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Proteste in Moskau: Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen traut sich auf die Straße.  

Russland

Wladimir Putin bei Jugendlichen nicht beliebt

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Nur 15 Prozent der Jugendlichen in Russland finden Wladimir Putin sympathisch. Auch beim Thema LGBT weicht die Meinung der Jungen vom Mainstream ab.

Die Zeitung Kommersant versuchte das Beste draus zu machen und titelte: „Die Schüler verehren Wladimir Putin.“ Tatsächlich erreichte der russische Präsident bei einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Agentur „MP Analitika“ unter russischen Jugendlichen den höchsten Popularitätswert. Aber als sympathisch bezeichneten ihn absolut nur 15 Prozent der 1057 befragten 10- bis 18-Jährigen aus 52 Regionen. Der Nationalpopulist Wladimir Schirinowski kam auf 7,3 Prozent, Regierungschef Dmitri Medwedew auf 2,8 Prozent. 15 Prozent fanden keinen Politiker sympathisch, 56,5 Prozent antworteten nicht. „Putin und Medwedew sind ziemlich frech“, erklärt die zehnjährige Viertklässlerin Inna aus Moskau unserer Zeitung etwas altklug. „Weil sie sich als Präsidenten abwechseln.“

Nach der Studie weichen die Ansichten russischer Teenager zum Teil stark vom politischen Mainstream der Öffentlichkeit ab. Auch wenn der Politologe Juri Korgonjuk die niedrigen Sympathiewerte für Putin und Medwedew statt mit der Ämterrochade von 2012 mit der allgemeinen apolitischen Stimmung erklärt.

Weiter interessieren sich laut „MP Analitika“ 67 Prozent der Jugendlichen nicht für Politik. 62 Prozent bezeichnen sich als Patrioten, 13 Prozent sind stolz auf die vaterländische Natur, 11 Prozent auf das riesige Staatsgebiet, 10 Prozent auf die menschlichen Eigenschaften ihrer Landsleute, sieben Prozent auf die Geschichte Russlands und sechs Prozent auf den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Zum Vergleich: Bei einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums Ende 2018 nannten 87 Prozent der russischen Erwachsenen den Sieg von 1945 als Hauptgrund ihres Nationalstolzes.

35 Prozent der Jugendlichen bezeichnen die Lage im Land als „Stabilität ohne Veränderung“, 28 Prozent reden von „Entwicklung“, 25 Prozent von „Niedergang“. 46 Prozent interessieren ökologische Probleme, 90 Prozent wünschen sich schärfere Naturschutzgesetze, 31 Prozent einen aktiveren Kampf gegen die Korruption. Und 48 Prozent fordern ein besseres Bildungssystem. „Es ist doch paradox“, sagt Alexander, 16, aus Twer an der Wolga, „dass der Staat die Lehrer, die uns für die Zukunft vorbereiten, so miserabel bezahlt.“

Manche Antworten von Russlands Jugendlichen ähneln denen der Teenager im Westen. 66 Prozent von ihnen kennen Altersgenossen, die bereits sexuelle Kontakte haben. Knapp die Hälfte glaubt, man sollte erst mit 16 bis 18 Jahren damit anfangen. Nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos von 2017 erleben deutsche Jugendliche im Durchschnittsalter von 17,2 Jahren den ersten Sex.

Ein Drittel der befragten russischen Teenager gibt an, in ihrer Umgebung gäbe es Homosexuelle. In Russland ist Propaganda für „nichttraditionellen Sex“ gesetzlich verboten. Die Staatsmedien verunglimpfen LGBT als von dekadenten westlichen Einflüssen verdorbene Minderheit. Aber laut „MP Analitika“ besitzen 13 Prozent der jungen Russen ein „vertrauliches Verhältnis“ zu LGBT, 68 Prozent haben nichts gegen sie, nur 17 Prozent fühlen sich von ihnen gestört.

„Tatsächlich zielt das Gesetz gegen die sogenannte Schwulenpropaganda nicht wirklich darauf, die Tugend unserer Jugend zu retten“, sagt Politologe Korgongjuk. „Es will die Liberalen, die das Gesetz kritisieren, als Verteidiger von Kinderschändern hinstellen.“ Pädagogen, die ernsthaft mit den Kindern arbeiteten, kümmerten sich nicht um dieses Gesetz. „So wie sich der Staat nicht um diese Pädagogen kümmert.“

70 Prozent der russischen Schüler wissen von den Protesten in diesem Sommer. 64,5 Prozent glauben, ihre Teilnehmer kämpften gegen die Ungerechtigkeit. Aber 75 Prozent würden nicht an einer ungenehmigten Demo teilnehmen. „Wenn sie dich erwischen, hast du einen Haufen Probleme, du kannst von der Schule fliegen oder kriegst keinen Studienplatz mehr“, erklärt Alexander aus Twer. Erst wenn er aus diesem problematischen Alter heraus sei, könne er sich vorstellen, auf die Straße zu gehen.

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