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Henry Kissinger, US-Außenminister a. D., hält eine Trauerrede während der Beerdigung von Helmut Schmidt.
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Henry Kissinger, US-Außenminister a. D., hält eine Trauerrede während der Beerdigung von Helmut Schmidt.

Abschied von Helmut Schmidt

„Er wird bei uns bleiben“

  • Holger Schmale
    VonHolger Schmale
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Beim Abschied von Helmut Schmidt im Hamburger Michel säumen Tausende den Weg zum Friedhof. Er selbst hatte den Ablauf der Trauerfeier bis ins Detail festgelegt, sogar einzelne Lieder.

Wenn sehr alte Menschen sterben, hat der Abschied oft auch etwas Heiteres. Es werden Anekdoten erzählt, man kann gemeinsam trauern und doch auch einmal lachen angesichts eines langen, erfüllten Lebens. Bei der Trauerfeier samt Staatsakt für Helmut Schmidt war das nicht so. Es lag ein großer, trauriger Ernst über der Abschiedsgemeinde am Montag in Hamburgs Hauptkirche St. Michaelis.

Vielleicht waren es die äußeren Bedingungen, die diese ernste Stimmung mit prägten. Zehn Tage nach den Pariser Anschlägen wurde diese Versammlung von 1800 geladenen Trauergästen, darunter die gesamte deutsche Staatsspitze, mit einem hierzulande bisher nicht bekannten Sicherheitsaufwand geschützt. Ein Fußballspiel konnte man absagen, ohne die Staatsräson zu verletzen. Diesen Abschiedsakt für einen Mann, der wie wenige andere Politiker für eine wehrhafte Demokratie stand, nicht.

Merkel verteidigt sich

Helmut Schmidt selbst hatte den Ablauf der Trauerfeier bis in manches Detail festgelegt, sogar einzelne Lieder. Eine Feier in zwei Akten, erst kirchlich, dann staatlich. Schmidt pflegte wie seine vor fünf Jahren gestorbene Frau Loki ein distanziertes Verhältnis zum Glauben. Er denke schon, dass es da einen Gott gebe, hatte er einmal gesagt, „aber das ist kein lieber Gott. Sonst hätte er Auschwitz nicht zugelassen.“ Viele hier dachten nun an den Abschied von Loki Schmidt vor fünf Jahren, ebenfalls im „Michel“, als der einsame Helmut Schmidt im Rollstuhl vor dem Sarg saß, den Ehering seiner Frau aufgezogen neben seinem eigenen. Am Montag stand an der gleichen Stelle sein Sarg, bedeckt mit der Bundesflagge, davor ein mächtiger Kranz aus Sonnenblumen, der letzte Gruß seiner Tochter.

Damals war Angela Merkel auch gekommen, ganz allein, die einzige aktive Bundespolitikerin. Man dachte, die gebürtige Hamburgerin fühle eine gewisse Seelenverwandtschaft mit der Hamburgerin Loki Schmidt. An diesem Montag aber zeigte sich, dass Merkel auch eine ganz eigene Beziehung zu Helmut Schmidt hatte. Dass sie hier nicht nur sprach, weil sei jetzt die Kanzlerin ist. Sondern dass sie sich in seiner Tradition sieht. Anders sind die Worte der Regierungschefin, die in ihrer zehnjährigen Amtszeit noch nie so umstritten war wie jetzt, kaum zu verstehen.

Sie erinnerte an die Hamburger Sturmflut 1962, als der Innensenator Schmidt couragiert das Krisenmanagement übernahm und eine größere Katastrophe verhinderte. Sie habe mit ihren Eltern in Templin in der DDR das Geschehen an der Elbe mit großer Sorge am Radio verfolgt, die Großmutter und eine Tante lebten in Hamburg, erzählte Merkel. Das sei ihre erste persönliche Erinnerung an Schmidt. „Wir haben ihm vertraut, dass er die Lage in den Griff bekommt.“ Schon damals habe sich seine Bereitschaft gezeigt, Verantwortung zu übernehmen und sich auch schwierigsten Aufgaben zu stellen. Er habe vorgelebt: „Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.“

Es lag nahe, an Merkels Maßnahmen zur Flüchtlingskrise zu denken. Und so ging es weiter: „Wenn er überzeugt war, das Richtige zu tun, hat er es gemacht.“ Nicht immer freundlich, aber immer bereit, „den höchsten Preis selber zu zahlen. Das Scheitern war stets einkalkuliert“, wie etwa beim Widerstand gegen die Erpressung durch die Rote Armee Fraktion. Später habe er den Nato-Doppelbeschluss gegen Kritik der Mehrheit seiner Partei wie in der Öffentlichkeit durchgesetzt. Er habe dabei stets den Mut gehabt, für seine Überzeugung einzustehen, „er war standhaft“. Es war, als öffne Angela Merkel in ihrem Nachruf auf eine ganz ungewohnte Weise einen Blick in ihr Seelenleben, als erkenne sie in Schmidt ihr eigentliches Vorbild.

Er habe die Sehnsucht vieler Menschen nach Idealen und großen Entwürfen gekannt, sagte sie, und habe manch ideologischen Erregungen widerstanden. Schließlich sei er ein Mann der Tat gewesen, aber erst, nachdem er ein Problem durchdacht habe. Auch darin kann man Parallelen zu Merkel entdecken. „Eine kluge und konsequente Regierungsführung zeigt sich in Krisen“, fügte sie noch an.

Sie zog dann einen Bogen vom deutschen Herbst zu Paris. Die Motive und Umstände seien heute andere, aber: „Terror bleibt Terror.“ Man könne nun Helmut Schmidt nicht mehr nach seinem Rat fragen, „wir müssen selbst die Antwort geben“. Und die könne nur lauten: „Die Freiheit ist stärker als der Terror.“

Kissinger macht Mut

Die persönlichste Trauerrede hielt Henry Kissinger, der fast das Alter Helmut Schmidts erreicht hat. „Er war ein Pfeiler meines Lebens“, sagte der frühere US-Außenminister. Einst habe er gefürchtet, die Welt ohne ihn würde eine sehr leere sein. „Ich habe mich geirrt“, gestand Kissinger. „Er wird bei uns bleiben. Er wird uns begleiten, wie er immer war: perfektionistisch, launisch, stets auf der Suche, inspirierend, immer zuverlässig.“

Am Ende dann noch ein militärisches Zeremoniell für den einstigen Verteidigungsminister und Reserveoffizier. Zu den Klängen des mit Trommelwirbeln unterlegten Trauermarsches „Saul“ von Händel trugen acht Soldaten den Sarg an einer Ehrenformation vorbei. Dann setzte sich der mit zwei schwarzen Bundes-Standern geschmückte Totenwagen hinter einer Polizeieskorte von fünf Motorrädern langsam in Bewegung, fuhr durch die Innenstadt zum Ohlsdorfer Friedhof, und unterwegs winkten doch noch viel tausend Hamburger Helmut Schmidt einen letzten Gruß zu.

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