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Welches Geschlecht hat das Küken im Ei? Auch das beschäftigt Forscher, hier in der Technischen Universität Dresden.

Forschung

Was die Wissenschaft der Politik wert ist

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Fünf Fachgesellschaften schicken einen Katalog mit Fragen zum Thema Forschung an die Parteien. Auf ihre Fragen erhielten sie viele allgemeine, und zum Teil sehr ähnlich lautende Aussagen.

Ohne die Wissenschaft wäre die Menschheit in vielen Dingen seit der Antike nicht  viel weiter gekommen. Wir würden immer noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, wähnten uns als Mittelpunkt des Universums, mangelnde Hygiene und Infektionen würden viele bereits in jungen Jahren dahinraffen. Fortschritt in der Wissenschaft hilft, die Welt zu verstehen, Krankheiten den Schrecken zu nehmen, den Alltag zu erleichtern; gleichzeitig könnten entgleister Forscherdrang und missbrauchte Ergebnisse auch Schlimmes anrichten, sogar die gesamte Erde vernichten. Trotz dieser großen Bedeutung spielen Wissenschaft und Forschung im Wahlkampf traditionell keine sehr wichtige Rolle; eher selten, dass das Thema bei Talkshow-Auftritten oder an den Ständen der Parteien zur Bundestagswahl umfassend diskutiert würde; den Komplex Klima/Energiewende einmal ausgenommen.

Um sich einen Überblick über die verschiedenen Positionen in der Politik zu verschaffen, haben fünf wissenschaftliche Fachgesellschaften nun einen Fragenkatalog an die im Deutschen Bundestag und in den Länderparlamenten vertretenen Parteien (CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke, AfD) geschickt. Konkret beteiligt waren der Dachverband der Geowissenschaften, die Deutsche Mathematiker-Vereinigung, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, die Gesellschaft Deutscher Chemiker sowie der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin.

Wissenschaftliche Fakten als wichtige Basis

Auf ihre Fragen erhielten sie von den Parteien viele allgemeine, und zum Teil sehr ähnlich lautende Aussagen, die wohl auch die große Mehrheit der Bürger unterschreiben würde: Wie wichtig eine freie, unabhängige Wissenschaft sei. Dass die Arbeit der Forscher „nach den Leitlinien und qualitativen Standards der guten wissenschaftlichen Praxis“ zu erfolgen habe (CDU). Dass man die „Forschungs- und Technologieakzeptanz der Bürgerinnen und Bürger erhöhen“ wolle (SPD). Dass es „mehr Räumen für Kommunikation und Begegnung zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik“ bedürfe (Grüne). Dass eine ethische Begleitung der Forschungsarbeit wichtig sei und ebenso deren Transparenz (letztere wollen die Grünen als „Grundprinzip“ in der öffentlich finanzierten Wissenschaft verankern).

Wissenschaftliche Fakten als eine wichtige Basis für die politische Entscheidungsfindung anzusehen – das reklamiert jede der angeschriebenen Parteien für sich; zudem geben sie sich alle als Förderer der Forschung. Die SPD mahnt an, dass nicht „kurzsichtige Nutzungs- und Verwertungschancen“ im Vordergrund stehen dürften. Die FDP wiederum fordert, „bei zukunftsweisenden Technologien und neuen Forschungsrichtungen“ sollten die Chancen und mögliche Risiken „nüchtern abgeschätzt werden, statt pauschalisierende Verbote zu erlassen“. Die Linke will unter anderem im Hinblick auf Klimawandel und die Verschmutzung der Meere „den Einfluss von Lobbyverbänden und Interessengruppen“ zurückdrängen. Und die AfD gibt gar an, dass die Notwendigkeit, „Politik wieder auf Grundlage von naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fakten zu machen“ einst einer der Gründe für die Gründung der Partei gewesen sein soll.     

Finanzmittel anheben

Was ihnen Wissenschaft und Forschung an Investitionen und konkreten Vorhaben wert ist, dazu liefern die Parteien nur ein paar grobe Angaben. CDU und SPD erklären, bis 2025 die Investitionen in Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen zu wollen (derzeit drei Prozent), die Grünen sprechen von „mindestens 3,5 Prozent); alle anderen nennen keine Zahlen. Die CDU will die Finanzmittel für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen um vier Prozent anheben, finanziert je zur Hälfte von Bund und Ländern. Das Programm „Hightech-Strategie“ des Bundes, das die schnelle Umsetzung von Forschungsergebnissen zum Ziel hat, soll nach CDU-Plänen zusätzliche sechs Milliarden Euro zur Verfgüung gestellt bekommen. Vorangetrieben werden sollen dabei insbesondere die Felder digitale und nachhaltige Wirtschaft, Gesundheit, innovative Arbeitswelt, intelligente Mobilität und zivile Sicherheit.

Die Sozialdemokraten führen auf, dass sie unter anderem die Mittel der befristeten Wissenschaftspakete in eine dauerhafte Finanzierung überführen, die Forschungsförderung des Bundes für Fachhochschulen verdoppeln und die Programmpauschale für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fortsetzen wollen. Die Grünen möchten, dass das Potenzial der Wissenschaft im Hinblick auf eine „grüne Wirtschaft und mehr Lebensqualität“ besser „ausgeschöpft“ wird. Zudem fordern sie „eine Neuausrichtung der Hightech-Strategie des Bundes hin zu einer „Innovationsstrategie für Nachhaltigkeit“. Zudem schlagen sie eine steuerliche Forschungsförderung für kleine und mittelständische Unternehmen vor.

Die FDP will eine „MINT-Offensive“ starten, um die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen für Wissenschaft und Forschung zu entfachen, die Linke die Zivilgesellschaft stärker in die Forschungspolitik einbinden; bislang, so die Kritik der Partei, hätten sich viele öffentlich begrenzte Projekte nicht ausreichend am „gesellschaftlichen Nutzen“ orientiert.

Vielfältige und kleinteilige Hochschullandschaft

Damit Forschung vorankommt, dürfen Wissenschaftler nicht nur im eigenen Saft schmoren. Die fünf Gesellschaften fragten die Parteien deshalb auch nach dem Stellenwert des freien Austauschs von Wissenschaftlern in Europa und darüber hinaus. Die CDU will die Zahl der Alexander-von-Humboldt-Professuren schrittweise auf 20 pro Jahr verdoppeln. Die SPD hat ebenfalls vor, die Programme der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu stärken. Die FDP betont, dass Wissenschaft in Deutschland finanziell sowie in Bezug auf das Dienst- und Arbeitsrecht „konkurrenzfähig“ sein müsse. Die größten Auswirkungen hätte die Aussage der AfD, würde sie denn realisiert: Sie spricht sich gegen die „Nivellierung der internationalen wissenschaftlichen Ausbildung“ aus und will zurückkehren zu den früheren Abschlüssen Diplom und Magister sowie dem alten Staatsexsamensystem.

Die Hochschullandschaft ist in Deutschland ist in den vergangenen Jahren vielfältiger und auch kleinteiliger geworden. Die Fachverbände wollten wissen, ob eine stärkere Strukturierung angezeigt sei. Die Christdemokraten wollen die Differenzierung zwischen Universitäten und Fachhochschulen beibehalten. Leistungen wie Spitzenforschung und praxisrelevante Ausbildung könnten nicht sinnvoll von einem einzigen Hochschultyp abgedeckt werden. Bei den Fachhochschulen sollten die neuen Programme zur Karriereentwicklung gestärkt werden. Die Grünen sind dafür, dass Fachhochschulen und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften besser als bisher am Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft partizipieren und davon profitieren können.

Die Freien Demokraten betonen, dass ihnen die „Autonomie“ der Hochschulen wichtig – und die Kooperation zwischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ein zentrales Thema sei. Auch möchten sie „den Transfer von Wissen zwischen Hochschulen und Wirtschaft „weiter intensivieren“. Die Linke setzt sich dafür ein, „förderbedürftige Regionen“ bei der Finanzierung von Forschungseinrichtungen und Hochschulen besser zu berücksichtigen. Eine „Hierarchisierung im Hochschulsystem“ lehnt die Partei ab, das verstärke die „Selektion im Bildungssystem“.

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