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Die Bundeswehr will beim Personalmanagement flexibler werden.

Bundeswehr

„Wir wollen manchmal von vielem zu viel“

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    Jörg Köpke
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General Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, spricht mit der FR über Aufgaben, Ausrüstungsprobleme und falsche Zahlen.

Herr Zorn, die Bundeswehr soll wegen neuer Aufgabenbereiche wieder wachsen. Die für 2018 gesetzte Zielmarke von 182 000 Soldaten haben Sie allerdings nicht ganz erreicht. Was bedeutet das?
Es gibt keinen Anlass zur Panik, weder von der Zahl her noch von der Qualität unserer Bewerberinnen und Bewerber. Unser Bewerberaufkommen ist in den vergangenen Jahren konstant hoch gewesen. Wir sind eine Organisation, die wächst. Daher werden wir auch immer offene Stellen haben.

Wo bestehen die größten Lücken?
Im Schnitt sind 15 Prozent der Dienstposten nicht besetzt. In vielen Fällen sind die passenden Leute auch schon da, aber noch in der Ausbildung für den jeweiligen Posten. Es gibt aber etwas größere Lücken bei der IT, bei Ärzten, bei Personalmanagement und Logistik. Da müssen wir uns auch gegen gute Jobangebote aus der Wirtschaft durchsetzen. Wir zahlen daher für bestimmte Positionen jetzt Prämien. Wichtig ist auch, dass Material und Ausrüstung stimmen. Wo wir noch Nachbesserungsbedarf haben, ist die Karriereplanung. Hier müssen wir verstärkt Perspektiven aufzeigen und Hürden abbauen.

Was meinen Sie?
Zeitsoldaten müssen sicher sein können, dass ihre Tätigkeiten auch im Zivilbereich als Berufsabschluss anerkannt werden. Die Einstufung im öffentlichen Dienst muss attraktiver werden, vor allem bei den unteren Dienstgraden. Wir stehen uns mit eigenen Laufbahnauflagen manchmal selbst im Weg. Zum Beispiel ist strikt festgelegt, dass ein Soldat, der im Personalmanagement aufsteigen will, eine kaufmännische Ausbildung vorweisen muss. Wenn dann jemand aber Schreiner gelernt hat, kommt er nicht zum Zug, selbst wenn er sich schon mehrere Jahre bei uns in der Personalabteilung bewährt hat. Da müssen wir flexibler werden. Da sind wir dran.

Gilt die Flexibilität auch für die Einbindung von EU-Ausländern in die Bundeswehr?
Der Punkt ist nur einer von vielen Erwägungen in der Personalstrategie der Bundeswehr. EU-Bürger sind in der zivilen Bundeswehr nicht neu, im soldatischen Bereich diskutieren wir auch nur über sehr spezielle Posten. Allein auf diesem Weg bekomme ich die vakanten Dienstposten nicht alle besetzt. Außerdem wollen wir ja den anderen EU-Staaten keine Konkurrenz machen bei der Gewinnung von militärischem Personal. Darauf nehmen wir Rücksicht.

Muss die Bundeswehr auch an anderer Stelle pragmatischer werden? Ausrüstungsmängel gehören zum Alltag und es gilt schon als Erfolg, wenn von Zehntausenden fehlenden Nachtsichtbrillen im Jahr 4000 besorgt werden.
Die Ausstattung mit Nachtsichtgeräten ist ein Erfolg, und weitere Erfolge werden sich Schritt für Schritt einstellen. Wir haben für das Haushaltsjahr 2019 die geplanten Mittel für Rüstungsinvestitionen deutlich steigern können – um 38 Prozent. Jetzt geht es um eine noch effektivere Umsetzung. Wir haben in der Vergangenheit ein Beschaffungssystem entwickelt, das sowohl für ein komplexes Waffensystem gilt wie für die Ausrüstung von Soldaten. Der Kauf eines Schiffs lief also auf dieselbe Weise ab wie der einer Wollmütze, obwohl das eine deutlich komplexer ist als das andere. Das ist weder sinnvoll noch praktisch, hier steuern wir um. Wir haben schon ein erstes Beispiel: Als vergangenes Jahr Zelte fehlten, haben wir uns die unkompliziert auf dem Markt besorgt. Es gibt ja genügend Anbieter – mit guten Zelten in allen Farben.

Eberhard Zorn, General des Heeres der Bundeswehr.

Funktioniert der Pragmatismus auch bei militärischem Gerät?
Ja, wenn der Markt etwas Geeignetes hergibt. Dieses Jahr wollen wir schwere Transporthubschrauber anschaffen. Wir können hier möglicherweise aus dem Regal bestellen. Solche Gelegenheiten gilt es zu nutzen, auch wenn kein deutsches oder zumindest europäisches Produkt verfügbar ist. Aber irgendwann muss man entscheiden, was man haben will. Ich weiß, was ich haben will: Ich will einen Hubschrauber, der fliegt und die militärischen Anforderungen erfüllt.

Instandhaltung war immer eine Kernkompetenz. Muss das die Truppe können oder kann man da privatisieren?
Manches muss die Truppe selber können, gerade die Tätigkeiten, die im Einsatz erforderlich sind. Aber Auslagerung kann auch gut funktionieren: Australien zum Beispiel hat die Wartung seines Hubschraubers NH90, den auch die Bundeswehr fliegt, auf private Firmen verlagert. Das ist zwar teurer, sorgt aber für eine höhere Einsatzquote, als wir sie haben. So etwas muss man ins Auge fassen.

Es gibt manchmal jahrelange Verzögerungen bei der Lieferung von Großprojekten. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Wir müssen auch bei Rüstungsprojekten sehen, dass wir uns nicht mit unseren Anforderungen überschlagen. Wir brauchen europäische Standards, die wir für unsere Nutzung in Deutschland übernehmen können. Wir haben in der Vergangenheit auch Rucksäcke projektiert, die mehr Nässe vertragen, als in der Realität je auftreten wird. Wir wollen manchmal von vielem zu viel. Ich hätte lieber heute eine 80-Prozent-Lösung, die funktioniert, als eine 100-Prozent-Goldrandlösung, mit der wir erst in 15 Jahren arbeiten können. In die Richtung gehen wir jetzt.

Das Problem sind oft explodierende Kosten wie bei der Gorch Fock. Kann sich die Bundeswehr dieses Schiff noch leisten?
Die Sprünge bei den Kosten für die Reparatur der Gorch Fock sind schon sehr hoch. Aber Geld ist nicht der alleinige Faktor. Auf einem Segelschulschiff gibt es eine seemännische Basisausbildung, die sehr wichtig ist. Das beginnt dabei, zu erleben, wie ein Schiff durch Handarbeit durch die Weltmeere segelt, und geht bis zur Teamerfahrung.

Der Bundesrechnungshof hat festgestellt, dass die Bundeswehr der Ministerin fehlerhafte Unterlagen zur Entscheidung vorgelegt hat. Wie kann das sein?
Das analysieren wir. Wenn wir uns auf unsere eigenen Zahlen nicht verlassen könnten, wäre das schon gravierend. Zusätzlich steht noch ein Korruptionsverdacht im Raum. Die Lage ist insgesamt ausgesprochen schwierig.

Gibt es in der Truppe Angst, Probleme nach oben zu melden?
Bis vor ein paar Jahren hatten wir ein Meldewesen, das nicht sehr aussagekräftig war. Das wurde stark verbessert. Jetzt ist Transparenz und Offenheit gegeben. Das gilt gleichermaßen für Probleme wie für Fehlverhalten. Wir hatten früher sicher nicht weniger Fälle, aber es wird heute aufgrund gestiegener Sensibilität eben mehr gemeldet.

Einer der Paukenschläge war der Rückzug Deutschlands aus der Mittelmeermission Sophia. Wie ist das militärisch zu begründen?
Unsere Schiffe wurden abseits der Schmuggelrouten eingesetzt, also außerhalb des Kerngeschehens. Wir hatten einen Auftrag, aber am zugewiesenen Ort ist in den letzten Monaten nichts passiert. Die Soldaten haben beobachtet und ansonsten ihre Übungen abgehalten, wie Brandbekämpfung oder „Mann über Bord“. Ich erwarte, dass die EU jetzt zu einer Lösung kommt. In der Zwischenzeit macht unser geplantes Nachfolgeschiff etwas Sinnvolles – nämlich mehrere Nato-Übungen in Nord- und Ostsee. Wenn der entsprechende Beschluss kommt, sind wir in zehn Tagen wieder im Mittelmeer.

Interview: Jörg Köpke und Daniela Vates

Zur Person

Eberhard Zorn, Jahrgang 1960, ist General des Heeres der Bundeswehr und seit 2018 als 16. Generalinspekteur der Bundeswehr. Er ist damit der ranghöchste Soldat der Bundeswehr, truppendienstlicher Vorgesetzter aller Soldaten der Streitkräfte sowie deren höchster militärischer Repräsentant. 

Zur Sache: Trauma

Die Zahl der Bundeswehrsoldaten mit Kriegstraumata nach Einsätzen hat sich im vergangenen Jahr kaum verändert. Im Jahr 2018 wurde bei 182 Soldaten eine einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) neu diagnostiziert, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ am Montag unter Berufung auf den Sanitätsdienst der Bundeswehr berichtete. Dies waren demnach zwölf Soldaten mehr als im Jahr 2017.

Andere einsatzbedingte Leiden wie Depressionen gingen dem Bericht zufolge leicht zurück. Insgesamt wurde demnach im vergangenen Jahr bei 279 Soldaten eine einsatzbedingte psychiatrische Erkrankung diagnostiziert. Das waren in etwa so viele Neuerkrankungen wie 2017 mit 274 Fällen. Die tatsächlichen Erkrankungen dürften allerdings höher liegen. Denn es würden nur die Fälle gezählt, die in Bundeswehreinrichtungen behandelt werden, berichtete das Blatt.

Die anhaltend hohe Zahl von Erkrankungen hängt nach Einschätzung des Verteidigungsministeriums auch damit zusammen, dass Soldaten zum Teil erst Jahre später zum Arzt gehen. „Häufig nehmen Betroffene oder deren Umfeld erst Jahre nach dem auslösenden Ereignis eine unserer vielen Hilfsmöglichkeiten wahr“, zitierte das Blatt einen Ministeriumssprecher.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), zeigte sich zudem überzeugt, dass viele Soldaten sich auch erst später meldeten, weil die posttraumatische Belastungsstörung erst heute wie eine körperliche Verwundung angesehen werde. Bei vielen Soldaten seien die Erkrankungen inzwischen aber chronisch und es sei fraglich, ob die Bundeswehr den bestehenden Behandlungsbedarf noch adäquat befriedigen könne. (afp)

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