1. Startseite
  2. Politik

Putin-Experte: „Wenn Russen eine Stadt einnehmen wollen, zerstören sie sie einfach“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

Der Stratege Pierre Servent spricht im Interview über die Entwicklungen an den Fronten und warum man mit Putin trotz aller Lügen weiterhin reden soll.

Pierre Servent ist in Paris ein bekanntes Gesicht: Der 68-jährige Militärexperte und Publizist kommentiert für französische Medien Fragen der europäischen Sicherheit und Verteidigung – und zurzeit vor allem den Ukraine-Krieg. Als ehemals aktiver Offizier verfügt er über beste Kontakte zu Geheimdiensten der Nato. Zwischendrin war er auch mal Sprecher des Verteidigungsministeriums und hat entsprechend strategischen Blick auf Moskau.

Herr Servent, wird der Krieg in der Ukraine noch lange dauern?

Das ist äußerst schwer zu sagen. Niemand weiß, was nach den Pseudo-Referenden in der Ostukraine noch geschieht; niemand könnte sagen, ob sich die Proteste gegen die Teilmobilisierung in Russland ausweiten. Selbst die Frage, wie isoliert Wladimir Putin ist, lässt sich kaum beantworten, obschon Unterstützung durch China, Indien und die Türkei beim Samarkand-Gipfel relativ lau schien.

Ukraine-Krieg: „Das einzige, was die Russen beherrschen, ist Zerstörung“

Wie ist militärische Lage?

Die Ukrainer haben mit ihrer jüngsten Offensive die Dynamik auf ihrer Seite. Und ihre taktischen Erfolge kommen nicht von ungefähr: Die haben strukturelle Gründe. Kiew profitiert vom Nachrichtendienst der USA und der Europäer und hat eigene Leute hinter den russischen Linien. Ferner haben die Ukrainer modernes Gerät, so sehr ihnen Kampfpanzer und Jets fehlen. Sie lernen sehr schnell und haben eine gute Truppenmoral, da sie an den Sieg glauben.

Ein ziemlicher Kontrast zur russischen Seite...

Ja, die Russen sind weit entfernt von der Koordination der ukrainischen Armee, bei der Heer und Luftwaffe, Infanterie und Artillerie, Logistik und Pionierwesen eng kooperieren. Das einzige, was die Russen beherrschen, ist die Zerstörung von Städten, mit dem Tod zahlloser Zivilisten. Die russischen Soldaten sind schlecht motiviert. Das gilt noch stärker für die Reservisten, die Putin nun einberuft.

Moskau verliert nun auch Terrain in der Ostukraine. Und im Süden kommt die Schein-Offensive bei Cherson ebenso voran.

Die Ukrainer können mit Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nicht einfach eine Stadt wie Cherson bombardieren, wie das die Gegenseite tut. Wenn die Russen eine Stadt einnehmen wollen, zerstören sie sie einfach zu 80 oder 90 Prozent – wie 1996 in Grosny. Die Ukrainer haben es deshalb eher auf das russische Armeekorps in der Dnjepr-Schlaufe abgesehen. Sie suchen es in einer Art „Stalingrad“ einzukesseln und mit dauerndem Artilleriebeschuss zu belegen.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen sind „leichtes Ziel für ukrainische Artillerie“

Wenn Sie von Stalingrad sprechen: Hat Russland im Zweiten Weltkrieg nicht vorgemacht, dass es über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Truppen verfügt, das es als Kanonenfutter einsetzt und damit 1945 sogar die Deutschen überwinden konnte?

Dieser Masseneffekt kommt in der teils verschachtelten Ukraine weniger zum Tragen als in den weiten Steppen der großen Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs im Osten. Wenn der russische Generalstab nun 300.000 Mann aufbietet, halst er sich damit womöglich mehr Probleme auf, als er löst. Diese Truppen sind ein leichtes Ziel für die ukrainische Artillerie. Sie haben kaum Tarnung, schlafen teils in Kartonkisten.

Pierre Servent glaubt nicht an den Nuklear-Einsatz. Bruno Klein
Pierre Servent glaubt nicht an den Nuklear-Einsatz. Bruno Klein © Bruno Klein

Was die Truppenmoral auch nicht gerade fördert.

In Moskau traut die Duma den eigenen Soldaten nicht mehr: Das Parlament hat die Strafen für Deserteure und Materialdiebe heraufgesetzt, und dies nicht erst bei der Teilmobilisierung. Das sagt viel aus über den Zustand des Militärs. Wobei nicht alle Reservisten an die Front kommen. Viele ersetzen in Russland in den Kasernen besser ausgebildete und bewaffnete Regimenter, die stattdessen an die Front geschickt werden. Ihr Einsatz wird allerdings noch Monate in Anspruch nehmen.

Welcher Seite wird denn der kommende Winter nützen?

Im Herbst bremsen die nassen Böden die ukrainischen Offensivtruppen. Sie dürften deshalb im verbleibenden Jahr eher einen Partisanenkrieg hinter den russischen Linien aufziehen, mit gezielten Attacken auf Truppen, Treibstofflager und Material. Dazu kommen Nachteinsätze per Hubschrauber oder auch zu Fuß. In der Krim waren solche Operationen sehr wirksam. Im Winter, wenn die Böden hart sind, könnte Kiew dann neue Offensiven starten.

„Wenn Putin Atomwaffen einsetzen will, braucht er dafür das Kriegsrecht nicht“

Was kann Putin dagegen tun?

Er dürfte noch mehr Truppen aufbieten, treu seiner überholten Armeeplanung aus dem 20. Jahrhundert. Im eigenen Land könnte er zudem das Kriegsrecht ausrufen, falls die Polizei die Lage nicht mehr in den Griff kriegt. Das würde es ihm erlauben, Unternehmen zu requirieren und die Freiheiten noch ganz aufzuheben. Jede missliebige Berichterstattung durch ausländische oder heimische Medien oder auch nur Handyvideos würden verboten. Soweit ist es allerdings noch nicht: So spektakulär die Proteste nach außen wirken, beschränken sie sich doch bisher auf wenige Rekrutierungszentren und Randgebiete.

Wäre das Kriegsrecht ein weiterer Schritt hin zum Einsatz von Atomwaffen?

Nein, wenn Putin Atomwaffen einsetzen will, braucht er dafür das Kriegsrecht nicht.

Sind seine Drohungen ernstzunehmen?

Man muss die Drohungen dieser Person leider ernst nehmen. Ich gehörte zu den wenigen, die Anfang des Jahres glaubten, dass Putin die Ukraine wirklich angreifen würde. Das sage ich deshalb, weil ich heute nicht glaube, dass Putin Atomwaffen einsetzen würde. Ihre Zerstörungswucht ist gewaltig: Selbst die taktischen Nuklearwaffen – die schwächer sind als die strategischen – sind noch zehnmal stärker als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 mit ihren 200.000 Toten.

Putin kann es sich nicht leisten, in Kiew, wo auch viele Russen und Russlandfreunde leben, zwei Millionen Menschen umzubringen. Die Vergeltung durch den Westen wäre massiv, auch verlöre Putin die Unterstützung der Chinesen, Inder und Türken. Seit Hiroshima sind Atomwaffen ein Tabu. Setzt Putin sie ein, weil er mit konventionellen Waffen nicht weiterkommt, würde er völlig isoliert und aus der Weltgemeinschaft verbannt. Das wäre sein Ende. Aber Putin hat andere Möglichkeiten.

Ukraine-Krieg: Putin könnte chemische Waffen einsetzen

Welche?

Ich denke an den Einsatz chemischer Waffen. Und nicht direkt, sondern durch den Angriff auf die Nitrat- und Ammoniak-Lager der wichtigen ukrainischen Düngerwirtschaft. Nach dem üblichen Szenario würde Putin dann behaupten, die Ukrainer hätten die Lager gesprengt, um sie als chemische Waffen gegen die Russen einzusetzen. So wie Putins Verbündeter Baschar al-Assad in Syrien die Opposition verantwortlich machte, nachdem er chemische Waffen gegen Zivilisten eingesetzt hatte.

Kurz zum Schluss: Sollten westliche Engagierte wie Präsident Macron trotz der bisherigen Nutzlosigkeit – und trotz aller Kriegsverbrechen und Lügen – weiter mit Putin telefonieren?

Ja, dieser Kanal sollte bestehen bleiben, auch wenn wir uns da keinerlei Illusionen hingeben dürfen.

Was meinen Sie: Sollte Putin geschont werden, damit er sich nicht in die Enge gedrängt fühlt und noch gefährlicher wird – oder gehorcht er, wie Sie schon vor dem Krieg sagten, nur dem Recht des Stärkeren?

Das Zweitere: Putin hat einen Raubtier-Charakter, er versteht nur das Recht des Stärkeren. (Das Interview führte Stefan Brändle)

Auch interessant

Kommentare