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Inzwischen werden auch viele Jüngere geimpft. Hausärzte und -ärztinnen werden in ihren Praxen teilweise überrannt.
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Inzwischen werden auch viele Jüngere geimpft. Hausärzte und -ärztinnen werden in ihren Praxen teilweise überrannt.

„Wirtschaftlicher Schwachsinn“

Corona-Impfung in Praxen: Aufhebung der Priorisierung „Mogelpackung“

Die Priorisierung der Impfstoffe wird bald aufgehoben. Doch Hausärzt:innen und Verbände in Hessen bemängeln den Druck, fehlende Planbarkeit und den mangelnden Impfstoff.

Frankfurt - Die Priorisierung bei den Corona-Impfungen fällt am Montag, und die Nerven liegen blank – auf allen Seiten. „Der Empfang einer Arztpraxis ist zurzeit ein Ort, an dem man lieber nicht arbeiten möchte“, sagt eine Sprechstundenhilfe im Frankfurter Westen: „Hier ist der Burnout programmiert.“

Schon jetzt werden die Haus- und Facharztpraxen überrannt. Aber erstens können einfach nicht alle gleichzeitig drankommen und zweitens „hört sich der Wegfall der Priorisierung erst einmal super an“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. „Aber solange der Impfstoff so begrenzt ist, ist das leider eine Mogelpackung. Und die Arztpraxen müssen das jetzt ausbaden.“

Corona-Impfung in Praxen: In Frankfurt verzichten zwei Drittel der Hausärzt:innen aufs Impfen

Zwei Drittel der 350 hausärztlichen und 517 fachärztlichen Praxen in Frankfurter machen beim Impfen mit. „Ich habe Verständnis für jeden Kollegen, der das nicht schafft“, sagt Jürgen Burdensky, Vorsitzender des Bezirks Frankfurt des hessischen Hausärzteverbands. In vielen Praxen gehen die jetzt schon auf dem Zahnfleisch. „Ihnen schlagen Unverständnis, Kritik und Beschimpfungen entgegen, die ganze Palette“, sagt KV-Sprecher Roth. Die Mitarbeiter:innen seien in einer Situation „permanenter Rechtfertigung, permanenter Erklärung, des permanenten Vertröstens“, beschreibt der Allgemeinmediziner Christian Sommerbrodt vom Hausärzteverband die Situation.

Priorisierung beim Impfen

Die Terminvergabe nach Priorisierung gemäß der bundesweit geltenden Impfverordnung endet am Montag, 7. Juni. Das Land Hessen empfiehlt daher allen Angehörigen der Priorisierungsgruppen 1 bis 3, die ihre Schutzimpfung in einem der 28 Impfzentren erhalten wollen, sich bis einschließlich Sonntag, 6. Juni 2021, zu registrieren.

Wer in Hessen wohnt und keiner Priorisierungsgruppe angehört, hat vom 7. Juni an die Möglichkeit, sich online oder telefonisch für die Schutzimpfung in einem Impfzentrum zu registrieren.
Das Land Hessen erhält rund 180 000 Dosen pro Woche für seine 28 Impfzentren. Dort werden in den nächsten Wochen überwiegend Zweitimpfungen vorgenommen.

Der Großteil der rund 470 000 Registrierten der Priorisierungsgruppe 3 erhält erst gegen Ende Juni Terminangebote.

Das Land wird die verfügbaren Impfstoffe zunächst diesen bis einschließlich 6. Juni Registrierten aus den Priorisierungsgruppen zur Verfügung stellen. (stn)

Impfen gegen Corona: Ärzt:innen versuchen den Mangel zu verwalten

Wie angespannt die Lage ist, verdeutlicht eine Praxis im Nordend auf ihrer Homepage: „Unsere Praxis erhält pro Tag 100 Mails mit Anfragen aller Art. Daneben erhalten wir 500 Anrufe, sodass wir während eines Telefonats bereits fünf weitere Anrufer in der Leitung haben. Bitte verlieren Sie nicht die Nerven und lassen Sie Ihre Aggressionen und Frustration nicht an unseren Praxismitarbeiterinnen aus.“

Das Chaos werde nicht von den Ärzten ausgelöst, sagt Roth. „Das ist die falsche Adresse, um seinem Ärger Luft zu machen.“ Alle Ärzte versuchten so viel zu impfen, wie sie können „und wie das Praxisteam es aushält“, unterstreicht Burdensky: „Organisatorisch sind die Impfungen dramatisch aufwendiger als alles, was wir kennen. So anstrengende Zeiten haben wir noch nie erlebt.“

Die Ärzte versuchten den Mangel zu verwalten, sagt Roth. Heißt: Montags bestellen die Praxen die Corona-Impfdosen, donnerstags, oft erst freitags, erfahren sie, wie viele sie erhalten – stets weniger als bestellt. „Dann setzen wir uns freitagsabends hin, telefonieren rum und vereinbaren Termine“, schildert Burdensky. Montagsnachmittags komme die Lieferung, sodass von Dienstag bis Freitag geimpft werden könne. Wenn aber nun die Betriebsärzte mitimpfen und auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren geimpft würden, mache es das nicht einfacher, fürchtet Roth: „Dadurch werden die individuellen Mengen an Impfdosen noch kleiner.“

Corona-Impfung: Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen bittet um Geduld

Das Problem sei die mangelnde Planbarkeit. Eine vernünftige Organisation ist laut dem KV-Sprecher nicht möglich. Burdensky geht noch weiter. Dass all der Organisationsaufwand „wirtschaftlicher Schwachsinn“ sei, könne man sich leicht ausrechnen. 20 Euro bekommt der Arzt pro Impfung. Von sechs Impfungen pro Stunde wird ausgegangen – das sei ein ehrgeiziges Ziel und für kleine Praxen illusorisch. „Das rechnet sich nicht“, sagt Burdensky, „wir machen es, weil wir wollen, dass diese Pandemie so schnell wie möglich verschwindet.“ Wenn es mit der Lieferung der Impfdosen so weitergehe, werde das Impfen in den Praxen noch vier, fünf Monate dauern, schätzt er.

Es bleibt nur Roths Appell an die Patient:innen: „Alle, bei denen es irgendwie geht, sollten noch warten, bevor sie um einen Impftermin bitten.“ Trotz aufgehobener Priorisierung bei der Corona-Impfung würden ohnehin erst noch diejenigen aus den Priorisierungsgruppen geimpft, die noch nicht an der Reihe waren. Roth bittet, sich nicht an mehreren Stellen für eine Impfung anzumelden, sondern nur bei einer. Termine zu vereinbaren und wieder abzusagen, sorge für unnötigen Verwaltungsaufwand. Noch schlimmer: Termin vereinbaren und dann einfach nicht kommen. „Ein Unding“, ärgert sich die Sprechstundenhilfe. (Michelle Spillner)

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