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Neben Gewerkschaftern und Linken beteiligten sich auch die umstrittenen Mahnwachen-Gruppen am Protest in Berlin.
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Neben Gewerkschaftern und Linken beteiligten sich auch die umstrittenen Mahnwachen-Gruppen am Protest in Berlin.

Friedensdemo

Wirre Friedenskoalitionen

  • Steven Geyer
    VonSteven Geyer
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Die größte Friedensdemo des Jahres in Berlin wird von Verschwörungstheoretikern gekapert: daneben Gewerkschafter, Atomkriegsgegner, Linken-Abgeordnete, die Globalisierungskritiker von Attac und unzählige besorgte Bürger mit Peace-Fahnen.

Vielleicht wollten sie sich nicht einschüchtern lassen, dem Frieden zuliebe. So stehen sie nun, trotz aller Bedenken, vereint in Berlin: Gewerkschafter, Atomkriegsgegner, Linken-Abgeordnete, die Globalisierungskritiker von Attac und unzählige besorgte Bürger mit Peace-Fahnen – bereit für einen Protestmarsch, der am Ende mit 4000 Teilnehmern tatsächlich die größte Friedensdemo des Jahres sein wird.

Alle wissen: Der Preis dafür ist, dass die alte, linke Friedensbewegung nun als „Friedenswinter“ mit den neuen, zwielichtigen Mahnwachen-Gruppen kooperiert. Die hatten im Sommer bundesweit Tausende Kriegsgegner auf die Straße gebracht – darunter auch AfD-Fans, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Neu-Rechte. Falls die Ur-Friedensbewegten hofften, der neue Partner würde ihnen dennoch mehr nutzen als schaden, ging das in Berlin gründlich daneben.

Dabei beginnt am Samstagmittag vor dem Hauptbahnhof alles so friedlich: In einem Grußwort sorgt sich Publizistin Daniela Dahn um den Frieden in Europa, vom Bundespräsidenten wünscht sie sich Rufe nach Deeskalation statt nach mehr militärischem Engagement. „Die Regierung ist auf Kriegskurs“, ruft ein Redner, „aber wir stellen uns in den Weg!“ Er erntet Applaus, als er sich über die rechten Pegida-Demos empört und sich von Antisemiten distanziert. Die meisten Poster zeigen Slogans wie „Du sollst nicht töten!“, „Frieden mit Russland“ oder nur die kleine weiße Friedenstaube.

Die Menge einpeitschen

So ist man, als der Zug aufbricht, um vor Gaucks Amtssitz zu protestieren, fast geneigt, die alte Friedensbewegung zu verstehen: Vielleicht verschwinden die Spinner ja allmählich? Doch dann melden sich die Köpfe der Bewegung: vom eigenen Lautsprecher-Wagen. Ex-Attac-Aktivist Pedram Shahyar peitscht die Menge ein, zunächst mit Sprechchören gegen Banken und Waffen, dann mit der Gewissheit, die deutschen Eliten seien von der Nato gesteuert. Gauck, ruft er, hätte am Weltkriegsjahrestag nicht in Polen sprechen dürfen, er müsste „nach Moskau fahren, um auf die Knie zu gehen!“ Da jubelt die Masse.

Vor Bellevue springt Ken Jebsen persönlich ans Mikro. Einige linke Friedensgruppen hatten ihre Teilnahme damit gerechtfertigt, dass der prominenteste „Mahnwachen“-Redner nicht auftrete. Auch ihnen ist mulmig angesichts von Jebsens neurechten Verbindungen, seinem Zweifeln an der Demokratie, seinen Kontakten zum Kreml-Sender „Russia Today“, seinen Verschwörungstheorien, wonach die USA hinter dem 11. September stecken.

Doch Jebsen ist hier kein Irrläufer. Er wird bejubelt, als er die „embedded journalists“ der deutschen Presse verhöhnt, die schreibe, was die Nato vorgebe. Dass alle Medien lügen, ist hier Konsens – genau wie bei den rechten Pegida-Demos. Die Weltverschwörung der US-Zentralbank wird in Rap-Form und Prosa erklärt. Nazis gibt es hier nicht. Aber in mancher Verschwörungstheorie sind an den NS-Verbrechen am Ende jüdische Banker schuld. Solchen Ideen hängt auch Mahnwachen-Gründer Lars Mährholz, 34, nach, auch er ist ein Initiator des „Friedenswinters“ und auch er ist hier dabei.

Die neuen Kräfte sind begeistert

Auch auf der Hauptbühne dominieren die neuen Kräfte: Mahnwachen-Rapper, Gesichter von „Russia Today“, ein Parodist, der Gauck mit Hitlers Stimme sprechen lässt. Es gibt viel Verständnis für Putin und keines für die Ukraine – stets unter Applaus der Massen. Am Ende darf der Autor Eugen Drewermann noch einmal die traditionelle Linke vertreten. Er fordert die Auflösung der Nato, da diese „nur den Kapitalinteressen und dem Hegemonialstreben der USA dient“. Erhoben am Bühnenrand applaudieren, Schulter an Schulter, der Linken-Politiker Dieter Dehm und die verschwörungswirren Mahnwachen-Köpfe Ken Jebsen und Lars Mährholz.

Die neuen Kräfte sind begeistert: „4000 Leute in Berlin, knapp 1000 in Hamburg, 500 in Bochum!“ Noch glücklicher dürften sie darüber sein, dass auch die Traditionalisten am Abend verkünden, sie seien „höchst zufrieden“. Denn das heißt, dass die Friedensbewegung nicht gemerkt hat, wie ihr Anliegen gekapert wurde. Oder es nicht merken wollte.

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