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Rassistische Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen: „Wir waren auf uns allein gestellt“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Einer der Menschen aus Vietnam, die 1992 im Sonnenblumenhaus Todesangst litten, im Sommer 1993 auf dem Balkon seiner Wohnung.
Einer der Menschen aus Vietnam, die 1992 im Sonnenblumenhaus Todesangst litten, im Sommer 1993 auf dem Balkon seiner Wohnung. © Zenit/epd

Die Erinnerung an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 verfolgt viele der damals Angegriffenen auch 30 Jahre danach

Wer kennt die Namen der Menschen, die vor 30 Jahren im Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen von einem rechten Mob angegriffen wurden? Sie haben in Todesangst überlebt. „Jetzt feiern wir alle zweimal im Jahr Geburtstag“, sagt einer von ihnen.

Vor 30 Jahren schaute Deutschland erschrocken nach Rostock, die rechtsradikalen Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen wurden tagelang in die Wohnzimmer gesendet. Die Sicht auf die Gewalttaten war geprägt von der Auseinandersetzung mit den Tätern (und seltener Täterinnen) und deren Motiven. Die Betroffenen blieben auch als Opfer Fremde und unbenannt.

Viele von ihnen haben die Öffentlichkeit gescheut nach diesen Nächten des Pogroms. Kaum wahrgenommen wurde, dass diese Angriffe für einige von ihnen einen zusätzlichen Schrecken bedeuteten, weil sie schon den Krieg in Vietnam miterlebt hatten, der 1975 endete. Viele spätere Bewohner:innen des Sonnenblumenhauses haben diesen Krieg erlitten und Angehörige verloren.

Dann wurden sie als billige Arbeitskräfte in die DDR geholt. Sie waren es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Nach dem Pogrom von Lichtenhagen hatten sie es irgendwann satt, ihre Geschichte zu erzählen.

Außerdem herrschte immer „Angst, dass die Nazis mein Gesicht sehen und dann wissen, wo ich wohne“. So schildert es ein Betroffener in dem Hörspiel „Das Sonnenblumenhaus“. Es entstand 20 Jahre nach den Ausschreitungen, als Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos die vorliegenden Dokumentationen sichteten und feststellten, „dass die Überlebenden des Pogroms in diesen Beiträgen kaum eine Rolle gespielt hatten“. Sie fuhren durch Deutschland, um Betroffene berichten zu lassen.

Bis heute ist nicht einmal bekannt, wie viele Menschen sich in dem Sonnenblumenhaus aufhielten, als es von den Neonazis am Abend des 24. August 1992 angezündet wurde, bis ins siebte Stockwerk brannte und der Rauch das Haus bis ganz nach oben füllte. Es werden ungefähr 150 Menschen gewesen sein, die meisten von ihnen ehemalige DDR-Vertragsarbeiterinnen und -Vertragsarbeiter, die aus Vietnam gekommen waren. Daneben wenige deutsche Freund:innen, einige Sozialarbeiter:innen, der Heimleiter und ein ZDF-Team.

„Nur unserer Selbstbefreiungsaktion ist es zu verdanken, dass es keine Toten gab“, schreibt Ngyuen Do Thinh jetzt in der „Zeit“. Er trat damals als Sprecher und Übersetzer der Vietnamesinnen und Vietnamesen auf. „Mit Brechstangen, Tischbeinen und allem, was wir fanden, versuchten wir einen Durchbruch zum Nachbarhaus zu hämmern – das klappte nicht. Andere haben sich an der Dachluke zu schaffen gemacht, die dann unsere Rettung war.“ Es sei ihm „unbegreiflich“ gewesen, warum die Polizei die Angriffe nicht gestoppt habe.

Die Vietnamesinnen und Vietnamesen wurden am dritten Tag der Ausschreitungen mit einem Bus aus dem angegriffenen Haus geholt und mussten sich auf der Fahrt ducken, um nicht von Angreifern gesehen zu werden. Sie wurden in eine Sporthalle gebracht. „Ohne Luft, ohne Sonne, ohne nichts“, berichtete Ngyuen Do Thinh in dem Dokumentarfilm „The truth lies in Rostock“. Die Stadt habe sich nicht in der Lage gesehen, die Menschen mit Essen und Trinken zu versorgen.

Besonders bedrückend ist die in dem Film gezeigte Szene, in der der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Zöllick seine Hilflosigkeit offenbart. „Ich hoffe, Sie bleiben hier und es ist bald vorbei“, ruft er den Geflüchteten zu, die auf der Zuschauertribüne Platz genommen haben. Dann winkt er und geht. Auf der Tribüne weinen Menschen. Für Ngyuen Do Thinh war „klar, dass wir nun auf uns alleine gestellt sind“. Unmittelbar nach dem Pogrom gründeten die Bewohner:innen den Verein Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach. „Das muss man sich mal überlegen“, sagt Heiko Kauffmann, Mitgründer und lange Jahre Sprecher von Pro Asyl: „Die Vietnamesen beschlossen, auf die Mehrheitsgesellschaft, von der sie gerade angegriffen wurden, zuzugehen und sich für ein besseres Zusammenleben einzusetzen.“

Mai Phuong-Kollath, die als DDR-Vertragsarbeiterin im Rostocker Hafen gearbeitet hatte und im Sonnenblumenhaus lebte, engagierte sich ebenso wie Ngyuen Do Thin für Diên Hông und organisierte Begegnungen. Die Erinnerung an die Pogromnacht fällt ihr schwer. „Ich dachte immer, mit den Jahren wird es ruhiger“, sagte sie schon vor zehn Jahren. „Es wird aber immer heftiger. Ich merke, dass es mich immer aufwühlt.“

Die ehemaligen Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam waren nicht das erste Ziel der Angreifer gewesen, sondern die Asylsuchenden, die in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) im gleichen Haus ihre Anträge stellen wollten, aber tagelang im Freien darauf warten mussten. Diese Menschen aus Osteuropa, darunter Roma und Sinti, wurden an andere Standorte gebracht, bevor das Haus brannte. Doch sie wussten, dass der Hass ihnen galt. „Seit ich in Deutschland bin, habe ich Angst“ - Angst, von Neonazis getötet zu werden, berichtet eine betroffene Frau namens Anka in dem Film „The truth lies in Rostock“.

Stoyan, ein Mann aus dieser Gruppe, schildert darin die lebenslange Erniedrigung in Rumänien wie in Deutschland. Sein Wunsch: „Ich möchte Frieden für meine Seele finden. Und ein bisschen Sympathie.“

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