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Das Justizministerium im Blick: In Brasilia streiten Angehörige des Munduruku-Volks für den Schutz ihres Lebensraums.

Brasilien

Die Waffen der Schwachen

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Am Amazonas wächst der Widerstand gegen die Agrarindustrie-freundliche Haltung des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Ein Besuch bei jenen, die nicht aufgeben.

Der Mann, der die Amazonas-Wildbienen retten will, hat sich ein kleines Reich von etwa 25 Holzkisten erschaffen. Weiß gestrichen stehen sie auf einem Pfahl in etwa 1,20 Meter Höhe. Die Bäume spenden Schatten, ein leichter Windzug sorgt für die notwendige Kühlung.

Alexandre Godinho geht behutsam vor, als er eine der Kisten öffnet, um ihr Innenleben zu zeigen. Die Vorsicht hat ihren Grund: Viele Arten der Amazonas-Wildbienen bilden Verteidigungsschwärme, die tatsächliche oder potentielle Nesträuber gemeinsam heftig attackieren können, wenn sie sich bedroht fühlen. „In dieser Kiste befinden sich 20 000 Bienen, die ein wenig aggressiv sind, deswegen muss ich vorsichtig sein“, erklärt der 36-Jährige mit sanfter Stimme und nimmt ganz langsam eine Holzschicht von der anderen herunter, um das Innenleben des Bienenstocks freizulegen.

Lebensraum in akuter Gefahr

In Brasilien gibt es derzeit rund 400 „indigene Bienenarten“, wie Godinho sagt, also stachellose Wildbienen, die seit Urzeiten den Amazonas bevölkern. Doch ihr Lebensraum ist in akuter Gefahr. „Abholzung und Pflanzenschutzmittel kommen immer näher“, berichtet Godinho. Und so ist sein Kampf für das Überleben die Amazonas-Wildbiene auch ein Stellvertreterkampf. Gegen die fortschreitende Rodung des Regenwaldes, die „Agrar-Gifte“ – wie er die Pflanzenschutzmittel der industriellen Landwirtschaft nennt – den illegalen Bergbau und den Drogenanbau. Kurzum: Es geht um das Konzept der industriellen gegen die ökologische Landwirtschaft. Und es geht auch um die Nahrungsgrundlage der indigenen Bevölkerung: „Wir leben von den Früchten des Waldes. Ohne Bienen aber gibt es keine Früchte mehr.“

Alexandre Godinho will die Amazonas-Wildbienen retten.

Das Magazin „Galileu“ berichtete jüngst, dass Bienenzüchter in Brasilien seit Dezember 2018 rund eine halbe Milliarde toter Bienen entdeckt hätten. Besonders betroffen sind Rio Grande do Sul, Matto Grosso und Santa Catarina. Provinzen, in denen die Agrar-Industrie als besonders spendabel im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln gilt. Auch jene Pestizide, die in Europa längst nicht mehr zugelassen sind. Gegen diese Art der Angreifer können die Bienen keine Verteidigungsschwärme bilden, dieser Tod kommt laut und bewegungslos, sagt Godinho.

Der Brasilianer ist für die Bienenzucht im Projekt „Saude e Alegria“ (Gesundheit und Freude) zuständig. Die Öko-Farm liegt etwa drei Bootsstunden von Santarem im Bundesstaat Para entfernt, wo der Rio Tapajos in den Amazonas fließt.

Auf der Farm versammeln sich an diesem Tag rund 100 Gäste. Vertreter indigener Territorien, Kleinbauern, Frauenrechtlerinnen. Sie alle wollen sich austauschen über die aktuelle Situation im Regenwald. Santarem liegt in etwa auf der Mitte zwischen der wohl bekanntesten Amazonas-Metropole Manaus und Macapa im Nordosten des Landes, wo der riesige Fluss beginnt in den Südatlantik zu münden.

Größte Fläche in Lulas Amtszeit vernichtet

Umweltschützer Caetano Scanavinno kritisiert Bolsonaro scharf.

Projektleiter ist Caetano Scannavino, ein Brasilianer italienischer Abstammung und bestens vernetzt mit Politik und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Sein „Gesundheit und Freude“-Projekt wird auch aus Deutschland unterstützt, mit Mitteln des Entwicklungsministeriums, dem Lateinamerika-Zentrum und der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. So verraten es zumindest die Logos auf der Konferenzwand. Der 53-Jährige trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Gesicht eines brasilianischen Umweltschützers: „Chico Mendes lebt“ ist darauf zu lesen. Jenem inzwischen zur Legende gewordenen Menschenrechtsverteidiger und Umweltschützer, der im Dezember 1988 von Großgrundbesitzern ermordet wurde. Von Mendes stammt das inzwischen historische Manifest „Em Defesa dos Povos da Floresta“ (In Verteidigung der Völker des Waldes), das auf seine Initiative hin die Ureinwohner und die Organisation der Kautschuksammler gemeinsam verabschiedeten. Darin fordern die Unterzeichner unter anderem, den Schutz jenes „gewaltigen und doch zerbrechlichen Lebenskreislaufes, den unsere Wälder, Seen, Flüsse und Quellen bilden, zu schützen und zu erhalten – denn er ist die Quelle unserer Reichtümer, die Grundlage unserer Lebensformen und kulturellen Traditionen.“

Mendes war zu Lebzeiten Gewerkschafter der Kautschukzapfer und Mitbegründer der linksgerichteten Arbeiterpartei PT, aus der die späteren Präsidenten Lula da Silva (2003 bis 2011) und Dilma Rousseff (2011 bis 2016) hervorgingen. Trotz dieser historischen Verbindung sollte Lula da Silva später als der Präsident in die Geschichte eingehen, in dessen Amtszeit bislang die größte Fläche des Amazonas-Regenwaldes vernichtet und ein gigantischer Amazonas-Staudamm genehmigt wurde, der nicht nur das ökologische Gleichgewicht der Region aus dem Takt zu bringen droht, sondern auch die Vertreibung Indigener zur Folge hatte. Umweltaktivistin Marina Silva, eine enge Mitstreiterin von Chico Mendes, die Lula später zu seiner Umweltministerin machte, trat wegen dessen umstrittener Umweltpolitik 2008 aus dem Kabinett aus.

Wieder in Alarmbereitschaft

Die Kräfte bündeln: Aktivisten und Kleinbauern beraten auf der Öko-Farm „Saude e Alegria“ über die aktuelle Situation.

In der Folgezeit konnte vor allem das Kabinett Rousseff die Amazonas-Abholzung eindämmen. Inzwischen sind die Erben von Chico Mendes aber wieder in Alarmbereitschaft. Die Abholzungen im brasilianischen Teil des Amazonas-Regenwald sind im Juni um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, berichtete die Zeitung „O Globo“ unter Berufung auf das staatliche Weltraumforschungsinstitut Inpe. Die Daten erhält Inpe über Satelliten, die die Region aus dem Weltraum überwachten. Sie gelten deshalb als unanfechtbar. Insgesamt gingen demnach im Juni 762 Quadratkilometer Urwald verloren. Das ist der höchste Anstieg seit 2016.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro, der seit Jahresbeginn im Amt ist, gilt als Freund der Agrarindustrie. Vor allem China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern, die alle satt werden müssen, hat ein Auge auf Brasilien geworfen. Südamerika soll zu einer Art Speisekammer der Chinesen werden. Brasiliens Agrar-Industrie kann diesen Hunger stillen. Und sie ist eine der wenigen Branchen, die im Land profitabel arbeitet und die nach immer mehr Fläche lechzt. Bolsonaro will diese Fläche auf Kosten des Regenwaldes zur Verfügung stellen. Er versucht nicht einmal den Eindruck zu erwecken, dass ihn Umwelt- und Klimaschutz besonders interessieren. Den Amazonas-Regenwald sieht er als eine Frage der nationalen Souveränität, ähnlich wie dies Venezuela mit seinem ganz auf die Förderung und dem Verkauf fossiler Brennstoffe angelegten Wirtschaftssystem betrachtet. Eine Einmischung von außen verbietet sich Bolsonaro.

Indigene wären nicht mehr geschützt

Dorfbewohnerin Joelma Lopes.

Konkret bedeutet Bolsonaros Agrarpolitik, dass die Grenzen indigener Territorien aufgehoben werden sollen. Sie wären damit rechtlich nicht mehr geschützt. „Dabei sind es vor allem die indigenen Völker, die den Regenwald am besten schützen können“, sagt Scannavino. Derzeit tobt ein Streit um den sogenannten Amazonas-Fonds. Bolsonaro droht offen mit der Auflösung des Fonds. Seit 2009 zahlte Norwegen rund 1,2 Milliarden US-Dollar in den Fund ein, Deutschland etwa 68 Millionen US-Dollar. Rund die Hälfte dieser Summe wurde bereits an Waldschutzprojekte weitergereicht.

Das stört Bolsonaro, weil davon auch NGO’s profitieren, sie sich seiner agrarindustriefreundlichen Politik in den Weg stellen. Der Fonds habe praktische Resultate erzielt, sei überprüft, transparent und anerkannt, sagt Scannavino. „Es existieren so viele Probleme in Brasilien, deswegen weiß ich nicht, warum versucht wird, ein Problem zu finden, wo eine Lösung existiert.“

So richtig weiß auf der Öko-Farm niemand, was nun auf die Amazonas-Region zukommt. Die Angst ist groß. Viele setzen auf internationalen Druck. Das jüngst abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen Europa und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur könne ein Schlüssel sein, sagt Ex-Umweltministerin Marina Silva. Europa müsse Druck auf die brasilianische Regierung machen, damit diese die Klimaschutzziele einhält. Druck alleine wird allerdings nicht reichen, der Rest der Welt muss Brasilien eine ökonomische Alternative zur aktuellen Agrar-Politik anbieten, denn China zahlt zuverlässig, aus Europa kommen dagegen nur Belehrungen.

Die Leidtragenden sind jene, die sich für den Erhalt des für das Weltklima so wichtigen Ökosystems Amazonas einsetzen. Bienenzüchter Alexandre Godinho ist bereit, für seine Bienen und den Regenwald zu kämpfen: „Friedlich mit pazifistischen Mitteln“, stellt er klar. Konkret bedeutet das eine Mobilisierung der Basis, von Jugendorganisationen, Netzwerken und Demonstrationen. Godinho verspricht: „Wir werden die Flagge des Kampfes hissen.“

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