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Folgen des gescheiterten Putschs: Viele Läden in Istanbul stehen mittlerweile leer, viele Menschen meiden die Öffentlichkeit

Alltag in Istanbul

„Wir sind am Leben, aber nicht frei“

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Ein halbes Jahr nach dem Militärputsch ist der Alltag in Istanbul geprägt von Terror, der Wirtschaftskrise und großer Verunsicherung.

Can Cumuren ist der bekannteste Muhtar Istanbuls, seit er sich in der Nacht des Putschversuchs im Juli 2016 den Putschisten am Bosporusufer entgegenstellte. Die Soldaten schossen in die Menge, töteten 17 Menschen und verletzten mehr als hundert teils schwer, ihn selbst am linken Oberschenkel. „Sie haben uns wirklich dafür bezahlen lassen, dass wir auf die Straße gingen“, sagt Cumuren, der als gewählter Muhtar oder Ortsvorsteher für die Nöte und Sorgen von rund 20 000 Menschen im Istanbuler Stadtviertel Cengelköy zuständig ist. Er kann noch immer nicht wieder richtig laufen, aber er ist ein nationaler Held.

Es liegt auf der Hand, dass nichts Cumurens Leben im vergangenen Jahr so geprägt hat wie der gescheiterte Militärputsch gegen den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und die Regierung der islamisch-konservativen AKP. „Zum ersten Mal ist unser Volk wirklich selbstbewusst geworden, weil es verstand, welche Macht es hat“, sagt der 54-jährige stämmige Mann, der seinen grauen Vollbart gestutzt nach Art der gemäßigten Islamisten trägt. Er ist Mitglied der AKP und stolz darauf, Erdogan persönlich zu kennen.

2016 erlebte die Türkei eines der gewalttätigsten und turbulentesten Jahre ihrer jüngeren Geschichte. Terroranschläge mit hunderten Toten, Krieg im kurdischen Südosten und in Syrien, Niedergang des Tourismus, rasende Inflation, Absturz der türkischen Lira. Zehntausende angebliche Putschisten wurden verhaftet, mehr als 110 000 Beamte suspendiert oder entlassen. Zahllose Journalisten, Akademiker und Politiker sind im Gefängnis.

Es sei schwer, mit der Entwicklung Schritt zu halten, geschweige denn sie zu verstehen, sagen viele Istanbuler. Nicht so Muhtar Cumuren. Er teilt das Leben ein in die Zeit vor und nach dem Putschversuch, und er hat dabei eine tiefe Gewissheit gewonnen: „Die Putschisten mussten begreifen, dass sie nichts gegen das Volk ausrichten können.“ Und weil das Volk zu sich selbst gefunden habe, habe es auch keine Angst vor dem Terror, sagt er.

Sein überhitztes Büro in einer Baracke nicht weit vom Bosporusufer ist gedrängt voll mit Bittstellern. Natürlich gebe es Leute, die ihre Miete oder den Strom nicht zahlen könnten, doch das sei schon immer so gewesen, sagt Cumuren. „Ich helfe, wo ich kann. Das wissen die Leute, und deshalb wählen sie mich.“ Der Muhtar spricht laut und gestikuliert wild mit den Armen. Geduld hat er wenig, aber Einfühlungsvermögen und die richtigen Verbindungen.

Eine junge Frau mit Kopftuch klagt, sie finde keinen Job und brauche Geld zum Leben. „Im Moment ist nichts zu machen, kommen Sie in zwei Wochen wieder“, sagt Cumuren. Einem älteren stoppelbärtigen Mann macht er klar: „Wenn du dich nicht polizeilich anmelden willst, kann ich nichts für dich tun!“. In gewissem Sinne verkörpert der Muhtar das verzweigte Klientelsystem der AKP, das der Partei viele Wähler aus niederen Schichten garantiert.

Doch auch der Mittelstand kommt vom Weg ab, denn der ökonomische Motor der Türkei stottert. „Mit der Wirtschaft geht es bergab“, stellt Bahattim Yetim fest, ebenfalls AKP-Mitglied und ein wohlhabender Mann auf der kleinen Insel Burgasada, die vor Istanbul im Marmarameer liegt. Dem 54-jährigen Kurden, der vor drei Jahrzehnten aus Ostanatolien nach Istanbul kam, gehören mehr als ein Dutzend Häuser in Istanbul. Auf Burgasada führt er eine Baufachhandlung. Gegen die Kälte in seinem ungeheizten Geschäft lässt der Selfmademan heißen Tee bringen.

Er weist auf den leeren Laden. „Niemand kauft mehr ein“, klagt er. „Selbst Bekannte von mir sind arbeitslos geworden. Das ist eine verheerende Entwicklung, die dazu führt, dass die Leute Probleme haben, ihre Miete zu zahlen.“ Noch kommt er über die Runden, aber er braucht alles Geld, um seine Kredite zu begleichen.

Yetim hat die vergangenen Monate als eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. „Die Terroranschläge machen uns traurig, aber zum Glück ist niemandem aus der Familie etwas passiert. Und die Inseln sind sicher.“ Er fährt nur aufs Festland, wenn es absolut sein muss. Über Politik werde in seiner Familie nicht gesprochen, sagt der Unternehmer. Er räumt ein, dass viele seiner Freunde unzufrieden seien und „auf die Umstände“ schimpften, aber beim anstehenden Referendum über das exekutive Präsidialsystem Erdogans würden sie sicher mit Ja stimmen. „Ganz einfach, weil es keine Alternative gibt. Selbst die Nationalisten, die immer gegen den Boss waren, haben ja im Parlament für ihn votiert.“

In der Türkei wird von allen derzeit erwartet, dass sie sich auf eine Seite schlagen, und am wärmsten ist es allemal an der Seite der Mächtigen. So funktioniere der Nahe Osten eben, sagen die Leute. All jene die sich nicht der Macht nah fühlen, die sich als Europäer empfinden, säkular, liberal, gar links – sie bewegen sich voller Unruhe und Angst. Ihre Welt ist sehr verschieden von jener des Muhtars Cumuren und des Geschäftsmannes Yetim. Die gesellschaftliche Polarisierung ist tief.

„Wir sind am Leben, aber nicht mehr frei“, sagt Aysun*, eine 32-jährige Soziologin, die seit zwei Jahren arbeitslos ist. „Unser Alltag ist völlig zerstört. Alle haben Angst. Wir können unsere Zukunft nicht mehr planen. Und das Gefühl, dass wir vor einem Bürgerkrieg stehen, wird mit jedem Terroranschlag stärker.“ Wie die meisten Gesprächspartner ist sie nur unter der Bedingung absoluter Anonymität bereit, sich zu äußern.

Aysun gehört zu einer Generation, die in relativem Wohlstand und sozialem Frieden aufwuchs. Sie stammt aus einer säkularen alevitischen Familie, ist Single, selbständig, selbstbewusst. Sie steht politisch links und hat sich 2013 an der Gezi-Revolte gegen die Alleinherrschaftsansprüche Erdogans beteiligt. Die türkische Demokratie hat sie früher als unvollkommen, aber verbesserungswürdig erlebt. „Jetzt gibt es kein Gesetz mehr, keine Demokratie, alles ist von heute auf morgen verschwunden.“

Das Schlimmste sei, dass der Spaß und die Leichtigkeit weg seien, sagt sie. Vor allem wegen des Terrors. „Auch früher hatten wir Probleme, aber nichts war damit vergleichbar, wie es jetzt ist. Jetzt schäme ich mich, wenn ich Spaß habe – denn Menschen haben bei Anschlägen ihre Liebsten verloren.“ Einerseits gebe es ständig Katastrophen, ständig Irrsinn. „Du wirst verrückt dabei. Du kannst kein normales Leben mehr führen.“ Andererseits habe sich der Alltag kaum verändert. „Nach einem Anschlag sind die Leute wie gelähmt. Aber drei Tage später ist alles wieder wie zuvor. Leider gewöhnt man sich an den Terror“, sagt sie. „Du verdrängst die Gefahr. Aber niemand fühlt sich mehr sicher.“ Sie versucht, belebte Orte zu meiden, was in der 16-Millionen-Metropole schwierig ist. Jedenfalls geht sie nicht mehr zum zentralen Taksim-Platz, in Klubs oder Einkaufszentren.

Der Terror ist das eine, die Repression das andere. Aysun weiß, dass einige ihrer Universitätsprofessoren nach dem gescheiterten Putsch entlassen wurden, weil sie Erdogan kritisiert hatten. Eine Freundin verlor ihren Job in einem Ministerium aus demselben Grund. Eine andere heiratete einen Deutschen und zog nach Deutschland. „Sie sah keine Arbeitsmöglichkeit mehr, weil sie eine Friedenserklärung für die kurdischen Gebiete unterschrieben hatte.“

Aysun gehört keiner politischen Partei, keiner Bürgerinitiative an, sie lebt unauffällig. Doch wie die meisten ihrer Freunde hat sie ihren Twitter-Account abgeschaltet und kommuniziert auf Facebook nur noch extrem vorsichtig. Noch geht sie zu Veranstaltungen von Menschenrechtsgruppen, doch Bekannte hielten sich selbst davon fern. „Als Beamter kannst du jetzt deinen Job jederzeit verlieren. Alles kann dir zum Nachteil ausgelegt werden.“ So wurden Leute entlassen, nur weil sie Twitter-Meldungen weitergeleitet hatten.

Noch gibt es linke Zeitungen wie „Cumhuriyet“ oder „Birgün“, die Aysun ebenso liest wie unabhängige Nachrichtenseiten im Internet, denn sie traut keinem Fernsehsender mehr, seit alle auf Regierungslinie gebracht wurden. Da sie Englisch versteht, kann sie immerhin ausländische Medien verfolgen, anders als die meisten Türken. Auch früher sei es nicht leicht gewesen in der Türkei, aber damals habe es Hoffnung gegeben, meint die junge Frau. Auf die EU, auf ein besseres Leben, auf mehr Freiheit. „Das ist vorbei. Seit Erdogan die Gezi-Bewegung zerstörte, sehe ich keine Hoffnung mehr. Nur Dunkelheit.“ Trotzdem will sie die Türkei nicht verlassen. „Hier ist mein Herz und meine Familie. Wenn ich im Ausland wäre, und in Istanbul eine Bombe explodiert, würde ich verrückt werden vor Sorge“, sagt sie. „Wenn ich nur darüber spreche, werde ich traurig.“

Unsicherheit und Gewalt machten die Menschen depressiv und aggressiv, sagt Cem Tüzün, Architekt und Mitglied der Taksim-Solidaritätsplattform, die 2013 die Gezi-Proteste mitorganisierte. Tüzün macht seit Jahrzehnten Stadtteilarbeit im Citybezirk Beyoglu. Er berichtet, dass überall Läden leer stünden und Menschen ihre Wohnungen räumen müssten. „Viele Leute ziehen aufs Dorf zu ihren Verwandten, weil die Stadt zu teuer für sie wird.“ Doch obwohl die Leute die Krise spürten, verknüpften sie sie nicht mit der Regierung, sagt der Aktivist. „Sie glauben der Propaganda, die ihnen einredet, dass es eine große internationale Verschwörung gegen die Türkei gibt. Würden sie nachdenken oder mit Andersdenkenden reden, würden sie vielleicht ihre Ansichten ändern – aber das tun die wenigsten.“

Einer der wenigen Orte, an denen Anhänger und Gegner Erdogans noch gewohnheitsmäßig aufeinandertreffen, sind die Universitäten. „Eigentlich sprechen wir nur selten über die aktuelle Politik der Türkei, denn die Professoren fürchten sich davor“, sagt die 21-jährige zierliche Ece*, die Politikwissenschaft an der Istanbul-Universität in der Altstadt studiert. „Sie lassen oft nicht mal Fragen zu. Sowohl von der Uni wie von den Familien gibt es großen Druck, apolitisch zu sein.“

Ece und drei männliche Kommilitonen haben sich bereit erklärt, mit dieser Zeitung über ihre Hoffnungen und Probleme zu sprechen. Sie gehören einer linken Studentengruppe an, die sich gegen zunehmende Aktivitäten von IS-nahen Salafisten an ihrer Hochschule wehrt. „Die Islamisten greifen linke Studenten an, und die Polizei schützt sie dabei“, sagt der 23-jährige Soziologiestudent Ismail*. Er gehe jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl zur Uni. „Wir müssen mit einem Anschlag auf die Uni rechnen.“

Die Studenten klagen über die starke politische Einflussnahme auf die Universität, die Entlassung linker Professoren nach dem Putschversuch, die politische Abstinenz vieler Kommilitonen. „Während der Gezi-Proteste kamen religiöse Studenten voller Interesse und fragten uns, warum wir demonstrieren“, berichtet Ismail. „Aber nachdem die Regierung alle Demonstranten zu Terroristen erklärte, hörte das auf.“ Jetzt gehe es nur noch darum, nicht aufzufallen und die Prüfungen zu schaffen.

Falls das Referendum durchkomme, werde es richtig gefährlich für alle Linken, Säkularen und Kurden, glaubt der 23-jährige Archäologiestudent Mohammed*. Die anderen nicken. „Dann kommt der Bürgerkrieg“, meint Ece, deren konservative Eltern die AKP wählen. Ihr Vater sei ein eingefleischter Erdogan-Fan, erzählt sie. „Er redet nicht mehr mit mir. Aber meine Mutter macht sich riesige Sorgen, seit ich einmal bei einer Demo festgenommen wurde. Ich glaube, sie wird gegen Erdogan stimmen.“

Alle vier haben Freunde, die bereits in Amerika oder Europa sind. Für Ece und ihre Kommilitonen kommt dies nicht in Frage. Es fühle sich „unethisch“ an, wegzugehen und nicht für eine bessere Zukunft zu kämpfen, sagen sie.

Auf der Insel Burgasada steht der 21-jährige Ali* in der Bäckerei seiner Familie und verkauft frisches Brot. „Es ist so viel passiert. Ich verstehe kaum mehr, was vor sich geht“, sagt der freundliche, etwas füllige junge Mann – obwohl er sich für gut informiert hält, und viel mit Freunden diskutiert. „Aber normale Gespräche gibt es nicht mehr. Alles dreht sich sofort um Politik und wird schnell heftig.“ Auch in der Bäckerei läuft das Geschäft seit zwei Jahren immer schlechter. „Wir hoffen jetzt auf den Sommer.“

Ali sieht die Schuld an der Krise nicht bei fremden Mächten. „Das alles hat klar mit den Problemen unseres Landes zu tun“, sagt er. „Wenn ich Fernsehen gucke, habe ich ein seltsames Gefühl, denn die Wirklichkeit ist anders. Ich weiß nicht mehr, was stimmt und was nicht.“ Man kann sagen, dass Ali ein typischer Vertreter der beunruhigten Mittelklasse in der Türkei ist. Er glaubt, dass sich die Zukunft des Landes in diesem Jahr entscheiden werde. Maßgebend sei das anstehende Referendum. Obwohl er den Staatspräsidenten bewundert, fragt er sich, ob es richtig sei, dass Erdogan noch mehr Macht anhäufe. „Wir müssen unseren Präsidenten unterstützen, um die Probleme zu lösen“, sagt Ali. „Aber seit dem Putschversuch kann ihn niemand mehr kritisieren. Jeder hat nur noch Angst vor ihm.“

*Name geändert

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