„Atlantikbrücke“

Wird Sigmar Gabriel der oberste Amerika-Versteher der Nation?

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Ex-Außenminister als Vorsitzender der „Atlantikbrücke“ im Gespräch.

Die Nachricht ist eine kleine Überraschung. Sigmar Gabriel soll neuer Vorsitzender des renommierten gemeinnützigen Vereins „Atlantikbrücke“ werden. Zumindest, wenn es nach dem Willen des Vereinsvorstandes geht, der Gabriel den Vorsitz angetragen hat. Der SPD-Politiker würde auf den früheren Unions-Fraktionschef Friedrich Merz folgen, der das Ehrenamt nach zehn Jahren abgeben will.

Allerdings ziert Gabriel sich noch. Nachdem das „Handelsblatt“ die Personalie am Dienstag veröffentlicht hatte, teilte der frühere SPD-Chef am Mittwoch mit, dass er sich durch die Anfrage geehrt fühle, nun aber erst einmal Gespräche führen wolle. Offenbar ist etwas öffentlich geworden, das eigentlich noch nicht für eine Veröffentlichung bereit war.

Sollte Gabriel zusagen, wäre das für beide Seiten ein kleiner Coup. Die Atlantikbrücke, die sich dem Ziel verschrieben hat, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zu pflegen, würde ein ehemaliger Außenminister an der Spitze durchaus schmücken.

Gabriel wiederum ist als Hinterbänkler im Deutschen Bundestag erkennbar unterfordert und seit Längerem auf der Suche nach einer neuen Rolle. Der Vorsitz der Atlantik-Brücke würde ihm Aufmerksamkeit und Renommee verschaffen – und das auch noch im Bereich der Außenpolitik, jenem Politikfeld, das Gabriel nach eigenem Verständnis viel zu kurz beackern durfte.

Die Lösung hätte also einen gewissen Charme – und trotzdem würde nicht zusammenwachsen, was zwingend zusammen gehört: Gabriel ist bislang nicht unbedingt als großer Transatlantiker aufgefallen. Zwar hat er sich in seiner Zeit als Wirtschaftsminister für das inzwischen gescheiterte Freihandelsabkommen TTIP eingesetzt, als Außenminister aber war aus seinem Mund auch manch Amerika-kritisches Wort zu hören gewesen. Zuletzt hatte Gabriel eine komplette Neuausrichtung der deutschen USA-Politik gefordert. Ungewöhnliche Zeiten allerdings erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, und seit Donald Trump in Washington die politischen Geschicke bestimmt, ist „ungewöhnlich“ wohl eher eine Unter- als eine Übertreibung, um die Beschaffenheit des deutsch-amerikanischen Verhältnisses zu charakterisieren. Gabriel, der ein deutliches Wort nicht scheut, könnte ein Ansprechpartner für alle jene Kräfte in den USA werden, die am klassischen Bündnis zwischen Europäern und Amerikanern festhalten wollen. Und seine Kontakte in Wirtschaft wie Politik sind immer noch exzellent.

Sollte sich der frühere niedersächsische Ministerpräsident zum obersten Transatlantiker aufschwingen, käme es zu einer kuriosen Situation: Während Gabriel qua Amt den obersten Amerika-Versteher der Nation geben müsste, stünde ihm sein Vor-Vorgänger in der Hannoveraner Staatskanzei, Gerhard Schröder, als oberster Russland-Versteher gegenüber. Zwei Niedersachsen für die Weltpolitik – die Vorstellung würde vermutlich beiden gefallen.

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