soll ein Vermögen von 100 bis 130 Milliarden beiseite geschafft haben

Die meisten Menschen in Russland freute so was. Putin verschaffte ihnen – zunächst verbal – Genugtuung für den verlorenen Kalten Krieg. Und Putin war ein Staatschef mit Fortune, in seinen ersten zwei Amtsperioden kletterte der Ölpreis von unter 20 auf über 100 Dollar, die Wirtschaft boomte, die Durchschnittslöhne stiegen jährlich um über 50 Prozent.

Im September, noch nach der Mobilmachung, unterstützten laut dem Meinungsforschungszentrum Lewada noch immer 77 Prozent der Russ:innen ihren Präsidenten. Bis heute stört es nur eine Minderheit, dass er nach Einschätzung des schwedischen Wirtschaftsexperten Anders Oslund über Strohleute ein Vermögen von 100 bis 130 Milliarden beiseite geschafft hat. Auch frühere Datschennachbarn und Judo-Kameraden Putins sind Dollar-Milliardäre.

„Den Russen hat es immer imponiert, wie reich Putin ist“

Aber Putin ist ein Sohn proletarischer Eltern, teilte mit ihnen ein 21-Quadratmeterzimmer in einer Leningrader Kommunalwohnung. Putin wuchs in der gleichen Gefühlswelt auf wie die meisten Russ:innen, die die Sowjetunion noch mitbekommen haben. Sie hingen vom Staat ab, bekamen von ihm Arbeit und Wohnraum zugeteilt. Aber über seine Parolen machten sie Witze. Sie ließen sich Kommunismus predigen und klauten Klopapier. Und sie knüpften mit Verwandten, Datschennachbarn und Kindheitsfreundinnen private Netzwerke, um sich gegenseitig Wurst zu organisieren. „Den Russen hat es immer imponiert, wie reich Putin ist“, sagt der Moskauer Geschichtslehrer Maxim. „Und wer kann, klaut im kleinen Stil selber.“ Und als Putin 2014 die Krim annektierte, gipfelte die Zustimmung in sowjetnostalgischer Euphorie.

Putin ist wie ein Großteil der Russ:innen Kind einer Gesellschaft ohne ein funktionierendes Wertesystem. Er predigt die Überlegenheit der „traditionellen russischen Werte“. Aber konkret kann er nur sehr globale Tugenden nennen: Mitleid, Kinderliebe, Achtung vor der Familie. Dabei liegt die Scheidungsrate in Russland mit 73 Prozent deutlich über den 46 Prozent in den USA.

„Sie lügen wie Göbbels“, warf Putin kürzlich dem Westen vor

Eine weitere russische Nationalqualität ist laut Putin Wahrheitstreue. „Sie lügen wie Göbbels“, beschuldigt er den Westen kürzlich. Aber seine eigenen Unwahrheiten sind berühmt. Putins Flunkerei von 2014, die russischen Soldaten auf der Krim seien örtliche Landsturmmänner, die ihre Ausrüstung in Military-Läden gekauft hätten, feierte die vaterländische Öffentlichkeit hinterher als Kriegslist. Auch daran, dass er noch diesen Februar verkündete, man plane nicht, ukrainische Gebiete zu besetzen, wollte sich bei den Annexionsfeierlichkeiten niemand erinnern. Doch selbst die Kernwählerschaft war geschockt, als er am 21. September die Teilmobilmachung „zur Verteidigung des eigenen Vaterlandes“ ausrief. Obwohl sein Verteidigungsminister am gleichen Tag versicherte, man habe in der Ukraine in sieben Monaten nur 5000 Mann verloren, aber 50 000 Feinde vernichtet... „Putin ist verrückt geworden“, sagt jetzt auch ein erzpatriotischer Moskauer Chefmanager im Privatgespräch.

An jeder unangenehmen Weggabelung wird er die Eskalation wählen, bis zu den Atomwaffen.

Ein Mitarbeiter Putins zum Rechercheportal Faridaily

Seit Jahren hegt Putin einen weiteren vaterländischen Wert: die Atombombe. Schon 2007 erklärte er, Russlands traditionelle Konfession und sein Nuklearschild seien die Grundvoraussetzungen für die Sicherheit des Landes. Sieben Jahre später klagte er, der Westen wolle dem russischen Bären Krallen und Zähne, also „seine atomaren Abschreckungsmittel“ ziehen. 2018 versicherte er noch, Russland werde Atomwaffen nur als Antwort auf einen Nuklearangriff anwenden, dabei aber die Apokalypse in Kauf nehmen. „Wir kommen als Märtyrer in den Himmel, sie aber verrecken“, fabulierte er.

Putins neue territoriale Souveränität leckt bereits

Seit dem 24. Februar droht er mit dem Erstschlag: Wer sich in seinen Ukrainefeldzug einmische, den erwartete eine blitzartige Antwort mit Instrumenten, wie sie kein anderes Land besitze. „Bei einer Bedrohung der territorialen Unversehrtheit unseres Landes“, legte er bei der Ankündigung der Annexionsreferenden nach, „werden wir zweifelsohne alle uns zur Verfügung stehenden Mittel nutzen. Das ist kein Bluff.“

Aber nachdem am Mittwoch die Annexion in Russland rechtskräftig wurde, hätte er die ersten Raketen eigentlich schon abschießen müssen. Schließlich umfasst die Annexion Gebiete, die die Ukrainer entweder halten oder gerade zurückerobern. Putins neue territoriale Souveränität leckt bereits. Und die Frontlage wirkt immer kritischer.

Putin hat sich nach Ansicht eines Politologen verzockt

Ein Mitarbeiter Putins sagt dem Rechercheportal Faridaily, für Putin gäbe es kein Zurück. „An jeder unangenehmen Weggabelung wird er die Eskalation wählen, bis zu den Atomwaffen.“ Allerdings neigen solche kremlnahen Quellen dazu, Medien genau das zuzuflüstern, was Putin selbst gern in die Welt setzen würde.

Regimekritiker:innen glauben, Putin bluffe. Sein imperialer Spleen sei unecht, sagt der Exiloppositionelle Leonid Wolkow. „Seiner DNA nach ist er ein kleiner Gauner, ein Genießer, er liebt junge Mädchen, ein schönes Leben, Schlösser, Luxusyachten.“ Putin hat sich nach Ansicht des Politologen Juri Korgonjuk verzockt. „Seine letzte Karte ist die Atombombe, aber mit ihr kann er nur drohen, nicht schlagen.“ Auch Putin habe Kinder und Enkel. „Er mag ein Betrüger sein, aber kein Selbstmörder.“

Putin klingt grimmig und gleichzeitig begeistert

Am Ende der Annexionsfeierlichkeiten rief Putin von einer Konzertbühne der Menschenmenge auf dem Roten Platz zu: „Wir sind stärker geworden, weil wir zusammen stehen. Wir haben die Wahrheit hinter uns, in der Wahrheit aber liegt die Kraft, also der Sieg!“ Er klang grimmig und gleichzeitig begeistert.

Nach dem Absingen der Nationalhymne schüttelte Putin einige Hände, mit eher kaltem Gesichtsabdruck. Dann ging er allein ab, in die entgegengesetzte Richtung wie seine Begleiter. Ein kleiner Mann, unterwegs in seinem eigenen Tunnel. (Stefan Scholl)

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