Mehr Alltag sei gut für die Konjunktur, sagt Gropp.
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Mehr Alltag sei gut für die Konjunktur, sagt Gropp.

Coronavirus

Wirtschaftsforscher Gropp will Ende der „Geisteratmosphäre“

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Chef des Leibniz-Instituts fordert Rückkehr zur Normalität durch flächendeckende Tests.

Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, hält die Maßnahmen der Bundesregierung im Kampf gegen die ökonomischen Folgen der Corona-Krise für unzureichend und rät stattdessen zu einer raschen Normalisierung des Alltags, basierend vor allem auf Tests und einer Isolierung von Risikogruppen.

„Schon jetzt, mit relativ optimistischen Annahmen die Erholung betreffend, prognostizieren wir, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um rund zehn Prozent einbricht und erst 2022 wieder das Niveau vom Februar 2020 erreicht hat, was der schwersten Rezession der Nachkriegszeit entspräche“, heißt es in einer Analyse Gropps, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegt.

„Und selbst bei dieser Vorhersage unterstellen wir noch, dass die Maßnahmen nicht verlängert werden, dass es keine zweite Welle von Infektionen gibt und dass die Aufholeffekte schon im Herbst 2020 die Wirtschaft stark antreiben.“ Da die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen „einfach zu lange“ dauere, „um bis dahin die Infektionen auf dem gegenwärtig niedrigen Stand zu halten“ und die wirtschaftlichen Konsequenzen eines weiter andauernden Shutdowns „dramatisch wären“, rät der Ökonom zur Ausweitung von Tests, auch wenn diese Lösung teuer sei.

„Mit flächendeckenden, regelmäßigen Tests, die die Menschen selbst anwenden, könnten große Teile der Bevölkerung wieder zur Arbeit gehen, Restaurants oder sogar Bars besuchen – es könnte schlichtweg wieder Normalität einkehren. Masken in der Öffentlichkeit wären überflüssig“, sagt Gropp. „Die Geisteratmosphäre, die wir gegenwärtig vor allem in den Städten beobachten, würde verschwinden, und das Konsumverhalten der Menschen könnte sich wieder normalisieren.“

Gleichzeitig „müssten Risikogruppen systematisch identifiziert und isoliert werden“, findet der Wirtschaftsforscher. „Die Lockdown-Maßnahmen würden nicht mehr undifferenziert alle Menschen betreffen, sondern eine relativ kleine Gruppe, die einem deutlich höheren Mortalitätsrisiko ausgesetzt ist.“

Der IWH-Chef betont, es sei zwar nachvollziehbar und richtig, dass die Politik einem Menschenleben keinen ökonomischen Wert zumessen möchte und sich weigere, den wirtschaftlichen Wohlstand der Gesellschaft gegen Corona-Todesfälle aufzurechnen. Trotzdem sei der gegenwärtige Weg „nicht nachhaltig“. Er mahnt: „Politiker sollten nicht einseitig auf Infektionszahlen schauen, sondern das Gesamtbild im Auge behalten. Nur so können wir aus der gegenwärtigen Krise einigermaßen unbeschadet herauskommen.“

Debatte um Hilfen

Der Koalitionsausschuss zum geplanten Konjunkturpaket wird angesichts der komplizierten Ausgangslage auf zwei Tage ausgedehnt. Die am Dienstagnachmittag gestarteten Gespräche würden „am späten Abend“ unterbrochen, teilte CDU-Sprecher Hero Warrings auf Twitter mit. Am Mittwoch sollen sie nach der Sitzung des Bundeskabinetts wieder aufgenommen werden. 

Bei zentralen Punkten gab es im Vorfeld unterschiedliche Auffassungen bei Union und SPD. Dazu gehörten eine Entlastung von Kommunen, Steuerentlastungen für Unternehmen, ein Familienbonus sowie eine Prämie beim Autokauf. Als mögliche Bestandteile eines Konjunkturprogramms galten außerdem: Entlastungen beim Strompreis, weitere Hilfen für Schausteller, Solo-Selbstständige oder Künstler, Investitionen in die Infrastruktur, Zukunftstechnologien und den Klimaschutz und ein Vorziehen der Soli-Teilabschaffung. 

Umstritten war , wie viel das Programm kosten soll. CSU-Chef Markus Söder plädierte dafür, dass der Bund maximal 100 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufnehmen sollte. Bei der SPD stieß eine solche Grenze auf Ablehnung. 

Quer durch die Parteien geht der Streit beim Thema Autokaufprämie. Damit soll die in Deutschland bedeutsame Branche unterstützt werden. Die Autoländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen schlagen eine „Innovationsprämie“ auch für Autos mit Verbrennungsmotor vor. Kritiker sehen darin eine Bevorzugung einer Riesenbranche mit wenig klimafreundlichen Technologien. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) warnte vor einem möglichen Bumerang-Effekt einer Kaufprämie für Autos mit Benzin- oder Dieselmotor. In den kommenden Jahren werde das CO2-Thema wichtiger werden, sagte vzbv-Chef Klaus Müller der Tageszeitung „taz“ vom Dienstag. „Unter anderem dürfte Benzin teurer und die Kfz-Steuer ökologisiert werden.“ 

In einem gemeinsamen Appell forderten der Paritätische Gesamtverband, die Klimabewegung „Fridays for future“ und die Gewerkschaft Verdi ein sozial-ökologisches Konjunkturpaket. Die aktuelle Krise dürfe politisch nicht als Ausrede gegen eine ambitionierte Klimaschutzpolitik und einen funktionierenden Sozialstaat missbraucht werden, forderten die drei Akteure am Dienstag in Berlin. (dpa/afp/kna)

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