+
In der Gedenkstätte des früheren Konzentrationslagers Auschwitz werden die Koffer von Ermordeten ausgestellt.www.fotodesignliedtke.de

"Es wird schon nicht so schlimm"

Erinnerung an Auschwitz / Von Hans FrankenthalNach drei Tagen und drei Nächten hielt der Zug spätabends an einem uns unbekannten Ort. Als ich hinauslugte und meinem Vater die Umgebung beschrieb, die ich erkennen konnte -, ein großes Terrain, Wachtürme, viel Stacheldraht, taghelle Beleuchtung -, erklärte er mir mit leiser Stimme: "Wir sind in einem Konzentrationslager."

Nach drei Tagen und drei Nächten hielt der Zug spätabends an einem uns unbekannten Ort. Als ich hinauslugte und meinem Vater die Umgebung beschrieb, die ich erkennen konnte -, ein großes Terrain, Wachtürme, viel Stacheldraht, taghelle Beleuchtung -, erklärte er mir mit leiser Stimme: "Wir sind in einem Konzentrationslager."

In der aufkommenden Unruhe versuchten die Menschen, sich gegenseitig zu beruhigen: "Es wird schon nicht so schlimm sein." "Seid ganz ruhig." Uns blieben nur noch wenige Minuten, in denen Vater mich und Ernst über den Verbleib wichtiger Papiere und Wertgegenstände aufklärte und mit den Worten schloss: "Ich werde das nicht überleben, ich bin zu alt. Solltet ihr überleben, geht nach Schmallenberg zurück."

Krachend flogen die Waggontüren auf, lautes Gebrüll und Schreien schlug über uns zusammen: "Ihr Saujuden! Ihr Schweine! Raus aus dem Waggon!"

SS-Männer trieben uns aus dem Zug. Außer den Toten und denjenigen, die sich nicht mehr bewegen konnten und reglos in den Waggons liegenblieben, sprangen und fielen die Menschen auf die hell erleuchtete Rampe. Über tausend Menschen drängten sich zusammen, versuchten gehetzt, sich vor den Knüppeln der prügelnden SS-Männer zu schützen.

Befehle wurden geschrien: "Männer rechts raus! Frauen ohne Kinder links raus! Frauen mit Kindern auch links raus, aber gesondert!" Ernst und ich klammerten uns aneinander, versuchten zusammenzubleiben und liefen schnell, um uns vor den niederprasselnden Schlägen zu schützen. Als wir irgendwo, von der Menge eingekeilt, zum Stehen kamen, hatten wir unsere Eltern verloren - es gab keinen Abschied. (?):

Die Häftlingskleidung bestand aus dünnem Drillich. Nur ganz selten hatte einer anfangs das Glück gehabt, einen etwas dickeren Anzug zu bekommen, statt dessen hatten die blau-weiß gestreiften Hemden oft nur einen, manchmal gar keinen Ärmel.

Fehlende Knöpfe konnten zu einem lebensbedrohlichen Problem werden, da die SS ab und zu kontrollierte, ob eine Jacke mit sechs Knopflöchern auch sechs Knöpfe hatte. Wehe dem, der nicht alle vorzeigen konnte. Um uns vor der Prügelei zu schützen, organisierten wir zum Befestigen der Knöpfe dünnen Draht, damit sie nicht verloren gehen. (?)

Bei Nebel und Regen kehrten wir abends durchnässt wie Katzen von der Arbeit zurück. Wenn das Wasser beim Essenanstehen nur so an uns heruntertriefte, erlaubte uns der Blockälteste, uns schon währenddessen auszuziehen. Meist reichte die Zeit bis zum nächsten Morgen trotzdem nicht aus, um die Kleidung zu trocknen - am nächsten Tag froren wir schrecklich in unseren immer noch nassen und klammen Sachen. Der Körper hatte kaum noch Widerstandskraft, und viele von uns starben an Lungenentzündung.

Es gab ein Mittel, mit dem wir uns zu helfen versuchten: leere Zementtüten, deren innerste zementverklebte Seite wir herausrissen, oben ein Loch machten, uns überstülpten und unter der Kleidung trugen. Das trockene Papier wärmte ein wenig.

Als die SS-Männer dies nach einiger Zeit spitzgekriegt hatten, machten die Wachposten sich einen Spaß daraus, während der Arbeit mit einem Stock an den Häftlingen vorbeizugehen und ihnen auf den Rücken zu schlagen. Wenn es nach Papier raschelte, hatte für dich die Stunde geschlagen - nach der Bestrafung spürtest du nicht mehr, ob du einen nassen oder trockenen Anzug anhattest. (?):

Alle vier Wochen gab es einen freien Sonntag für uns, an dem - wie es auf die feine Art hieß - "Entlausung" im Lager stattfand. Entlausung bedeutete aber Selektion: Nachdem die Appell-Glocke die Blocksperre eingeläutet hatte, mussten wir nackt an einem Tisch vorbeigehen, an dem SS-Männer saßen, unsere Karteikarten vor sich. Wenn du wie ein Muselmann aussahst, wurde deine Karteikarte nach links geschoben. Die so "ausgesonderten" Häftlinge schickte der Blockälteste am nächsten Morgen nach dem Appell zurück in den Block, wo sie tagsüber ein LKW abholte und nach Birkenau transportierte. Es war ein offenes Geheimnis: Wessen Karteikarte nach links wanderte, wurde vergast. (?)

In Auschwitz habe ich angefangen, an Gott zu zweifeln. Obwohl den Juden das Beten grundsätzlich verboten war, fanden sich die frommen Juden in einer Ecke der Baracke zusammen, um heimlich zu beten. Ich konnte die leise gemurmelten Gebete verstehen, die sie auswendig aufsagten, schloss mich ihnen aber nicht an. Statt dessen provozierte ich ab und zu Diskussionen: "Das ist doch das schlimmste, das ihr machen könnt. Es gibt keinen Gott! Was hier passiert", sagte ich Richtung Birkenau zeigend, "das kann nicht sein. Wo ist hier Gott?" Wenn die frommen Juden erwiderten, dass wir etwas falsch gemacht hätten, Gott uns strafen würde, fuhr ich sie wütend an: "Auch die Kinder von vier Wochen? Die haben nichts falsch gemacht!" (?):

Am 18. Januar 1945 spät abends, so gegen elf oder zwölf Uhr, ertönte noch einmal die Lagerglocke. "Alle Häftlinge raustreten mit einer Decke!" Wir versammelten uns auf dem Appellplatz. "Diejenigen, die nicht laufen können, bleiben zurück." Wir hatten mit allem möglichen gerechnet, aber keiner von uns war auf die Idee gekommen, dass man das Lager räumen könnte. Nicht das Geringste war durchgesickert, und scheinbar hatte man sogar die SS im Unklaren gelassen, denn die Posten wurden in der Nacht so unruhig wie wir es noch nie erlebt hatten - sie waren nervöser als wir. (?)

Zum ersten Mal wurde in Auschwitz nicht gezählt, es gab weder einen Appell noch etwas Ähnliches, alle liefen chaotisch durcheinander, die SS-Männer waren furchtbar hektisch und schossen viel in die Luft. Als das Tor geöffnet wurde, liefen wir wie eine wilde Herde aus dem Lager heraus. Die Versuche der SS, uns in Fünferreihen zu ordnen, waren vergeblich, denn nach wenigen Kilometern blieben die ersten zurück, und von beiden Seiten drängten Tausende Häftlinge in die Kolonne, die aus den anderen Nebenlagern zu uns stießen. Wir waren mit ungefähr neuntausend Menschen in Monowitz losmarschiert, aber während der Nacht wuchs die Kolonne auf dreißig- bis fünfundreißigtausend Häftlinge an.

Wir schleppten uns bei klirrender Kälte durch dreißig bis vierzig Zentimeter hohen Schnee. Nach ungefähr einer Stunde fielen die ersten Schüsse - da wurde uns klar, dass diejenigen, die nicht mithalten konnten und hinfielen, sofort erschossen wurden. Rapportführer Rakers, der im Beiwagen eines Motorrads an der Kolonne auf und ab fuhr, erschoss die Häftlinge, die zurückblieben. Wir versuchten, vorne an der Spitze der Kolonne zu bleiben, da es hinten gefährlicher war. (?)

Am nächsten Tag schlossen wir uns mit fünf Mann zusammen und versuchten, während des Marschierens auszuruhen. Die in der Mitte gehenden wurden von denen außen fest untergehakt und mitgeschleppt, damit sie schlafen konnten. Nach einiger Zeit wurde gewechselt - wir haben uns damit das Leben gerettet. Am Abend des zweiten Tages erreichte der Todesmarsch Gleiwitz, wo ein Teil der noch lebenden Häftlinge in ein Lager, der Rest in Richtung Bahnhof auf einen großen Platz mit vielen Hallen und Güterwagen getrieben wurde.

Wir suchten uns zwischen den Hallen eine windgeschützte Ecke. Wir waren furchtbar hungrig, denn das halbe Brot, das wir beim Aufbruch in Monowitz zugeteilt bekommen hatten, war längst verbraucht. Ede - fix wie immer - organisierte gekochtes Schweinefleisch von der SS, die alles, was sie an lebenden Tieren finden konnte, abgeschlachtet und in riesengroßen Töpfen gekocht hatte. Trotz der Warnung Edes, vorsichtig zu essen, fielen wir darüber her. In den folgenden Tagen wurden die Häftlinge auf Züge verladen. (?)

Die Menschen starben massenhaft. Wurden die steifgefrorenen Toten anfangs aus dem fahrenden Zug geworfen, so hielt der Zug, während wir uns dem Deutschen Reich näherten, jeden Morgen an, um die Leichen in die dafür leergeräumten ersten Waggons zu legen. Hier begann auch die Bevölkerung, uns zu schikanieren. Anstatt uns vielleicht einmal etwas zu essen in die Waggons zu werfen, bewarf man uns mit Steinen und spuckte auf uns. (?)

:

Ich schlug die Augen auf und entdeckte Ernst, der neben mir auf dem Bett saß. "Wie weit sind wir?", fragte ich ihn. "Wir haben es geschafft. Die Russen sind schon seit zwei Tagen hier." Von Ernst erfuhr ich die Einzelheiten der letzten Tage, in denen ich bewusstlos gewesen war.

Der Zug hatte uns nach Theresienstadt gebracht, wo diejenigen, die noch lebten, aus den geöffneten Waggons herausgefallen waren - kaum einer konnte sich noch auf den Beinen halten, die Häftlinge krochen wie die Affen auf Händen und Füßen in die großen Kasernenblocks. Trotzdem schafften es die anderen irgendwie, mich - bewusstlos und mit hohem Fieber - mitzuschleppen. Einige Tage später befreiten die Russen Theresienstadt, aber auch noch nach ihrer Ankunft und der Versorgung der Häftlinge mit dem Nötigsten starben massenhaft Menschen.

Ich rang mit dem Tod und hätte keine acht Tage länger überlebt. Wenn die Russen nicht gekommen wären, hätte man von Hans Frankenthal nicht mehr zu sprechen brauchen. (?)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion