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Trotz Zeitdruck und schlechter Bezahlung: Esther Braun (rechts) liebt ihren Job und gibt der jungen Mutter Emma gerne Ratschläge im Umgang mit ihrem Nachwuchs.

Wie geht's, Deutschland?

"Wir sind weit entfernt von einer sicheren Geburtshilfe"

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Arbeitsüberlastung und steigende Geburtenzahlen - Hebammen sind so wichtig und haben es doch so schwer. Unterwegs mit einer Geburtshelferin in Köln.

Esther Braun ist ausgebucht. „Im April 2018 habe ich wieder Termine frei“, sagt sie. „Bis dahin geht gar nichts.“ Esther Braun, 37 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, ist Hebamme. Gerade hat sie ihre schwere braune Ledertasche mit den Akupunkturnadeln, den Cremepröbchen und dem hölzernen Pinard-Rohr, dem Hörrohr für die kindlichen Herztöne, aus dem Kofferraum gewuchtet. Unter ihrem Arm klemmt ein Badeeimer aus weißem Plastik. Am Rückspiegel ihres Autos baumelt ein kleiner Storch aus Plüsch.

Punkt zehn Uhr steigt sie in der Innenstadt von Köln vier Etagen zu Familie Müller hoch (alle Namen geändert). Kinderschuhe stehen vor der Tür, in der Wohnung riecht es nach Kind und Hund und warmem Tee. Jonas kommt zielstrebig auf sie zugelaufen. Er ist zwei Jahre alt, sein Bruder Tim ist gerade sieben Wochen alt geworden. „Baby“, sagt Jonas und deutet auf den Säugling, der friedlich auf dem Arm seiner Mutter Emma schlummert.

Tipps vom Stillen bis zum Baden

Es ist ihr zwölfter Hausbesuch bei Familie Müller seit der Geburt von deren zweitem Kind. „Wie geht es euch? Wie war der Urlaub?“ Sie stellt Tasche und Eimer ab, eine rasche Umarmung. Ein freundliches Nicken hinüber zu Max, dem Kindsvater, der nachts arbeitet und tagsüber zu Hause ist. Heute steht Tims erstes Bad auf dem Programm. Solange die Nabelschnur nicht vollständig abgeheilt war, ist er mit feuchten Tüchern gereinigt worden.

„Klappt es mit dem Stillen? Warst du beim Frauenarzt? Wie sieht der Bauch aus?“ Wir sitzen in der Küche. Esther Braun hat Jonas auf den Schoß genommen und streicht ihm versonnen übers Haar, während er auf einem Mini-Tablet herumdaddelt. Eben hat Max ihr ein Foto von Tim geschenkt, das sie zu Hause an ihre Pinnwand hängen wird. Sie sei froh, dass Esther regelmäßig kommt, sagt Emma Müller. Auch wenn Tim ihr zweites Kind sei und sie somit Erfahrung im Umgang mit Säuglingen habe. „Sie schaut auch nach mir. Ob es mir gut geht, was meine Brust macht. Ich kann sie alles fragen.“

Familien haben bis zur zwölften Lebenswoche des Kindes Anspruch auf Nachsorge durch eine Hebamme: In den ersten zehn Tagen nach der Geburt können sie deren Dienste sogar zweimal täglich nutzen. Anschließend stehen ihnen weitere 16 Hausbesuche zu. Doch Hebammen wie Esther Braun sind rar geworden in Deutschland – und ihre Dienste begehrter denn je. Zwar ist die Zahl der freiberuflichen Geburtshelferinnen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen – nach Angaben des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von etwa 15200 im Jahr 2009 auf rund 18000 im Jahr 2016. Doch den Bedarf decken können sie längst nicht mehr.

Streitpunkt Haftpflichtversicherung

Viele Hebammen arbeiteten nur noch in Teilzeit oder in geringfügigem Umfang, schränkt der Deutsche Hebammenverband (DHV) ein. Und beklagt die Gründe dafür: „Schwierige Arbeitsbedingungen, geringe Vergütung und stark angestiegene berufliche Kosten.“ Zu denen unter anderem die immens hohen Beiträge für eine Haftpflichtversicherung zählen. Die von der GKV veröffentlichten Zahlen spiegelten also beileibe nicht die aktuelle Situation der Hebammen wider.

Inzwischen vereinbaren viele werdende Mütter bereits mehr als ein halbes Jahr vor der Geburt Termine für eine nachgeburtliche Betreuung – was Esther Brauns auf Monate ausgebuchten Terminkalender erklärt. „Der Extremfall war eine Frau, die sich sofort nach dem ersten positiven Schwangerschaftstest bei mir gemeldet hat“, erzählt sie. Doch auch rasches Handeln ist mittlerweile keine Garantie mehr dafür, rechtzeitig eine Hebamme zu finden. Ihre Arbeit werde immer schwieriger, klagt das Hebammennetzwerk Köln, ein Verbund von 160 freiberuflichen Geburtshelferinnen aus Köln und Umgebung. Der Verein vermittelt seit 1995 schwangeren Frauen Kontakte zu Hebammen.

Inzwischen müssten zunehmend mehr Anfragen abgewiesen werden, sagt Christina Hammer-Markos. 2016 fand sich für 826 von 4648 Frauen keine Hebamme, in diesem Jahr wurden bereits 935 von 3151 Anfragen abschlägig beschieden. Hinzu kamen mehr als 400 eilige Anfragen kurz vor dem errechneten Geburtstermin. „187 von ihnen konnten nicht vermittelt werden. Diese Frauen werden keine Hebamme mehr finden“, fürchtet Christina Hammer-Markos.

Der Grund: Arbeitsüberlastung der Hebammen und steigende Geburtenzahlen. 2016 wurden in Köln 14381 Kinder geboren, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Auch bundesweit steigen die Zahlen. In Berlin kamen im vergangenen Jahr rund 42000 Kinder zur Welt, 4500 mehr als mehr als im Vorjahr.

Esther Braun hat den Badeeimer auf den Küchentisch gestellt und prüft die Wassertemperatur, ehe sie den strampelnden Säugling vorsichtig ins Wasser gleiten lässt. Mit festem Griff hält sie Tims Kopf hoch und beobachtet, wie sich seine Fäuste allmählich entspannen. Auch Esther Braun spürt, dass es zunehmend eng wird in ihrem Beruf. Sie arbeitet als fest angestellte Hebamme in einem Kölner Krankenhaus und betreut nebenbei als Freiberufliche bis zu acht Frauen vor und nach der Geburt. Natürlich sei das stressig, sagt sie. Viele vorgeburtliche Termine lägen am Nachmittag oder Abend, weil die schwangeren Frauen berufstätig seien. Das kollidiere schon einmal mit dem eigenen Familienleben. „Solange sich alles vereinbaren lässt, mache ich weiter.“

Seelsorge und medizinische Beratung

Eine Stunde später: Wir sind auf dem Weg zu Verena Klaus im Kölner Süden. Die 29-Jährige erwartet in drei Monaten ihr erstes Kind. Esther Braun wird Verenas Bauchumfang messen, mit ihren Händen die Größe des Kindes und der Gebärmutter ertasten und die kindlichen Herztöne abhören. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt sie, die sich als gläubige Christin bezeichnet. „Für mich gibt es nichts Schöneres, als Frauen in dieser Phase ihres Lebens zu begleiten.“ Schon ihre Großmutter sei Hebamme gewesen. „Ich habe gesehen, was sie den Frauen mitgegeben hat, und genau das möchte ich auch tun: Ihnen Gutes mit auf den Weg geben.“

 Rund 120 Euro brutto wird Esther Braun am Ende des Tages verdient haben, zu wenig für die Zeit und den Aufwand, die sie in vier Hausbesuche investiert hat. Ein Wochenbettbesuch wird mit einem fixen Betrag von 32 Euro entgolten. „Die Krankenkassen veranschlagen dafür 20 bis 30 Minuten“, sagt sie. „Doch viele Frauen wollen das Geburtserlebnis vertiefen und noch einmal davon erzählen.“ Andere seien durch eine schwere Geburt traumatisiert, manche haben ihr Kind vorzeitig verloren. Auch diese Frauen betreut Esther Braun. „Da will man nicht auf die Uhr gucken. Das könnte ich auch gar nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Der Kampf zwischen gesetzlichen Krankenkassen und Hebammenverbänden um eine angemessene Vergütung und bessere Arbeitsbedingungen tobt seit Jahren. Vor allen in den Krankenhäusern fehlen zunehmend Beleghebammen, freiberuflich tätige Geburtsbegleiterinnen, die pro erbrachte Leistung bezahlt werden. Die Honorare deckten bei Weitem nicht den Betreuungsaufwand, bemängelt der Hebammenverband. Oft müsse eine Hebamme mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen. Der Klinikalltag ist weit entfernt von den Vorstellungen des Verbandes, der seit Jahren eine 1:1 Betreuung fordert: eine Hebamme pro gebärende Frau.

Ein weiteres Problem: Immer mehr Geburtsstationen in Deutschland schließen, weil sie nicht kostendeckend arbeiten können. In den noch verbliebenen Stationen erhöht sich der Druck auf die Ärzte und Hebammen. Von mehr als 1100 Kliniken, in denen im Jahr 1991 Geburten möglich waren, existieren 2016 nur noch 716. Auch in NRW geht die Zahl der Geburtskliniken kontinuierlich zurück: von 190 im Jahr 2011 auf 172 im Jahr 2014. Und das Kliniksterben geht weiter. Im Sommer 2017 schloss das St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes seine Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, in der im vergangenen Jahr noch 1000 Babys geboren wurden. Anfang des Jahres hatte bereits die Asklepios-Klinik im nahen Sankt Augustin seine Geburtshilfeabteilung dichtgemacht.

„Wir sind in Deutschland weit entfernt von einer sicheren Geburtshilfe“, klagt die Kölner Hebamme Nitya Runte, Vorsitzende der Initiative Hebammen für Deutschland e. V. Und fasst die Lage mit zusammen: „Ein einziger Albtraum.“ Die Fallpauschale, die die Krankenkassen für eine natürliche Geburt zahlten, die sich über Stunden hinziehen könne, entspräche der einer Blinddarmoperation von 20 Minuten Dauer. „Wie“, das fragt sich nicht nur Nitya Runte, „sollen sich Geburtsstationen da halten?“

Gebärende Frauen müssten zum Teil sehr weit fahren, ohne letztendlich die Garantie zu haben, aufgenommen zu werden. Oft müssten sie sogar mehrere Kliniken anfahren. „Ich habe kürzlich erlebt, dass in Köln eine Frau mit einer Zwillingsschwangerschaft von der Klinik, in der sie bereits angemeldet war, abgewiesen wurde. Neun weitere Häuser lehnten sie ebenfalls ab, bis sie schließlich mit dem Rettungswagen nach Düren gefahren wurde.“

Doch es tut sich etwas. In der vergangenen Woche hat eine Schiedsstelle, die zwischen dem Krankenkassenverbänden und den Vertreterinnen der Hebammen vermitteln sollte, nach langem Ringen eine Anhebung der Honorare für freiberufliche Hebammen um 17 Prozent beschlossen. Außerdem sollen Beleghebammen künftig nur noch zwei Gebärende gleichzeitig betreuen beziehungsweise deren Betreuung abrechnen dürfen. Brauchten mehr als zwei Frauen zeitgleich ihre Unterstützung, „ist das Hinzuziehen einer oder sogar zweier Beleghebammen notwendig“. Woher die kommen sollen, hat die Schiedsstelle allerdings nicht verraten.

Beim Hebammenverband glaubt man denn auch, dass die Entscheidung eine eher abschreckende Wirkung hat, und fürchtet „gravierende Auswirkungen auf die geburtshilfliche Versorgung von Frauen in Deutschland“. Der Schiedsspruch bedeute „massive Einschnitte in der Berufsausübung von Hebammen“, so DHV-Präsidentin Martina Klenk. Man habe versäumt, die Rahmenbedingungen anzupassen. Es fehle beispielsweise das notwendige Personal. „Eine gute Qualität in der Geburtshilfe erreichen wir mit ausreichend Hebammen, nicht mit weniger Leistung durch Hebammen.“ Die neuen Bestimmungen bedeuteten keine Qualitätssteigerung und seien gewiss kein Anreiz für Frauen, in die Geburtshilfe zu gehen oder zurückzukehren.

Tim dürften die Probleme der Geburtshilfe egal sein. Er genießt das Bad mit seiner Hebamme.

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