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„Wir machen der Groko Druck“, sagen die Landwirte, die am Dienstag ins Regierungsviertel gerollt sind.

Bauernprotest

„Wir vergiften nichts“

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Höfesterben, Umweltschäden, Kostendruck: Bauern aus ganz Deutschland blockieren Berlin. Sie fühlen sich alleingelassen mit den Folgen einer verfehlten Agrarpolitik.

Frühmorgens um 3.30 Uhr hat Falk Schmiedgen aus Obermützkow bei Stralsund nach einer kurzen Nachtruhe wieder den Motor seines Claas-Treckers angelassen. Er hat sich bei Fürstenberg in Nordbrandenburg in den Konvoi auf der Bundesstraße 96 eingeordnet. Drei Stunden später, im Morgengrauen, steht er dann vor dem Brandenburger Tor.

Andere fuhren noch Stunden später laut hupend durch die Hauptstadt auf dem Weg zur Kundgebung im Regierungsviertel. Die meist dunkelgrünen Ungetüme von Fendt, John Deere oder Massey-Ferguson rollten über rote Ampeln, hupten Radfahrer zur Seite und fuhren an ihrem Ladegeschirr Parolen statt Heuballen durch die Stadt, manchmal aber auch Heuballen mit Parolen: „Niemand soll vergessen, Bauern sorgen für das Essen“, oder kosmopolitischer: „No farmers, no food, no future“.

5000 Traktoren und 10 000 Landwirte sollen es gewesen sein, die in die Hauptstadt einrollten. Und wer angesichts der röhrenden Dieselriesen einen Bauernaufstand, gar eine Attacke der Aggro-Industrie befürchtete, sah sich im Zuge der eher stoisch agierenden Treckerbesatzungen eines Besseren belehrt. „Wir protestieren friedlich“, sagt der Stralsunder Schmiedgen. „Bauern sind sowieso die friedlichste Berufsgruppe“, glaubt Markus König aus Quedlinburg am Harz. „Wir möchten mit den Parteien – außer ganz rechts und ganz links – vernünftige Regelungen für die Zukunft finden“, sagt Michael Kapell aus Marbeck im Münsterland.

Kapell sitzt in seinem Traktor mit 400-Liter-Dieseltank und Standheizung direkt mit Blick aufs Brandenburger Tor. Er lebt von Kartoffelanbau, Schweinemast und einer Biogasanlage und leitet den Ortsverband Marbeck des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands.

Die Bauerndemo unter dem Motto „Land schafft Verbindung“ gilt als digital entflammter Basisaufstand, entstanden via Facebook. Die Organisation läuft über regionale Whatsapp-Gruppen, ganz ähnlich wie bei „Fridays for Future“, die viele Bauern als Gegenspieler ansehen. Aber hinter der Graswurzel- und Feldkrumen-Organisation stehen vielerorts doch Menschen mit Verbandserfahrung – wie eben Michael Kapell. „Wir brauchen den Bauernverband, aber er ist von der Politik zu wenig gehört worden. Deshalb machen wir heute Druck“, sagt Kapell. „Der Bauernverband hat den Zugang zur Politik, das ist weiter nötig“, sagt Markus König. „Aber wir sind so enttäuscht von der Groko, dass wir uns heute Luft verschaffen müssen. Und wenn nichts passiert, wird es auch nicht das letzte Mal gewesen sein.“ Neben ihm steht seine Tochter Nicola. Sie hat Landwirtschaft und Tiermedizin studiert und schwankt noch, ob der Betrieb ihre Zukunft sein kann. Auch deswegen demonstriert sie heute in Berlin.

Vom Bauernverband und seinen Funktionären hält Falk Schmiedgen hingegen überhaupt nichts mehr. „Der Verband ist zu sehr mit der Politik verbunden, viele Bauern sind vom Verband und seinen Vertretern enttäuscht.“ Der Betrieb, in dem er als Verwalter angestellt ist, ist gerade aus dem Verband ausgetreten. „Wir brauchen die nicht mehr“, sagt er.

Schmiedgen wettert gegen Billigimporte aus Übersee und zu viele Auflagen in Deutschland. Und er sorgt sich um das Image der Bauern: „Wir vergiften nichts. Wir produzieren Lebensmittel von höchster Qualität“, wirbt er. Um Bienen und Hecken habe man sich schon gekümmert, als es dafür noch keine Subventionen gab. „Wir fühlen uns verraten von Union und SPD. Aber ich könnte keine Partei nennen, die für uns eintritt.“ Auch nicht die AfD, bestätigt er auf Nachfrage.

Deren Vertreter mischten sich unter die Bauerndemo und setzten Nachrichten in den sozialen Netzwerken ab, die es so aussehen lassen sollen, als seien viele Treckerfahrer AfD-nah.

Der Münsterländer Kapell hält dagegen: „Mit rechts haben wir nichts zu tun. Mit denen wollen wir auch nicht zusammenarbeiten.“ Ihm geht es um die Düngeregeln, den Königs um den Glyphosateinsatz, und alle befürchten sie, bei der ausgerufenen Agrarwende hinten herunterzufallen.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wird am Nachmittag von den Bauern gnadenlos ausgepfiffen. Viele wenden ihr demonstrativ den Rücken zu. Sie verweist darauf, dass jede und jeder Deutsche pro Jahr 114 Euro für die gemeinsame Agrarpolitik der EU zahle. Auch dies sei Respekt gegenüber den Bauern. Von „Respekt“ spricht auch FDP-Chef Christian Lindner, er tut dies mit dem Unterton eines Möchtegern-Feldweg-Gangsters und holte sich den erhofften Beifall ab.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) tut sich schwerer. Sie fordert den Dialog, spricht aber die meiste Zeit gegen eine Mauer des Schweigens an. Ab und an gibt es Pfiffe. Sie versucht es mit Anbiederung: „Ich selbst komme aus der Landwirtschaft. Ich konnte Traktor fahren, bevor ich den Führerschein hatte.“ Dafür gibt es höhnisches Stöhnen. Natürlich lernt man Treckerfahren vor der Fahrschule, wann denn sonst? Klöckner macht unbeirrt weiter, zeigt Gesprächsbereitschaft. Beim Angebot eines „nationalen Dialogs“ mit Veranstaltungen im ganzen Land gibt es zum ersten Mal zaghaften Applaus. Klöckner wird wohlwollend verabschiedet.

Auf Kuschelkurs geht sogar Grünen-Chef Robert Habeck: Er zeigt Verständnis für die Bauernproteste – mahnt aber auch einen grundlegenden Kurswechsel in der Landwirtschaft an. „Der Protest zeigt das Versagen der deutschen Landwirtschaftspolitik auf. Alles, die Förderung, die Ausbildung, die Exportorientierung, die niedrigen, oft nicht auskömmlichen Preise, zwingt die Bauern, immer intensiver zu wirtschaften. Sie müssen wachsen oder weichen“, sagte Habeck auf Anfrage.

Der Grünen-Chef rief die Bundesregierung zu einer in sich schlüssigeren Agrarpolitik auf. „Es braucht eine Neuausrichtung der europäischen Agrarförderung entlang von Nachhaltigkeit, ein Umbauprogramm für die Tierhaltung samt Reduktion der Tierzahlen und eine verbindliche Haltungskennzeichnung, damit Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, wofür sie bezahlen“, sagte er.

Auf der Demonstration aber spricht der frühere schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister nicht. Die Grünen bleiben das Feindbild vieler Treckerdemonstranten. In der Abenddämmerung starten sie ihre Maschinen. Bevor es dunkel wird, sind die meisten schon wieder draußen auf dem Land.

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