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„Wir wollen unsere Religion von den Mullahs zurück!“

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Von: Bascha Mika

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Ohne Kopfbedeckung demonstriert diese Frau Ende Oktober auf dem Weg nach Saqqez, der Heimat von Mahsi Amini. afp
Ohne Kopfbedeckung demonstriert diese Frau Ende Oktober auf dem Weg nach Saqqez, der Heimat von Mahsi Amini. © afp

Golnar entstammt einer persischen Familie, die im europäischen Exil lebt. Zornig, aber auch voll Angst blickt sie auf die Revolution im Iran. Bascha Mika hat ihr zugehört und ihre Worte aufgeschrieben.

Golnar heißt Feuerblume. Es gibt einen iranischen Kinderfilm, in dem das Mädchen Golnar die Hauptrolle spielt. Als ich klein war, hat mich der Film völlig begeistert, deshalb will ich mich hier als Golnar vorstellen. Warum ich meinen wahren Namen nicht nenne? Ich muss meine Familie schützen.

Meine Eltern stammen aus Persien, ich bin in Deutschland aufgewachsen und lebe jetzt in einem anderen europäischen Land. Doch in Gedanken bin ich seit Wochen im Iran. Ich bin so aufgewühlt, so erregt und so zornig. Obwohl ich Iranistik und Islamwissenschaften studiert habe, nützt mir die Theorie im Moment nichts. Die Nachrichten triggern mich so sehr, dass ich das Gefühl habe, mein ganzes Wissen greift nicht mehr, ich bin zu sehr mit dem Land verwoben. Deshalb äußere ich mich eigentlich nicht zur dortigen Politik, auch wenn Iran-Expertise lange ein Schwerpunkt meiner Arbeit war und das Persische zu meiner Identität gehört.

Iran: Massenflucht nach blutigen Demonstrationen

Vielleicht war es naiv, aber bis 2009 habe ich geglaubt, dass die islamische Republik aus sich heraus reformierbar ist. Doch dann fälschte der amtierende Präsident Ahmadineschad die Wahlen, woraufhin es in allen Städten zu großen Demonstrationen kam. Um an der Macht zu bleiben, ließ das Regime den Aufstand brutalst niederschlagen.

Nach den Massenhinrichtungen der 1980er Jahre waren viele Regimegegner unter Lebensgefahr aus dem Land geflohen. Die, die blieben, gingen immer wieder auf die Straße. 1998 etwa oder 2001. Doch damals wollten die Demonstrierenden noch Reformen. Der Paradigmenwechsel kam 2009. „Nieder mit dem Diktator!“, erschallte es nach dem Wahlbetrug.

Was heute Jina Amini ist, war 2009 Neda Agha-Soltan. Das Bild dieser jungen Frau, die auf dem Boden lag und aus Mund, Nase und Ohr blutete ... Ich bin damals völlig zusammengebrochen. Der Schmerz war so groß, dass ich diesen Teil meiner Identität in eine Kiste gesteckt habe. Von da an gab es für mich nur die krasse Einsicht, dass das System nicht rettbar und Reformen nicht möglich sind. Auch für mich war seitdem klar: Dieses Regime muss weg!

Es gibt ja Leute, die behaupten, was heute im Iran passiert, sei keine Revolution. Typisch westliche Arroganz. Was da stattfindet, ist eine riesige Revolution! Und noch einen weiteren Trugschluss gibt es hier – dass es im Kern um das Kopftuch geht. Das ist völlig verkürzt. Für die Frauen im Iran ist das Kopftuch nicht nur ein Zeichen der Unterdrückung. Zwar reißen sich Frauen während der Demonstrationen das Kopftuch herunter. Aber es gibt keine Bilder, auf denen eine Frau der anderen das Kopftuch wegnimmt. Worum es den Frauen geht, ist Selbstbestimmung. Auf meinem Kopf will ich es nicht haben!

Der Westen stülpt dem Iran gern unser hiesiges Religionsverständnis über. Bist Du für oder gegen den Islam, bist Du religiös oder nicht? Im Iran läuft das anders.

Frauen demonstrieren gegen das patriarchale System im Iran

Der Aufstand der Frauen richtet sich nicht in erster Linie gegen die Religion, sondern gegen das gesamte patriarchale System. Für was die Iraner:innen revoltieren, wird im Song „Baraye“ von Shervin Hajipour sehr schön zusammengefasst und ist als Manifest dieser Revolution zu lesen: „Frau, Leben, Freiheit!“ Der Protest der iranischen Frauen fußt auf der kurdischen Arbeiter:innen- und Frauenbewegung und zeigt, dass eine Gesellschaft erst dann frei ist, wenn die Frauen frei sind.

Im Iran waren Frauen immer an den Widerstandsbewegungen beteiligt. Auch die Zwangsverschleierung wurde in verschiedenen Formen kritisiert. So verbreiteten viele Frauen in sozialen Netzwerken ihre stille Revolte unter dem Hashtag #mystealthyfreedom. Es scheint, dass sich keiner mehr an die Bilder von 2017, an die „Töchter der Revolutionsstraße“ erinnert. Damals haben sich Frauen in der Revolutionsstraße versammelt, eine ist auf eine Säule geklettert, hat sich ihr Kopftuch heruntergerissen und es auf einen Stock gespießt. Das Video ging viral. Ebenso wie der Hashtag: „Nein zum Zwangshidschab!“

Doch im westlichen Kontext wurde daraus: „Nein zum Hidschab!“ Der „Zwang“ wurde unterschlagen, obwohl die iranischen Frauen gegen ihre allgemeine Unterdrückung aufbegehrten. Damals gab es Fotos aus der Teheraner Metro, auf denen sich Frauen im Tschador und Frauen ohne Bedeckung umarmten. „Dir Deine Freiheit, mir meine Freiheit“ – so lautete ihre Botschaft. Auch heute unterstützen Frauen mit Kopftuch die Proteste im Iran. Und Frauen im Tschador schreiben auf Häuserwände: „Frauen im Tschador gegen den Zwangshidschab“. Diese Bilder werden hier zwar gesehen, aber nicht wirklich verstanden.

So, wie selten verstanden wird, dass es einen islamischen Feminismus gibt. Klar lässt sich die Unterordnung der Frauen aus dem Koran herauslesen – genauso wie aus der Bibel. Aber feministisch-islamische Theologinnen kommen mit dem gleichen hermeneutischen Werkzeug wie ihre männlichen Kollegen zu einem ganz anderen Schluss. Darüber gibt es leider viel zu wenig Diskussionen, weil jeder den Koran für seine eigenen Zwecke benutzt.

Haft, Tod, Freiheit

Dem iranischen Rapper Toomadsch Salehi droht die Todesstrafe, weil er die gewaltsame Niederschlagung der derzeitigen Proteste im Iran kritisiert hat. Die Anklageschrift werfe Salehi neben „Korruption auf der Erde“ vor, ein „Feind Gottes“ zu sein, so das Justizportal „Misan Online“. „Korruption auf Erden“ gehört zu den schwerwiegendsten Anklagen im Rechtssystem der Islamischen Republik. Salehi hatte Ende Oktober im kanadischen Sender CBC das Vorgehen der Behörden scharf kritisiert: Es handle sich um eine „Mafia“, die bereit sei, „eine ganze Nation zu töten, um ihre Macht, ihr Geld und ihre Waffen zu behalten“.

Nach Angaben von Menschrechtler:innen ist in Nachan in der iranischen Provinz Kurdistan ein Professor der Universität Sanandadsch festgenommen worden. Der aktuelle Aufenthaltsort des Literaturexperten Behrooz Chamanara sei unbekannt. Chamanara hatte 2014 an der Georg-August-Universität Göttingen über kurdische Literatur promoviert. Er soll sich angesichts der Proteste kritisch geäußert haben.

Gegen Kaution freigelassen haben die Behörden Berichten zufolge den prominenten Fußballspieler Voria Ghafouri und den Menschenrechtsaktivisten Hossein Ronaghi. Ghafouri, der die Proteste unterstützt hatte, war am Donnerstag wegen des Vorwurfs staatsfeindlicher Propaganda festgenommen worden. Ronaghis Freilassung wurde laut der Agentur Isna mit dem Sieg der iranischen Fußballnationalelf gegen Wales bei der Fußball-WM begründet. Seit Wochen stieg die Sorge um Ronaghis Gesundheit, der sich seit mehr als einem Monat im Hungerstreik befindet.

Ich selbst trage kein Kopftuch – nicht mehr. Meine Mutter trägt eines und als ich neun wurde, war es für mich deshalb normal, auch eines anzulegen. Wieviel Zwang dahintersteckte? Das kann ich nicht wirklich sagen, ich wurde ja deswegen nicht geprügelt. Das Tuch war halt da und wurde nicht thematisiert. Ich stamme aus einer Familie, die auch schon vor 1979 religiös war, und ich bin in den 1980 und 90er Jahren aufgewachsen. Damals haben wenige Exil-Iranerinnen Kopftuch getragen. Es konnte sich niemand vorstellen, dass iranische Menschen im Ausland auch religiös sein können. Wir waren unter den anderen Exil-Gruppen echt eine Minderheit. Auch über diese Komplexität der Exil-Communities wird kaum gesprochen.

Das Kopftuch kann zum Unterdrückungsinstrument werden, wenn es zum unausgesprochenen Kodex gehört. Zum Beispiel, wenn die Freundinnen beginnen, eines zu tragen, und man selber uncool ist, sobald man nicht mitmacht. Oder dass in der Familie eine Atmosphäre der Angst herrscht und Mädchen sich nicht trauen, über das Kopftuch zu sprechen oder es abzulegen. Das sind häufig sozio-familiäre Strukturen, die sich mit einem ungesunden Religionsverständnis überlappen. Über diese Probleme muss man in der muslimischen Community unbedingt reden!

Solche Themen aufzugreifen, gehört zu meiner Arbeit. Ich bin bei einer Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Demokratie zu stärken. Ich berate Bildungseinrichtungen und Kulturinstitutionen bei Fragen zu Gender, Antirassismus oder religiösen Identitäten. Diese Arbeit macht mich superglücklich, ich bin regelrecht mit ihr verheiratet.

Für die Freiheit gehen auch diese verschleierten Frauen in der Provinz Sistan und Belutschistan auf die Straße. afp
Für die Freiheit gehen auch diese verschleierten Frauen in der Provinz Sistan und Belutschistan auf die Straße. © afp

Das Kopftuch habe ich mit Anfang zwanzig abgelegt. Mit meinen Eltern habe ich nie darüber gesprochen, ich wusste, das würde Konflikte provozieren. Damals war ich in einer Identitätskrise – auch ausgelöst durch Rassismuserfahrungen in Deutschland – und wollte mit Religion nichts mehr am Hut haben. Alles, was in meinem Leben falsch gelaufen ist, jede Ablehnung, habe ich der Religion, in die ich hineingeboren wurde, in die Schuhe geschoben – „dem Islam“. Erst während meines Studiums habe ich entdeckt, dass vieles, was mir über die Religion vermittelt wurde, einfach nicht stimmt. Die islamische Philosophie und auch viele Teile der Theologie sind so breit und vielfältig.

Gerade in Persien wurde über viele Epochen ein vielfältiger Islam gelebt, da ging so manches zusammen. Da war es kein Widerspruch, Wein zu trinken, homosexuell zu sein oder genderfluid und dennoch fünfmal am Tag zu beten.

Die Vielfältigkeit des Islam gab mir die Möglichkeit, die Widersprüchlichkeiten in meiner eigenen Biografie zuzulassen. Heute würde ich mich als religiös bezeichnen, denn mein islamischer Glaube ist wesentlicher Teil meiner Identität.

Die Mehr- und Vieldeutigkeit in der islamischen Tradition ging erst Ende des 19. Jahrhunderts durch Modernisierungsmaßnahmen im Zuge des Kolonialismus verloren. Auch wenn der Iran nie eine Kolonie war, war doch die Ideologie, die nach der Revolution 1979 an die Macht kam, ein Produkt dieser sogenannten Reformbewegungen in der islamischen Welt. Deshalb macht es mich unendlich wütend, dass die Mullahs seit über vierzig Jahren versuchen, diese islamische Tradition in ein binäres Denken zu packen. Sie wollen einen eindeutigen Islam, stellen sich hin und behaupten: Der Islam ist ... Es gibt halal und haram, richtig oder falsch. Und dann bestrafen sie alle, die sich nicht an ihre Gesetze halten. Denn wenn Du kein Kopftuch trägst, bist Du ja angeblich keine Muslima.

Dasselbe Spiel lässt sich bei den Taliban, Al Kaida oder dem sogenannten Islamischen Staat beobachten. Immer wenn es um die Verstaatlichung der Religion geht, wird diese Eindeutigkeit erzwungen. Aber das funktioniert nicht, Religion ist ambigue und es entspricht ihrer Natur, nicht Staatsform zu werden.

Orte des Protests im Iran.
Orte des Protests im Iran. © Quelle CTP/Grafik: FR

Deshalb wollen auch religiöse Iraner:innen wie ich dieses Regime nicht. Wir wollen unsere Religion zurück, die nichts mit dem Staat zu tun hat. Wir wollen nicht diese pervertierte Version der Mullahs, die den Islam instrumentalisieren, um eine unterdrückerische Staatsform zu legitimieren. Damit schafft sich die islamische Republik selbst ab!

Ich wollte mir in dieser Erzählung nicht anmaßen, für die Menschen im Iran zu sprechen. Sie sind unter Lebensgefahr, während ich mich und meine Familie in einem demokratischen System durch die Presse- und Meinungsfreiheit schützen kann.

Doch auch ich habe Angst vor dem, was noch kommt. Ich habe Angst vor der Brutalität des Regimes. Ich habe Angst um das Leben der Luren, Azeris, Beluchis, Kurdinnen und der vielen anderen Völker, die in diesem schönen Land leben. Und ich habe auch Angst, wie wir im Globalen Norden auf diese Revolutionen und Menschen schauen. Wir können von diesen Menschen so viel lernen. Sie erfüllen mein Herz mit Hoffnung und Liebe. Ihr Mut, ihr Widerstand, ihre Resilienz, ihre Kreativität. Wie sie bereit sind, alles herzugeben für Frau, Freiheit und Leben. (Bascha Mika)

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