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Findet, es gibt „auch gute Männer“ in ihrer Partei: CSU-Politikerin Dorothee Bär.

Dorothee Bär

„Wir sind noch weit weg von Gleichberechtigung“

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Digital-Staatsministerin Dorothee Bär über familienfeindliche Strukturen in der Politik, blöde Sprüche und warum sie nicht gendert.

Frau Bär, ist der Internationale Frauentag für Sie ein Tag zum Feiern?
Ich hätte den 8. März nicht unbedingt wie Berlin zum staatlichen Feiertag erklärt. Natürlich hat der Tag eine Bedeutung. Mir kommt es aber darauf an, jeden Tag im Jahr für Frauenrechte einzutreten.

Was ist der größte Erfolg der Frauenbewegung?
Dazu gehören viele Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen. Zum Beispiel das Frauenwahlrecht, das vor 100 Jahren erkämpft und durchgesetzt worden ist. Aber auch darüber hinaus hat sich viel verändert, auch in der Politik. Früher war es Frauen im Bundestag nicht erlaubt, Hosen zu tragen. Inzwischen gehören Hosenanzüge wie selbstverständlich zum Dresscode.

Wo besteht der größte Nachholbedarf?
Wir sind noch weit weg von Gleichberechtigung. Familie und Beruf lassen sich heute durchaus in Einklang bringen. Die Frage ist nur, ob sich Familie und Karriere vereinbaren lassen.

Und, ist das möglich?
Für Männer ja. Auf der Karriereleiter ganz oben stehen Männer ohne Kinder. Dann kommen Männer mit Kindern, gefolgt von Frauen ohne Kinder. Und erst danach haben wir die Mütter. So ist die Lage. Wir müssen dafür kämpfen, dass sich das ändert. Es darf kein Nachteil sein, Mutter zu sein. Dass wir heute noch diesen Zustand haben, ist beschämend für eine moderne Industrienation wie Deutschland.

Echte Gleichberechtigung wäre, dass sich Männer genauso um die Kinder kümmern wie Frauen und für den Haushalt sorgen?
Das muss jedes Paar selbst entscheiden. Da will ich nicht reinreden. Das Schlimme ist, wenn Frauen in der Arbeitswelt benachteiligt werden, weil sie Mütter sind.

Woran liegt das denn?
Es gibt noch viel altes Denken. Mir ist selbst geraten worden, als ich im Bundestag angefangen habe, ich soll für mein Büro ja keine Frauen einstellen, die noch im gebärfähigen Alter sind. Ich habe natürlich genau das Gegenteil gemacht. Viele kommen aus der Babypause sehr motiviert und vor allem organisatorisch sehr gut aufgestellt zurück.

Und wie steht es mit der Verantwortung der Männer?
Wir haben zwar viel getan. Es gibt die Vätermonate. Es gibt das Elterngeld. Leider schöpfen die Männer ihre Möglichkeiten da nicht voll aus. Meist nehmen sie zwei, drei Monate und nicht mehr.

Sie sind dreifache Mutter. Warum haben Sie in der Politik geschafft, was anderen nicht gelingt?
Schwer zu sagen. Fest steht, dass man immer noch blöde Sprüche zu hören bekommt. Vor allem, wenn es um Posten geht. Dann heißt es plötzlich: Denk’ doch mal an deine Kinder!

Was halten Sie eigentlich von der aktuellen Debatte über ein Paritätsgesetz mit dem Ziel, im Bundestag genauso viele Männer wie Frauen als Abgeordnete zu haben?
Ich finde, dass zunächst einmal die Parteien ihre Hausaufgaben machen müssen. Da geht es um die Quotierung von Wahllisten und die Auswahl von Kandidaten und Kandidatinnen für Direktmandate. Ich sage nicht, dass man gesetzlich nichts tun müsste. Aber die Vorschläge, die bisher auf dem Tisch liegen, überzeugen mich nicht.

Warum nicht?
Weil sie auf eine Reform der Wahlkreise hinauslaufen. Man kann die Wahlkreise nicht noch größer machen. In meinem bin ich manchmal von Termin zu Termin zwei Stunden mit dem Auto unterwegs. Würde man die Wahlkreise teilen, hätte man einen noch aufgeblähteren Bundestag. Ich finde, wir sollten bei den Parteien ansetzen. Bei der CSU in meiner Heimat Unterfranken funktioniert es. Wir stellen 60 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten unserer Partei.

Sind die Parteien denn attraktiv genug für Frauen?
Wir schaffen es häufig nicht, Frauen dafür zu begeistern, sich ehrenamtlich politisch zu engagieren. In meinem Freundeskreis übernehmen die meisten Frauen Verantwortung im Elternbeirat der Schule oder im Sportverein. Aber auf die Idee, mal bei einer Gemeinderatswahl zu kandidieren, kommen nur die wenigsten.

Worauf führen Sie das zurück?
Die Politik muss ihre Abläufe mal anders gestalten. Mich ärgert es, wenn für den Sonntag Gremiensitzungen angesetzt werden. Das ist nicht familienfreundlich. Oder in den Kreisverbänden kann man Sitzungen öfter mal verbinden mit einem Brunch, bei dem es auch Kinderbetreuung gibt. Ich finde, in diese Richtung passiert noch zu wenig. Mit unserem Ansatz in der CSU Schnuppermitgliedschaften zu ermöglichen und einen digitalen Verband etabliert zu haben, ist es möglich, Frauen besser zu erreichen.

Wie lange wird es dauern, bis Ihre Partei mal von einer Frau geführt wird?
Das hängt davon, ob sich eine Frau zur Wahl stellt. Im Übrigen: Wir haben jetzt und hatten in der Vergangenheit auch sehr gute Männer.

Was halten Sie von Gender-Sternchen und dem Versuch, Sprache geschlechtergerecht zu machen?
Ich finde das alles total gaga, sowohl das Binnen-I als auch das Gender-Sternchen. Das man Sprache so verhunzt und vergewaltigt – da halte ich gar nichts davon. Im täglichen Sprachgebrauch nutze ich die weibliche Form und spreche von „Bürgerinnen und Bürgern“ oder „Kolleginnen und Kollegen“. Wir sollten uns auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Kampf um praktische Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Alltag.

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