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Heftige Kämpfe zwischen Studierenden und Polizei am 15. April 1968 an der Nordseite des Frankfurter Hauptbahnhofs.

Uni Frankfurt

"Wir sind die 68er-Universität"

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"Es war kein Zufall, dass es in Frankfurt zur Revolte kam": Die Unruhen von 1968 erschütterten die Nachkriegsgesellschaft. Vize-Präsident Manfred Schubert-Zsilavecz und Sprecher Olaf Kaltenborn über die Bedeutung des 50-Jahre-Jubiläums.

Vor 50 Jahren, es ist jetzt nur noch ein paar Wochen hin, haben Studierende die Frankfurter Goethe-Universität besetzt, haben sie in Karl-Marx-Universität umbenannt. Wären Sie gerne dabei gewesen?
Schubert-Zsilavecz: Ehrlich gesagt: ja. Das wäre eine tolle Sache gewesen. Ganz anders, als im Nachhinein darüber zu lesen. Ob ich persönlich alle Forderungen geteilt hätte, das weiß ich nicht. Aber dabei gewesen wäre ich gerne. 

Damals gab es ein kompliziertes Verhältnis zwischen Studierenden und dem Lehrkörper. Lehrende wie Adorno, Habermas oder Negt hegten durchaus Sympathien mit einigen Anliegen der Studierenden. 
Schubert-Zsilavecz: Es gab viele im Lehrkörper, die Forderungen der Studenten durchaus gut fanden. Aber es wurde in Frankfurt auch sehr kontrovers diskutiert. 

Warum kam es damals vor 50 Jahren zur Revolte? 
Schubert-Zsilavecz: Die Zeit war reif. Die gesellschaftliche Situation hatte eine gewisse Sprengkraft erreicht. Und es war auch kein Zufall, dass es in Frankfurt zur Revolte kam. Frankfurt war die Stadt der Kritischen Theorie, an der Universität lehrten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Und Frankfurt war die Stadt der Auschwitz-Prozesse. Hier wurde zum ersten Mal das grauenhafte Geschehen im schlimmsten Konzentrationslager juristisch aufgearbeitet.

Ein Grund, an dem sich die Revolte entzündete, war der Umgang der damaligen Eltern-Generation mit dem Holocaust. Der Prozess ab 1963, initiiert von Fritz Bauer, war ein Signal. Vor diesem Hintergrund hat die Universität schon im vergangenen Jahr begonnen, zu überlegen, wie wir mit dem 50-Jahre-Jubiläum umgehen wollen. Wir haben mehrere Runde Tische einberufen und haben die Fachbereiche, die Studierenden, die Stadt und das Land gefragt: Was wollt Ihr zu 1968 machen? Ich fand wichtig, dass auch die Studierenden einbezogen waren. 

Es gibt die Gefahr, dass das alles museal wird …
Schubert-Zsilavecz: … und unreflektiert. Museal und unreflektiert. 

Wie verhindern Sie das? 
Schubert-Zsilavecz: Es gibt zwei Veranstaltungen, bei denen wir uns auch kritisch mit 1968 auseinandersetzen. Das ist zum einen die Bürgeruniversität, in deren Mittelpunkt die Ereignisse von 1968 rücken. Und dann freue ich mich, dass wir gemeinsam mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Oktober ein Symposium machen zum Thema. 

Wie wird sich die Bürgeruniversität mit 1968 auseinandersetzen? 
Kaltenborn: Die Bürgeruniversität beschäftigt sich an vier Abenden, zweien im Sommer-Semester, zweien im Wintersemester, in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ und dem Feuilleton der „FAZ“ mit Fragen etwa der Demokratisierung. Wir richten aber den Blick nicht zurück, sondern nach vorne. Wir wollen untersuchen, welches Potenzial in 1968 für die Zukunft steckt. Wir wollen aber auch betrachten, wo uns 1968 ein diskussionswürdiges Erbe hinterlassen hat. 

Schubert-Zsilavecz: Wir erwarten, dass sich da viele Menschen einbringen werden. 
Kaltenborn: Außerdem wird der Soziologe Professor Tilman Allert in einer weiteren Reihe „Wie wir wurden, wer wir sind“ Biografien der 68er aufgreifen. 

Sie haben schon erwähnt, dass es ja auch um die Kritik an den 68ern geht. Was wäre ein Kritikpunkt. Geht es um die Frage der Gewalt?
Schubert-Zsilavecz: Ich möchte den Präsidenten der Frankfurter Gesellschaft, Professor Rüdiger von Rosen, zitieren. Der sagt: Ich war dabei. Und ich kann sagen, das war nicht nur demokratisch, sondern ich bin niedergebrüllt worden. Es ging also nicht immer demokratisch zu. Das muss auch thematisiert werden. Es sollten auch die zu Wort kommen, die 1968 kritisch sehen. Aber wir sollten festhalten: Das, was in Folge von 1968 erreicht worden ist, ist heute noch relevant. Selbst in den laufenden Koalitionsverhandlungen in Berlin. Denken Sie zum Beispiel an die Diskussion um eine Bürgerversicherung. Wir fragen deshalb auch: Wie gestalten wir unsere Gesellschaft heute? 

In den Koalitionsverhandlungen ist ja auch Thema, dass Errungenschaften der 68er durch den Rechtspopulismus heute wieder zurückgedreht werden sollen. Die AfD macht dezidiert Front gegen die 68er. 
Schubert-Zsilavecz: Ein schwieriges Thema. Wie gehe ich mit dieser Partei um? Da habe ich keine schnelle Antwort. Aber schnelle Antworten reichen auch nicht, um auf die AfD zu reagieren. Es reicht nicht, nur zu sagen: Das darf es nicht geben, wir protestieren dagegen. Damit alleine wird man der AfD nicht begegnen können. 

Welche Errungenschaften der 68er sind Ihnen heute wichtig? 
Schubert-Zsilavecz: Ich will mal ein einfaches Beispiel geben. Wenn Sie vor 1968 mit Ihrer Freundin zusammenwohnen wollten, war das unheimlich schwierig. Das wäre unter den Paragrafen für Kuppelei gefallen. Sie hätten heiraten müssen, um ein gemeinsames Zimmer zu bekommen. Heute unvorstellbar. Ein ganz wichtiger Punkt war auch die sexuelle Revolution. Das war eine große Befreiung.
Kaltenborn: Deshalb wird sich die Bürgeruniversität an einem Abend auch mit der sexuellen Revolution beschäftigen. 

In Frankfurt wurzelt auch die Frauenbewegung, hier gab es den Weiberrat, die erste Gruppe, die nur Frauen als Mitglieder duldete. 
Schubert-Zsilavecz: Das hat ganz entscheidend dazu beigetragen, die Position der Frauen in der Gesellschaft zu stärken. Sie müssen sich vorstellen, dass vor 1968 eine Frau ohne Genehmigung ihres Ehemannes keinen Arbeitsvertrag unterschreiben durfte. Das alles hat das Jahr 1968 in Frankfurt verändert. Wir sind die 68er-Universität. 
 
Das könnte man in Berlin vielleicht anders sehen. 
Schubert-Zsilavecz: Alleinvertretungsansprüche wären auch falsch, Berlin und Hamburg waren auch wichtig. Wenn ich an meine heimatliche alma mater in Graz denke: Da hat das politische Establishment es damals sehr klug verstanden, führende Köpfe der Studentenbewegung einzubeziehen und mit Posten zu versehen. So flossen Ideen der Studenten sofort in die Praxis ein. 

Das war in Frankfurt anders. 
Schubert-Zsilavecz: Das stimmt, das war in Frankfurt anders. Hier hat es mindestens eine Generation gedauert, bis die 68er den Marsch durch die Institutionen geschafft hatten. Die ehemalige Frankfurter Bürgermeisterin Jutta Ebeling ist da ein gutes Beispiel, die dann mit der CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth über Jahre gut zusammengearbeitet hat. 
 
Sind die Errungenschaften von 1968 heute so selbstverständlich, dass sie fast vergessen sind? 
Ja, so ist es. Und deshalb ist es so wichtig, daran zu erinnern. Es war wichtig, dass die Studierenden damals ihre Stimme erhoben haben. Deswegen musste man nicht einen Pflasterstein in die Hand nehmen. 

Für einige führte der Weg damals weiter zu den Gewalttaten der RAF. 
Es gibt tatsächlich mehrere Wege, die aus dem Jahr 1968 weiterführten. Wir haben als Universität dazu klar Stellung bezogen: Wir lehnen Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ab. Da gibt es eine klare Stellungnahme aus dem Jahre 2010. 

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