Rüdiger von Rosen, der Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft, beim Interview in seinem Büro im Westend.
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Rüdiger von Rosen, der Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft, beim Interview in seinem Büro im Westend.

68er in Frankfurt

"Wir wollten einen klaren Akzent gegen links"

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft, Rüdiger von Rosen, kämpfte 1968 als Student gegen den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und wollte den Kapitalismus reformieren.

Herr von Rosen, vor genau 50 Jahren, am 30. Mai 1968, räumte die Polizei die besetzte Frankfurter Universität, die von protestierenden Studenten in Karl-Marx-Universität umbenannt worden war. Sie waren damals Student der Wirtschaftswissenschaften. Wie haben Sie das empfunden? 
Ich war Student, aber ich hatte auch eine Funktion an der Universität. Ich war seit November 1967 Sprecher der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Professor Moxter, der vor wenigen Tagen verstorben ist, der Doyen der Wirtschaftsprüfer-Gilde, war damals Dekan des Fachbereichs. Ich bin sehr bewusst in diese Funktion gegangen. Ich interessierte mich nicht für Burschenschaften, aber ich engagierte mich auch nicht in politischen Studentenorganisationen. Ich bin zu Aiesec gegangen, der Organisation, die für ausländische Studenten Praktika besorgte und umgekehrt deutschen Studenten Praktika im Ausland verschaffte. Ich wollte raus aus Deutschland, ich wollte die Welt sehen. 

Hat Sie der Elan der Studentenbewegung erfasst, haben Sie auch den Muff unter den Talaren empfunden? 
Ich habe nie unter Talare geguckt. 

Haben Sie die Unterrichtsformen nicht gestört? Vorne stand ein Professor, der den Ton angab und dem sich alle unterordnen mussten. 
Wir hatten sehr guten Kontakt zu den Professoren. Als Fakultätssprecher war ich bei allen Sitzungen der Fakultät dabei. Ich fühlte mich nicht zurückgesetzt und benachteiligt. Wir wollten etwas tun. Unsere Stimmung war: Wir können nicht Trotzkisten, Maoisten, Spartakisten, SDSlern das Feld überlassen. 

Sie wollten sich gegen Links engagieren.
Wir wollten einen klaren Akzent gegen links setzen, ja. 

Waren Sie auch im RCDS, der Studentenorganisation der CDU?
Nein, bewusst nicht. Ich wollte auch nicht in die Burschenschaften, das war nicht meine Welt. 

Sie stammen aus einer Adelsfamilie, und viele junge Adlige haben sich damals in Burschenschaften engagiert, die ja nicht alle reaktionär waren. 
Das ist richtig. Wir haben damals als Flüchtlinge sehr bescheiden gelebt. Ich habe eine Banklehre gemacht bei der Dresdner Bank, die es heute nicht mehr gibt. In meinem Zwischenzeugnis stand: Der Lehrling von Rosen macht nur das, was ihn selbst interessiert. Ich wurde dann zur Bundeswehr eingezogen, habe mich auf zwei Jahre verpflichtet und bin als Leutnant abgegangen. Ich hatte nichts gegen das Militär. Ich wollte nach vorne kommen. Zwei Jahre Banklehre, zwei Jahre Militär: Da habe ich vor dem Studium viel gelernt. Ich befehligte fünf Kampfpanzer, und meine Jungs waren Hauptgefreite und haben mir immer erzählt, was sie am Wochenende mit ihren Mädels gemacht hatten. Da habe ich gesagt: Unsere Panzer laufen die Woche über, und am Wochenende könnt ihr zu euren Mädels. 

Was war ihre Kritik am SDS? 
Mich hat die Art und Weise gestört, wie Studenten gegenüber den Professoren aufgetreten sind. Der Krach und das Schleifenlassen, das fand ich furchtbar. Im Mai 1968 bin ich bei einem Teach-in im Hörsaal VI aufgetreten und habe vor der Versammlung gesagt: Es kann doch wohl nicht angehen, dass Leute hier 14 Semester studieren und haben keinen Abschluss. Für mich war das undenkbar, an der Uni keinen Abschluss zu machen. Ich habe dann Zwischenprüfungen nach vier Semestern gefordert. Es gab einen totalen Aufschrei. Ich stand mutterseelenallein da. 
 
Wurden Sie persönlich angegriffen? 
Einer hat mir mal entgegengeschleudert: Du Nazi-Sau! Als die Uni besetzt war, kam es zu Rangeleien, an denen ich auch beteiligt war. 

Haben Sie die konservativen Inhalte nicht gestört, die damals an der Universität vermittelt wurden? 
Im Gegensatz zu den heutigen Studenten, die Lehrstoff schulmäßig in sich reinfressen müssen, habe ich das damals nicht getan. Ich musste mein Studium verdienen. Ich habe für einen kleinen Unternehmer die Buchhaltung gemacht. Ich hatte in der Schlossallee im sechsten Stock, 104 Stufen hoch, so eine kleine Mansarde als Unterkunft. Es gab ein Klo für acht Gauben und keine Heizung. Bei Neckermann habe ich mir einen Heizlüfter gekauft. So haben wir damals gelebt und keineswegs unglücklich. 

Sie haben nicht in einer Wohngemeinschaft gelebt? 
Nein, das habe ich nicht gesucht. 

Diese Veränderung der Lebensformen hat Sie nicht erfasst?
Nein. Ich hatte meinen Kreis von Freunden. Der war sicherlich eher dem konservativen Lager zugeordnet. Aber wir waren als Flüchtlinge im Westen nicht integriert und auch nicht richtig angenommen. 

Sie wollten auch die Gesellschaft nicht verändern? 
Doch, natürlich. Ich wollte sie internationaler und offener machen. Aber ich wollte sie nicht von Grund auf verändern. Ich habe damals auch die Bücher von Gerhard Zwerenz gelesen, der ja die kapitalistischen Verhältnisse scharf kritisierte. Das hat mich fasziniert, zum Beispiel das Buch über Frankfurt „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“. Aber ich wollte keineswegs so leben. 

Sie wollten den Kapitalismus niemals abschaffen? 
Nein. Aus meiner Banklehre war ich so geprägt, dass ich Banken für vernünftige Institutionen hielt, die eine Volkswirtschaft braucht. Wir fanden Leute wie Rainer Langhans und Fritz Teufel zwar witzig. Aber ich wollte das System nicht stürzen. Ich wollte das System verbessern. 

Im Frühjahr 1968 kam es in Berlin zum Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, derdabei lebensgefährlich verletzt wurde. Was haben Sie da empfunden? 
Die Auseinandersetzung hatte ja schon mit dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 begonnen. Das habe ich als brutale Staatsgewalt wahrgenommen. Das hat uns empört. Wir haben als Studenten gedacht: Das kann, das darf nicht sein. Wir haben nächtelang diskutiert. Aber ich habe kein Haus besetzt und auch keinen Stein geworfen. Meine Vorbilder waren Wirtschaftsprofessoren wie Wolfram Engels. Der hat damals, nachdem die Universität besetzt war, Vorlesungen unter freiem Himmel am Beethovenplatz abgehalten, mit der Bibel in der Hand, mit Bibelzitaten. Das hat mich sehr geprägt. 

Warum haben Sie keinen Stein geworfen? 
Die Sachen, gegen die es da ging, waren in meinen Augen einfach zu wertvoll. Ich könnte das heute noch nicht, einfach mal ne Fensterscheibe einschmeißen. Wir wollten die Gesellschaft friedlich verändern, ohne Gewalt. Gewalt gegen Menschen, Brandsätze und all das waren für mich völlig undenkbar. 

Wie haben Sie Studentenführer wie Hans-Jürgen Krahl erlebt? 
Ich habe mit ihm diskutiert. Der war mir ideologisch überlegen. Der hatte Bücher gelesen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Die Protestierenden haben 1968 eine Situation ausgenutzt, in der die Elterngeneration voller Scham war über das, was während des Nazi-Regimes geschehen war. Das war in meiner Familie auch so. Ich habe mit meinem Vater nie über den Krieg gesprochen. 

Haben die 68er in Ihren Augen ein Verdienst? 
Ich will das nicht geringschätzen. Wir haben zum Teil die gleiche Musik gehört, die aus den USA kam, Joan Baez zum Beispiel. Krahl war sicherlich ein intellektueller Kopf. Da gab es KD Wolff, der später als Verleger Hölderlin herausbrachte. Es gab seinen Bruder Frank Wolff, der ein phantastischer Musiker wurde. Die Bewegung war zum Teil durchaus sympathisch. Aber was mich heute stört: Die 68er waren auch eine Inszenierung. Viele Protagonisten dieser Zeit sind später sehr bürgerlich geworden. Andere sind in die RAF, das heißt in den Terror gegangen. 

Aber noch einmal: Gab es Verdienste der 68er? 
Ich glaube, dass die positive Veränderung der Gesellschaft, dass ihre Modernisierung schon im Gange war, als die 68er kamen. Frankfurt als Stadt hat sich sehr positiv entwickelt, hat sich sehr geöffnet. Es gibt heute hier eine große Internationalität. Ich fand es niemals notwendig, mit Pflastersteinen für eine Veränderung der Gesellschaft zu kämpfen. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

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