Wer nicht zum Sitzenbleiber werden will, muss den Mut haben, sich auch einmal radikal zu bewegen. Dann kommen auch ganz neue Ziele in den Blick. getty images
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Wer nicht zum Sitzenbleiber werden will, muss den Mut haben, sich auch einmal radikal zu bewegen. Dann kommen auch ganz neue Ziele in den Blick. 

Die Welt nach Corona

Die Wirtschaft ist für alle da

In der Gemeinwohl-Ökonomie verpflichten sich die Unternehmen, ihr Handeln an Prinzipien wie Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu orientieren – und in ihren Bilanzen darüber Rechenschaft abzulegen.

Die Corona-Pandemie wirft ebenso wie die Klimakrise grundsätzliche Fragen auf: Ist es nicht letztlich unser kapitalistisches, auf Wachstum basierendes Wirtschaftssystem, das die Krisen verschlimmert, wenn nicht gar auslöst? Und wenn ja: Was könnte die Alternative zum Bestehenden sein? Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) bietet ein Modell zur Transformation der Wirtschaft.

In den vergangenen Wochen hat die GWÖ eine Reihe von Empfehlungen und Maßnahmen zum Umgang mit der Krise und für die Post-Corona-Zeit publiziert. Eine Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert, ist die einzige Lösung, um künftigen Generationen einen gesunden und bewohnbaren Planeten zu hinterlassen.

Die Grundidee der Gemeinwohl-Ökonomie ist keine neue Erfindung, sondern schon in zahlreichen Verfassungen verankert: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“, lautet Artikel 151 der Bayerischen Verfassung, und Artikel 14 des Grundgesetzes besagt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Konträr dazu fördert das bestehende Wirtschaftsmodell wachsende Gefahren für die Menschheit: Klimawandel, Verlust an Artenvielfalt, aber auch die aktuelle Pandemie.

Die Gemeinwohl-Ökonomie dagegen ist ein alternatives Wirtschaftsmodell, das auf Grundwerten wie Nachhaltigkeit, Kooperation und Gerechtigkeit basiert, statt auf Profitmaximierung und Wettbewerb zu setzen. Entsprechend soll ein Gemeinwohl-Produkt das Bruttoinlandsprodukt als Erfolgsmaß für Volkswirtschaften ablösen.

Der Publizist Christian Felber gründete 2010 in Österreich die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie – basierend auf seinem gleichnamigen Buch – gemeinsam mit Unternehmen, die ihre soziale und ökologische Verantwortung erkannten. Mittlerweile ist die NGO institutionell in 17 Ländern vertreten und setzt sich international für die Transformation der Wirtschaft zu einer ethischen Marktwirtschaft ein, die das Gemeinwohl ins Zentrum wirtschaftlicher Entscheidungen rückt.

Gemeinwohlorientierte Unternehmen achten auf Werte wie Menschenwürde, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung, und sie legen dies in einer Gemeinwohl-Bilanz offen. Wie gelebte Gemeinwohl-Ökonomie aussehen kann, haben mittlerweile über 600 Unternehmen in einer entsprechenden Bilanz dokumentiert.

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren tragen zu der Serie bei, darunter die Philosophin Nancy Fraser und der Soziologe Harald Welzer. Die nächste Folge erscheint am Samstag. Alle bisherigen Beiträge stehen online unter fr.de/welt-nach-corona.

Die Gemeinwohl-Bilanz bietet einen 360-Grad-Blick auf das ganze Unternehmen. Das Ergebnis wird in einem Punktesystem dargestellt, so dass der Beitrag der einzelnen Unternehmen zum Gemeinwohl vergleichbar wird. Dabei werden Punkte nur für solche Aktivitäten vergeben, die über die Erfüllung des gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Die Basis dafür ist die Gemeinwohl-Matrix. Sie ermöglicht eine umfassende, systematische Betrachtung der Aktivitäten in Bezug auf alle Interessensgruppen. Durch die GW-Bilanz wird differenziert angezeigt, in welchen Bereichen ein Beitrag zum Gemeinwohl geleistet wird und wo noch Entwicklungspotenziale liegen.

Unternehmen:Mittlerweile erstellen einige sehr bekannte Unternehmen, beispielsweise der Outdoor-Produzent Vaude Sport oder die Sparda-Bank München, regelmäßig eine Gemeinwohl-Bilanz. Dazu kommen zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen der produzierenden Industrie und des Handwerks sowie Energieversorger und Firmen aus dem Online-Handel oder dem Lebensmittelbereich.

Bildungseinrichtungen:Neben Unternehmen sehen auch Bildungseinrichtungen die Vorteile einer Gemeinwohl-Bilanzierung. Eine Reihe von Schulen und Hochschulen haben GW-Bilanzen erstellt.

Immer mehr Schulen und Hochschulen thematisieren die Gemeinwohl-Ökonomie auch in ihren Bildungsangeboten. An der Universität Valencia gibt es den weltweit ersten GWÖ-Lehrstuhl, und das Studienzentrum Saalfelden in Österreich bietet in Kooperation mit der Fachhochschule Burgenland den Masterstudiengang „Angewandte Gemeinwohl-Ökonomie“ an. Zudem ist die Gemeinwohl-Ökonomie Thema einer Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten.

Gebietskörperschaften:Auch für Gemeinden ist die Gemeinwohl-Ökonomie und vor allem die entsprechende Bilanzierung ein handhabbares Modell zur Umsetzung ihrer Verpflichtung zum Gemeinwohl. Einige Gemeinden unterstützen privatwirtschaftliche Unternehmen bei der Erstellung einer GW-Bilanz finanziell. Elf Gemeinden zwischen Norddeutschland und Südtirol haben bereits eigene Gemeinwohl-Bilanzen erstellt, und eine Vielzahl hat kommunale Unternehmen GW-bilanziert.

Mehrere Gemeinden können sich zu einer „Gemeinwohl-Region“ zusammenschließen. Aktuell ist der Kreis Höxter in Nordrhein-Westfalen auf dem Weg, die erste „Gemeinwohl-Region“ Deutschlands zu werden. Acht regionale Regierungen in Spanien, Österreich und Deutschland haben die GWÖ in ihre Regierungsprogramme aufgenommen.

Politische Unterstützung: Nicht nur in der Regionalpolitik, auch international findet die Gemeinwohl-Ökonomie politische Unterstützung und Zustimmung. 2015 votierte der EU-Wirtschafts- und -Sozialausschuss in einer Initiativstellungnahme für die GWÖ und bezeichnete sie in einer zweiten, von der Kommission beauftragten Stellungnahme als „neues nachhaltiges Wirtschaftsmodell“. Im Rahmen der UN-Weltklimakonferenz erhielt die erste gemeinwohlbilanzierte Krankenkasse (BKK ProVita) gemeinsam mit dem vegan-vegetarischen Verein ProVeg Deutschland e. V. den Klimaschutzpreis Climate Action Award 2018 der Vereinten Nationen für das gemeinsame Projekt „Aktion Pflanzen-Power“. Damit ging der Preis zum ersten Mal nach Deutschland und an ein Unternehmen, das GW-bilanziert ist.

Im März 2019 präsentierte sich die GWÖ vor dem UN Regional Forum in Genf vor Teilnehmer*innen aus 40 Ländern. Dabei wurde die Gemeinwohl-Bilanz als Best Case für die Umsetzung des UN-Ziels für nachhaltige Entwicklung (SDG) Nummer 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum) vorgestellt. Die ganzheitliche Unternehmensbetrachtung der GW-Bilanz entspricht bezüglich Ambitionsniveau, Interdependenz und transparentem Umgang mit widersprüchlichen Zielen den Anforderungen der Sustainable Development Goals (SDGs). Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bremen, die die Gemeinwohl-Bilanz beim Thema der Umsetzung der SDGs in kleinen und mittelständischen Unternehmen mit einem hohen Ambitionsniveau aufführt.

Es weisen also bereits viele Entwicklungen in Richtung der Gemeinwohl-Ökonomie. Die aktuelle Corona-Krise eröffnet uns die Chance, den Übergang zu einer gemeinwohlorientierten, den oben erwähnten Verfassungen entsprechenden Wirtschaft zu meistern.

Daniela von Pfuhlstein.

Die größte vergebene Chance wäre es, zu einem Normalzustand vor der Krise zurückzukehren – denn Klimakrise, Verlust von Artenvielfalt, Hunger und Ungleichheit sind in der Summe bei weitem größere Gefahren für die Gesundheit und das Leben der Menschen als ein einzelnes Virus. Mit gleicher Konsequenz müssen jetzt die anderen relevanten Kurven abgeflacht werden, vom Energie- und Ressourcenverbrauch über die Gefährdung und Ausrottung von Arten bis hin zum Anstieg der Ungleichheit auf den internationalen Finanzmärkten und im Welthandel.

Hilfen für Unternehmen: Die Hilfsmaßnahmen für Unternehmen bieten die Gelegenheit, jene Branchen und Betriebe zu bevorzugen, die sich als besonders nachhaltig, verantwortlich und ethisch erweisen, um mit dieser „Gemeinwohl-Konditionalität“ die Weichen für die Wirtschaft der Zukunft zu stellen.

Fiskal- und Geldpolitik: Nicht alle Länder haben gleichen Spielraum in der Fiskal- und Budgetpolitik. Bei einem „Weiter wie bisher“ warnen Ökonomen, die schon andere Krisen zutreffend vorhergesagt hatten, vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone.

CO2-Steuern: Zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels bei der Erderwärmung ist eine CO2-Steuer von mindestens 50 bis 100 US-Dollar je Tonne bis 2030 notwendig. Gegenüber Drittländern mit geringeren CO2-Steuern sollten CO2-Schutzzölle erhoben werden, welche die Differenz ausgleichen, um keinen Anreiz zu liefern, die Produktion oder den Firmensitz in Niedrigsteuerländer zu verlagern.

Kerosinsteuer: Der Flugverkehr ist die mit Abstand umweltschädlichste Transportform. Dennoch ist Kerosin von der Mehrwertsteuer befreit. Diese Subvention ist zu beenden und Flugbenzin deutlich höher zu besteuern.

Finanztransaktionssteuer: Eine Steuer auf alle Transaktionen auf den Finanzmärkten würde das Finanzsystem stabiler machen, der sozialen Gerechtigkeit dienen und hohe Einnahmen – laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WiFo) EU-weit bis zu 310 Milliarden Euro pro Jahr – generieren.

Regionalität: Landwirtschaft und Ernährung sind „systemrelevante“ Wirtschaftssektoren. Sie sollten weitgehend regionalisiert und auf biologischen Anbau umgestellt werden. Die Agrarchemie muss ebenso eingeschränkt werden wie Futtermittelimporte. Für Tierbestände und -transporte sollten Obergrenzen eingezogen werden. Die Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand muss eine biologische und regionale Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung fördern, öffentliche Einrichtungen sollten mit gutem Beispiel vorangehen.

Öffentlicher Verkehr: Jährlich sterben 450 000 Menschen in der EU an Luftverschmutzung. In den Städten muss der Grün- und Erholungsraum ausgeweitet und der Individualverkehr durch öffentlichen Personennahverkehr zu erschwinglichen Preisen und mit umweltfreundlichen Antrieben sowie durch Fahrräder und eine Stadtplanung der kurzen Wege ersetzt werden.

Gesundheitssystem: Der Lockdown fand statt, um die Infektionskurve abzuflachen. Um für die Zukunft widerstandsfähiger zu werden, muss eine Abkehr vom Profitparadigma im gesamten Gesundheitswesen erfolgen. Organisationen sollten ihr Handeln am Gemeinwohl ausrichten und daran mit Gemeinwohl-Bilanzen gemessen werden. Wir brauchen solidarische Gesundheitssysteme, in die alle gleichermaßen einzahlen. Für das Gesundheits- und Pflegepersonal muss als systemrelevante Berufsgruppe ein erhöhter Mindestlohn gelten. Für Arzneimittel ist eine Preisregulierung notwendig.

Im Unterschied zur Behebung der Finanzkrise 2008 sollten dieses Mal vorrangig Menschen gerettet und nachhaltige Wirtschaftspraktiken gefördert werden. Nutzen wir die Chance: aus der Krise in die Gemeinwohl-Ökonomie!

Von Daniela von Pfuhlstein

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