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Friedlich und farbenfroh protestieren diese Menschen in Concepcion.

Deutsche in Chile

„Wir sind jeden Tag dabei“

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Auswanderer Florian Fiene über die Demonstrationen im Land und die Auswirkungen auf seinen Alltag.

H err Fiene, Sie leben seit 14 Jahren in Chile und arbeiten dort am Goethe-Zentrum. Wie erleben Sie die Proteste?
Ich wohne in Concepción, einer Stadt südlich von Santiago. Wir erleben hier jeden Tag zwei, drei Demonstrationen, zum Teil mit 80.000 Menschen und mehr – und das bei 370 000 Einwohnern. Vor allem nachmittags, wenn die letzte große Demonstration des Tages endet, gibt es hier oft Ausschreitungen. Wobei ich sagen muss, dass die Mehrzahl der Demonstranten friedlich ist.

Nehmen Sie denn mit Ihrer Familie an Demonstrationen teil?
Ja, wir sind jeden Tag dabei. Das Land braucht eine Verfassungsänderung. Davon, dass hier alles sehr teuer ist, dass hier viel Korruption herrscht und die Löhne sehr niedrig sind, sind wir ja auch betroffen.

Florian Fiene lebt seit 2005 in Chile und arbeitet dort am Goethe-Zentrum.

Glauben Sie, dass die Proteste zum Erfolg führen können?
Das kann ich nicht sagen. Ich habe das Gefühl, dass die Politik gar nicht weiß, wie sie angemessen reagieren soll. Denn die Forderungen sind sehr unterschiedlich. Die einen wollen eine Rentenerhöhung, die anderen niedrigere Mietpreise und die nächsten Bildungsreformen. Ein weiteres Problem ist, dass die Demonstranten überhaupt keine Sprecher haben, die einen Dialog mit der Politik führen könnten.

Das heißt, niemand aus den Reihen der Demonstranten führt Verhandlungen mit der Regierung?
Nein, die Menschen hier haben überhaupt kein Vertrauen in die Politik. Deswegen spielt sich auch keiner auf und sagt, ich nehme das jetzt mal in die Hand.

Wie verändern die Proteste Ihren Alltag?
Manche Lebensmittel werden teurer. Häufig hängt Tränengas in der Luft. Und meine Kinder hatten in den vergangenen zweieinhalb Wochen – also seit Beginn der Proteste – keine Schule. Seit Mittwoch läuft der Unterricht aber wieder.

Warum war die Schule geschlossen?
Aus Sicherheitsgründen. Man konnte etwa die An- und Abfahrt zum Schulgebäude nicht garantieren. Und die Lehrer mussten erst einmal klären, wie sie mit dem Thema umgehen und wie die Schüler die Geschehnisse verarbeiten können. Die Kinder sehen ja viel Gewalt im Moment.

Wie verhält es sich mit Ihrer Arbeit?
Die Uni befindet sich im Streik, daher kann meine Frau momentan keine Kurse geben. Aber ich gebe jetzt wieder normal Deutschkurse beim Goethe-Zentrum. Als wir in der ersten Woche täglich ab 18 Uhr eine Ausgangssperre hatten, konnten wir nicht arbeiten. Da durften wir das Haus nicht verlassen. Aber das ist glücklicherweise wieder vorbei.

Interview: Kristian Teetz

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