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Nahost-Konflikt: „Wir verlieren unser Haus. Wen interessiert das?“

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Von: Maria Sterkl

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„Ich dokumentiere die Besatzung“: Saad (r.) und Harbiye Caru leben noch in Hebron. Maria Sterkl
Nahost-Konflikt hautnah: „Ich dokumentiere die Besatzung“: Saad (r.) und Harbiye Caru leben noch in Hebron. Maria Sterkl © Maria Sterkl

Der Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästina verschärft sich weiter. Es kommt zu Massenvertreibungen und Bruch des Völkerrechts.

Hebron - Hebron, die größte palästinensische Stadt der Westbank: Fernab der Ukraine verschärft sich dort der Nahost-Konflikt. Es kommt zu Massenvertreibungen und Bruch des Völkerrechts.

Wäre Hebron eine Pilgerstadt wie jede andere, dann wäre der große Platz vor dem Aufgang zur Grabstätte Abrahams vollgepflastert mit Souvenirständen, Imbissbuden und allerlei Religionskitsch für die jüdischen und muslimischen Gläubigen, die den ihnen heiligen Ort besuchen. Von Reisebussen und Souvenirkommerz ist aber nichts zu sehen, nur drei Autos sind auf dem Platz geparkt. Ein Teenager mit müden Augen und einem verschwitzten FC-Bayern-München-Fantrikot streicht zwischen ihnen umher und wartet, dass die Fahrer:innen zurückkehren. In seiner Hand trägt er Plastikarmbänder Made in China. Auf ihnen steht: Palestine.

Eskalation zwischen Israel und Palästina: Hebron - Ein Ort der Extreme

Es gibt niemanden, der dem Jungen etwas abkaufen könnte. Die Häuser rund um den Platz zeigen den Prunk vergangener Tage, sie stehen leer. Die Besitzer:innen sind weggezogen. Viele von ihnen hoffen, einst zurückkehren zu können, wenn man hier, in der alten Innenstadt von Hebron, wieder leben kann.

Die größte Stadt im Westjordanland ist ein Ort der Extreme. Unter den Palästinenser:innen gelten die Menschen aus Hebron als besonders konservativ. Die jüdischen Siedler:innen, die sich hier im Stadtzentrum niederlassen, sind Radikale, die eine andere Auffassung von Zionismus vertreten als die israelische Mehrheitsgesellschaft. Sie ziehen in die von Palästinenser:innen verlassenen Häuser ein. Das israelische Recht verbietet das zwar, Behörden erlassen immer wieder Räumungsbescheide, die jedoch ignoriert werden.

Wilde Siedlungen in Palästina: Israel kontrolliert die Wege die sie gehen

Diese wilden Siedlungen auf palästinensischem Gebiet gibt es zwar auch anderswo im Westjordanland. Doch hier, in Hebron, geschieht es mitten in einer palästinensischen Stadt, unter dem Schutz israelischer Soldat:innen, die allgegenwärtig sind. Was für die jüdischen Siedler:innen Schutz ist, ist für die Palästinenser:innen eine sich immer enger zuziehende Schlinge. Das Militär schreibt vor, welche Wege die palästinensische Bevölkerung benutzen darf, und selbst auf diesen Wegen werden sie ständig kontrolliert.

Jene palästinensischen Familien, die noch nicht aus dem Stadtzentrum weggezogen sind, spüren die Präsenz der radikalen Siedler:innen am eigenen Leib. Ihre Fenster und Balkone sind von Drahtgittern umfasst, als Schutz gegen Steinwürfe. Selbst der Treppenaufgang der öffentlichen Schule gleicht einem Käfig, da immer wieder palästinensische Schüler:innen von jungen Siedlergangs angegriffen werden.

Wer hier lebt, ist arm oder stolz: Wer nicht durch den Checkpoint kommt kann nicht arbeiten

Wer nicht längst woanders wohnt, ist entweder zu arm oder zu stolz. Saad und Harbiye Caru gehören zu den wenigen, die noch am Hauptplatz leben. Die erwachsenen Töchter sind bereits weggezogen, nun wohnen sie zu fünft hier, so lange es noch geht. „Wie viele Arbeitstage ich schon verloren habe, weil ich nicht durch den Checkpoint durfte?“, fragt der Schmied. Er hat sie selbst nicht gezählt. Der nächste Checkpoint ist nur ein paar Meter von Saads Haus entfernt. Wenn er zur Werkstatt will, zum Einkaufen, zum Arzt, muss er durch die Kontrollen. Manchmal dauert es Stunden, manchmal wird er von der israelischen Polizei verprügelt, wie zuletzt vor zwei Wochen.

„Ich habe ihn schreien gehört“, sagt Harbiye. Sie ging zum Fenster und filmte die Szene. Ihrer Videoaufnahme ist es zu verdanken, dass der 55-Jährige nicht ins Gefängnis musste. Die Anzeige, in der behauptet wurde, Saad habe die Polizisten angegriffen, wurde kommentarlos fallengelassen, als er die Videos vorlegte.

Straßen werden von Israel kontrolliert: Manchmal sind sie für Palästinenser:innen tabu

Manchmal ist der Checkpoint auch einfach gesperrt, ohne Vorwarnung. Dann muss Saad mehrere Kilometer zum nächsten Checkpoint laufen. Manche Straßen sind für palästinensische Autos tabu, manche auch für Fußgänger. Die Armee nennt diese Straßen „steril“. Wer in einem Haus lebt, dessen Eingang zur „sterilen“ Straße führt, muss das Haus übers Dach verlassen. „In zehn Jahren wirst du hier keinen Palästinenser mehr sehen“, glaubt Manal, eine Palästinenserin, deren Familie von hier weggezogen ist, als es ihr zu viel wurde.

Wo genau ist Israel?

Die Grenzen: Wo der Jüdische Staat verläuft, darauf gibt es keine einheitliche Antwort. Die offiziellen Karten der Regierung zeigen Israel zwischen dem Mittelmeer im Westen und dem Fluss Jordan im Osten. Die besetzte Westbank mit ihrer großteils palästinensischen Bevölkerung ist demnach Teil des Landes, nur hat keine israelische Regierung je das Gebiet offiziell annektiert. Auf internationalen Karten endet Israel im Osten an einer von den UN gezogenen „Grünen Linie“ – dort, wo Westjordan beginnt. Israelis aus dem Mitte-Links-Lager möchten jüdische Siedlungen jenseits der Grünen Linie nicht als Teil des israelischen Staates sehen. Laut internationalem Recht sind diese Siedlungen illegal.

Die Siedlungen: Wer durch sie im Westjordanland fährt – etwa in die Stadt Ariel, 35 Kilometer von Tel Aviv –, nutzt dafür von Israel gebaute Autobahnen. Israelische Buslinien führen nach Ariel, die dortige Uni ist Teil des nationalen Universitätenverbands. Aber nichts davon ist auf israelischem Territorium. Man kann das als De-Facto-Annexion sehen.

Der Grenzwall: Die meterhohe Betonmauer soll Israel vor palästinensischem Terror beschützen. Allerdings trennt die Mauer nicht israelisches von palästinensischem Gebiet. Sie wurde so geplant, dass sie teils durchs palästinensische Westjordanland führt. mst

Das Prinzip der strengen Bewegungskontrolle und der schleichenden Vertreibung kennen die Palästinenser:innen auch in derübrigen Westbank. In jüngster Zeit hat sich der Druck verschärft. „Was im Augenblick passiert, ist dramatisch“, sagt Sven Kühn von Burgsdorff, Leiter der EU-Delegation in den Palästinensergebieten. Nie zuvor in den vergangenen Jahren sei die Zahl der Vertreibungen von Palästinenser:innen so hoch gewesen, nie die Gewalt der Siedler gegenüber der palästinensischen Bevölkerung so brutal. Der Diplomat nimmt die internationale Gemeinschaft in die Pflicht. „Es kann nicht sein, dass wir einfach zusehen, wenn hier Massenvertreibungen stattfinden.“

Ukraine-Kreig und Nahost-Konflikt: Seit dem 24. Februar weniger Beachtung für Palästina

Seit Krieg in der Ukraine herrscht, ist die Aufmerksamkeit, die Palästinenser:innen erfahren, noch geringer als zuvor. „Niemand interessiert sich für uns“, sagt Saad. „Wenn Putin in die Ukraine einmarschiert, verbündet sich die Welt gegen ihn. Wir sind seit 1967 besetzt, und alle schauen zu.“

Allerdings ist Israel, anders als Russland, in dem Konflikt nicht nur Täter, sondern auch Opfer, und keine Stadt im Westjordanland wird von Israel bombardiert. Doch schon lange gibt es keine Friedensgespräche zwischen Israel und der Palästinenserführung mehr. Kommen ausländische Politiker:innen auf Besuch, so preisen sie das Modell der Zwei-Staaten-Lösung. Doch auch ihnen ist bewusst, dass die Realität auf dem Boden so weit entfernt von einer solchen Lösung ist wie nie zuvor.

Nahost-Konflikt: Siedlungen als Gift für den Frieden

Israel zieht einen Ring von Siedlungen rund um die Stadt Jerusalem, schneidet die Palästinenser:innen im Westjordanland von jener Stadt ab, die auch sie als Hauptstadt ihres künftigen Staates sehen. Finanziert werden die Infrastrukturprojekte mit israelischem Steuergeld, also auch von jenen, die diese Siedlungen als Gift für den Friedensprozess ansehen. Viele in Israel wüssten aber auch einfach gar nicht, was im Westjordanland passiert, sagt Dror Sadot, Sprecherin der Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Die Medien berichten kaum darüber. Von Hebron hört man vor allem dann, wenn die Armee einen größeren Einsatz durchführt, oder wenn Palästinenser:innen Israelis angreifen.

Auch Hanan Ashrawi, bis vor kurzem palästinensische Politikerin, sieht die Palästinafrage durch den Ukraine-Krieg in den Schatten gedrängt. Das mache sich nun auch finanziell bemerkbar: „Das ganze Geld fließt in die Ukraine“, und weniger in die Palästinensergebiete. Die russische Invasion habe „sehr deutlich gemacht, dass Völkerrecht zwar für die einen gilt, für die anderen aber nicht“, sagt Ashrawi. Israel werde vom Westen für seine Völkerrechtsverstöße nicht zur Verantwortung gezogen. „Die westlichen Staaten wollen, dass wir uns in unser Schicksal fügen. Es erzeugt viel Wut unter den Palästinensern, dass sich der Westen nur in Bewegung setzt, wenn die Opfer einer Besatzung blond und blauäugig sind.“

Ukraine-Krieg als Chance: Bekommt Palästina bald mehr gehör?

Die Ukraine-Krise könnte aber auch eine Chance für die Palästinenser:innen sein, um sich in der Welt wieder Gehör zu verschaffen, glaubt EU-Diplomat Kühn von Burgsdorff. „Sie könnten sagen: Seht her, wir sind wie die Ukrainer Opfer einer Besatzung, und wir fordern von der internationalen Gemeinschaft dieselbe Anwendung von Völkerrecht, wie sie es dem ukrainischen Volk zukommen lässt.“

Ob sie sich von der Palästinenserführung mehr erwarten würde, wenn es darum geht, gegenüber der Welt die Stimme zu erheben? „Auf jeden Fall“, sagt Ashrawi. „Aber wir haben intern ja bekanntlich viele Probleme.“ Seit 16 Jahren regiert der Zirkel rund um Präsident Machmud Abbas, ohne sich Wahlen zu stellen. Die Korruption blüht, Regimekritiker:innen werden eingesperrt, gefoltert, manchmal sogar umgebracht. Europa sieht dennoch Abbas’ Regime als bessere Alternative zur radikalislamischen Hamas an.

Zwischen den Fronten im Nahost-Konflikt: NGO sammelt Dokumentationen über Auseinandersetzungen

Saad wird in dem Haus am Hauptplatz bleiben, solange es geht. In seiner Freizeit filmt er die israelischen Soldat:innen, wenn er bemerkt, dass es zu Übergriffen oder Auseinandersetzungen mit steinewerfenden Palästinensern kommt. Das Material leitet er an die israelische NGO B’Tselem weiter, die solche Dokumentationen sammelt. Palästinensische Bekannten halten ihn deswegen für einen Kollaborateur und feinden ihn an. „Ich sage darauf: Ich dokumentiere doch nur die Besatzung.“

Und die Besatzung dokumentiert auch ihn: Seit einiger Zeit sind auf Saads Dachterrasse zwei gigantische Überwachungskameras montiert, die mit einer Bewegungsverfolgung ausgestattet sind. „Wenn wir abends oben auf dem Sofa sitzen, weil es in der Wohnung zu heiß ist, schaut uns die Kamera zu“, sagt Saad. Den Versuch, das Militär von seinem Recht auf Privatsphäre zu überzeugen, hält er für zwecklos. „Es geht um Einschüchterung“, glaubt er.

„Wir Europäer müssen den Nahen Osten wieder als Priorität unserer Außenpolitik sehen“, sagt Kühn von Burgsdorff. Schon allein aus Eigeninteresse. Wegen des Klimawandels würden in der umkämpften Region „immer mehr Menschen auf immer weniger Raum leben müssen. Das führt zwangsläufig zu Verarmung, zu Radikalisierung und zu Migration. Und wir Europäer werden das als erstes mitkriegen.“ (Maria Sterkl)

Nach dem gewaltsamen Tod der Journalistin Schirin Abu Akleh, wurden zuletzt neue Indizien bekannt, die Israel belasten.

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