Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Osteuropa-Konflikt

Putin zündelt – Tonlage zwischen Russland und Ukraine wird rauer

  • Ulrich Krökel
    vonUlrich Krökel
    schließen

Im Donbecken wird wieder geschossen. Der ukrainische Hoffnungsträger Selenskyj ist reduziert auf einen trüben Feldherrn, während Kremlchef Putin beleidigt tut und zündelt.

Kiew – Wolodymyr Selenskyj stapft durch den Aprilmatsch des Donezbecken, dem ostukrainischen Kohlerevier Donbass. Der Stahlhelm sitzt ihm fest auf dem Kopf, wie die schusssichere Weste seinen Brustkorb umschließt. Der Präsident der Ukraine ist schließlich auch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, und er als solcher und als Präsident ist er gekommen, um bei seinen Soldaten „den Kampfgeist zu stärken“.

Putin zündelt: Tonlage zwischen Russland und Ukraine verschärft sich

Denn seit Ende März wird im Donbass der Ukraine wieder vermehrt geschossen, vor allem entlang der freundlich umschriebenen Kontaktlinie, die in Wahrheit eine Frontlinie ist. Im Westen stehen die regulären ukrainischen Truppen. Ihnen gegenüber im Osten kämpfen separatistische Milizen, die aus dem nahen russischen Hinterland mit allem versorgt werden, was die russischen Arsenale so hergeben: Kalaschnikows, Munition, Panzer, Raketenwerfer, Scharfschützengewehre... Kürzlich erst wurden mit letzteren vier ukrainische Soldaten getötet. „Menschen“, betont Selenskyj, denkt kurz nach und fügt dann hinzu: „Helden“.

Russlands Präsident Wladimir Putin. (Archivfoto)

Mit seinen 43 Jahren wirkt der Präsident der Ukraine auf den Fernsehbildern keineswegs alt, aber gealtert schon. Dabei ist es erst zwei Jahre her, dass er die Welt in Staunen versetzte. Der politisch völlig unbeleckte TV-Komiker gewann im April 2019 nicht einfach nur die Präsidentenwahl in der Ukraine. Mit 73 Prozent schlug er den mächtigen Amtsinhaber Petro Poroschenko geradezu vernichtend. Es war kaum zu glauben: Ein blutiger Amateur schickte den Politprofi mit einem Hieb auf die Bretter.

Wolodymyr Selenskyj: Der Präsident der Ukraine wirkt keinesfalls alt, aber gealtert schon

Dabei war das Geheimnis von Selenskyjs Erfolg denkbar einfach: Der Mann war neu, unverbraucht. Er gehörte nicht zu jener korrupten Kaste aus Oligarchen und Mafiapaten, die der noch jungen Ukraine eine Krise nach der anderen bescherten. Er versprach, alles anders zu machen. Vor allem dies: „Unsere erste Aufgabe wird es sein, den Krieg im Donbass zu beenden.“ Für Frieden mit Russland werde er alles opfern, auch Amt und Ansehen.

Doch von diesen hehren Plänen ist wenig geblieben. Heute steht Selenskyj auf ähnlich verlorenem Posten wie einst Poroschenko. Via Twitter fordert er den schnellen Beitritt der Ukraine zur Nato. Das sei „der einzige Weg, den Krieg zu beenden“. Die Reaktionen im Westen bleiben verhalten. Tags darauf ist der Präsident zu Besuch in den Schützengräben des Donbass.

Präsident Selenskyj (r.) zeichnet einen Soldaten an der Front aus.

Vor ziemlich genau sieben Jahren gab es dort die ersten Toten dieses Krieges, der mittlerweile mehr als 13 000 Menschenleben gefordert hat. Am 13. April 2014 ordnete das Innenministerium in Kiew eine „Antiterror-Operation“ in den Regionen Donezk und Luhansk an, wo prorussische Separatisten die Macht an sich zu reißen versuchten. So wie zuvor auf der Krim. Im Eiltempo hatte Moskau im März die Schwarzmeer-Halbinsel annektiert. Das wollte Kiew im Donbass nicht auch noch sehen. Also rollten die Panzer.

Ukraine und Russland: Vor sieben Jahren gab es die ersten Toten in dem Krieg in der Ukraine

Allerdings gab es damals, nach der prowestlichen Maidan-Revolution, nur eine provisorische Regierung der Ukraine. Als Poroschenko zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Separatisten in Donezk und Luhansk bereits eigene „Volksrepubliken“ ausgerufen. Dabei blieb es. Die Milizen kontrollieren die Region bis heute, dank umfassender Unterstützung aus Russland. Auch Selenskyj hat längst begriffen, dass die Entscheidung über die Zukunft des Donbass in Moskau fällt. Der junge Präsident hat eine steile Lernkurve hinter sich. Bei seinem Amtsantritt hatte er noch verkündet, die ganze Sache „unter vier Augen“ mit Kremlchef Wladimir Putin klären zu wollen. Doch der starke Mann in Moskau ignorierte den Neuen in Kiew.

Schlimmer noch: Russland begann damals Pässe an die Bevölkerung in den „Volksrepubliken“ auszugeben. Fast eine halbe Million der rund sechs Millionen Menschen im Donbass hat bislang zugegriffen, obwohl die Region weiterhin völkerrechtlich zur Ukraine gehört. Das bestreitet auch der Kreml nicht, interessiert sich gleichwohl dafür auch nicht. Die russischen Behörden teilen nicht nur Pässe aus, sondern lassen für Renten und Beamtengehälter auch den Rubel rollen. All das nährt in der Ukraine die Sorge, Putin könnte alsbald Fakten schaffen, Völkerrecht hin oder her. So wie auf der Krim. Oder wie 2008 in Georgien.

Putin schickte Truppen in die Ostukraine.

Ukraine: Russland gibt sich nicht einmal die Mühe, zu dementieren

In einem kurzen Krieg um die separatistische Region Südossetien drangen russische Truppen weit nach Georgien hinein. Für den Friedensschluss musste Tiflis einen hohen Preis zahlen: den faktischen Verlust seiner territorialen Einheit. Russland erkannte die Regionen Südossetien und Abchasien als unabhängig an und betreibt seither eine schleichende „militärische und wirtschaftliche Annexion“, wie es die Kaukasus-Kennerin Marion Kipiani formuliert. Ein ähnliches Szenario halten Fachleute auch im Donbass für denkbar. Zumal investigative Medien seit Ende März fast täglich neue Bilder und Berichte liefern, die von einer massiven Verstärkung der russischen Truppenpräsenz am Nordrand der Schwarzen Meeres zeugen. Ganze Züge voller Panzer rollen durch die Gebiete Woronesch und Rostow am Don. Der Kreml gibt sich nicht einmal die Mühe, das zu dementieren.

„Friedenstruppen“ aus Russland in den Donbass: Alles spricht für eine Machtdemonstration in der Ukraine

Alles spricht also für eine Machtdemonstration. Nur mit welchem Ziel? Für die plausibelste Variante halten Sicherheitsexperten die Entsendung einer russischen „Friedenstruppe“ in den Donbass. So wie auch in Abchasien und Südossetien mehrere Tausend russische Soldaten stationiert sind. Allerdings würde das dem Minsker Friedensplan für die Ostukraine widersprechen, der 2015 unter Vermittlung von Frankreich und Deutschland zustande kam. Das wäre mehr als ein diplomatischer Affront. Hinweise, dass Putin einen solchen Schritt erwägt, gibt es gleichwohl. In einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beschwerte sich der russische Präsident erst am Donnerstag in düsteren Worten über nicht zu duldende „ukrainische Provokationen“. (Ulrich Krökel)

Rubriklistenbild: © Kremlin Pool/Imago Images

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare