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Ralf Rangnick.
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Ralf Rangnick.

Corona

„Wir riskieren die Entwicklung einer kompletten Generation“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Fußballstratege Ralf Rangnick spricht im FR-Interview über den Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie. Und über die Gefahr der Bildschirme.

Wer den Fernseher einschaltet, spürt nicht sofort, wie außergewöhnlich die Situation für den deutschen Sport ist. Fußballspiele werden fast täglich übertragen, die Handball-WM hat stattgefunden, der Wintersport berieselt an Wochenenden sein Publikum in einer Endlosschleife. Aber hinter der schönen TV-Fassade bröckelt es. Die Hälfte der 90 000 deutschen Vereine befürchtet nachhaltige Schäden durch die Corona-Krise. Nehmen Sie diesen Widerspruch auch wahr?

Man könnte daraus einen ableiten, aber beim Profisport handelt es sich um einen Wirtschaftszweig. Allen müsste jedoch klar sein, dass der Lockdown speziell für den Amateursport und noch schlimmer für den Jugendfußball, der nicht im Spitzenbereich stattfindet, kein Dauerzustand sein kann. Es besteht die große Gefahr, dass so viele Kinder dem Sport verloren gehen.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte schon vor der Pandemie den Kindern und Jugendlichen in Deutschland kein gutes Zeugnis ausgestellt. 80 Prozent der Jungen, sogar 88 Prozent der Mädchen kamen nicht auf die empfohlene eine Stunde körperliche Betätigung am Tag.

Bewegungsmangel war schon vor Corona ein großes Problem. Durch Corona und die durch die Bundesregierung beschlossenen Schließungen der Schulen und Kitas fallen jetzt auch noch über fast ein Jahr hinweg die organisierten Formen von Spiel, Sport und körperlicher Betätigung weg. Zusammen mit einer schlechten Ernährung mit zu viel Fastfood und Zucker führt dies zu Übergewicht und – wie man es in den USA bereits sehen kann – zu einer signifikanten Erhöhung der Zivilisations- und Krebserkrankungen. Für unsere Gesellschaft und die Volkswirtschaft ist das ein Teufelskreis.

Die Zeiten für Sport, Spiel und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen nehmen rapide ab, die Bildschirmzeiten rapide zu. Der Medienkonsum steigt teilweise in erschreckendem Maße bei den Heranwachsenden.

Auch das ist ein Riesenproblem. Die neuen Medien und die Smartphones besitzen ein enormes Suchtpotenzial. In meiner Jugend bedeutete ein Tag im Freibad noch zehn Stunden Bewegung und Sport in den verschiedensten Bereichen der Koordination. Dazu kommt, dass schon seit 30 Jahren trotz in ausreichender Zahl vorhandener Spiel- und Bolzplätze diese kaum mehr frequentiert werden.

Durch den Lockdown fallen jetzt auch noch Schul- und Vereinssport weg …

… und die Auswirkungen habe ich jeden Tag direkt vor Augen: Wenn ich aus dem Konferenzraum unseres Stiftungsbüros in den großen Innenhof der Wohnanlage blicke, sehe ich, wie da ein etwa zwölfjähriger Jugendlicher an einer Treppe Kraft und Kondition trainiert und anschließend technische Übungen macht und mit dem Ball jongliert. Dass Jugendliche allein für sich trainieren, wird wohl vorkommen, ist aber eher die Ausnahme von der Regel. Wenn wir die Kitas, Schulen und Vereine noch länger geschlossen halten, riskieren wir die Entwicklung einer kompletten Generation in allen relevanten Bereichen: körperlich, geistig und kognitiv.

Auf der Homepage Ihrer Ralf-Rangnick-Stiftung steht: „Jedes Kind ist wertvoll. Die Vision ist, dass unabhängig vom sozialen Status jedem einzelnen Kind die Chance auf freie Entfaltung gegeben werden soll“.

Zur Person

Ralf Rangnick, 62, hat sich als Trainer, Sportdirektor und Vereinsmanager im deutschen Fußball einen Namen gemacht. Nach seiner Trainertätigkeit beim SSV Ulm, Hannover 96 und Schalke 04 führte er wie ein Projekt- leiter sowohl die TSG Hoffenheim als auch RB Leipzig bis in die Bundesliga. Sein Vertrag als „Head of Sport and Development Soccer“ bei Red Bull wurde im Sommer 2020 aufgelöst.

Seit 2017 betreibt Rangnick in Leipzig eine eigene Stiftung, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt. Die Auswirkungen der Corona-Krise spürt der Familienvater bei seiner Stiftungsarbeit wie auch in seinem Umfeld. FR

Ich habe mich vor dreieinhalb Jahren entschlossen, meine eigene Stiftung ins Leben zu rufen. Ziel ist es dabei, an den 80 Leipziger Grundschulen mit ihren circa 13 000 Schülern die Bildungschancen der sechs- bis zehnjährigen Kinder nachhaltig zu verbessern. Wir haben uns damals für das einzige Schulformat entschieden, bei dem Kinder aus allen sozialen Schichten zusammenkommen. Mit mehr als der Hälfte der Leipziger Grundschulen stehen wir mit unserem wunderbaren Projekt „Unternehmen machen Schule“ in direktem Kontakt; dabei engagieren sich neben lokalen Unternehmen auch Spieler von RB Leipzig als Paten inhaltlich und finanziell. Wegen der Pandemie müssen gerade viele unserer Projekte ruhen, deswegen haben wir uns zuletzt intensiv dem Thema Digitalisierung des Unterrichts an deutschen Schulen verschrieben.

Wo vieles im Argen liegt …

Die Corona-Krise hat Defizite in diesem Bereich schonungslos offengelegt. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass wir beim Thema Digitalisierung und digitaler Unterricht ein Entwicklungsland sind. Im internationalen Vergleich sind wir da nicht zweit-, sondern drittklassig. Wir haben deshalb gerade ein einjähriges Pilotprojekt mit einer Dresdner Grundschule gestartet, um zu zeigen wie hybrider und digitaler Unterricht mit den richtigen Konzepten und Inhalten funktionieren kann. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass selbst heutzutage beim Lehramtstudium das Thema „digitaler Unterricht“ kaum eine Rolle spielt. Und von den Eltern meiner beiden Patenkinder weiß ich, wie Homeschooling weitgehend funktioniert: Hausaufgaben werden in der Regel zwar per E-Mail an Eltern und Kinder geschickt und der Unterricht so an diese delegiert. Aber ohne dass geklärt ist, ob diese dazu auch in der Lage sind.

Müssten Verbände wie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) oder der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stärker auf die Gefahren durch den Bewegungsmangel aufmerksam machen?

Ich bin kein Epidemiologe oder Virologe, aber es gibt Aussagen von angesehenen Experten, dass bislang die Ansteckungsgefahr unter jungen Menschen, insbesondere Kindern, deutlich geringer ist. Daher stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, Kitas und Schulen zu schließen und den Vereinssport stillzulegen.

Was haben Sie für persönliche Erfahrungen mit dem Thema Corona und Impfungen?

Meine Eltern werden in wenigen Monaten 89 und 90 Jahre alt. Beide sind glücklicherweise noch fit, mein Vater fährt sogar noch Auto. Ich habe zehn Tage lang rund fünf Stunden täglich versucht, für die beiden einen Impftermin zu bekommen. Online und telefonisch. Ich hatte keine Chance. Bis mir ein guter Bekannter riet, es kurz nach Mitternacht online zu probieren. Dann würden einige Impftermine neu eingerichtet. Ich habe dann tatsächlich einen bekommen: in drei Wochen und mehr als eine Stunde vom Wohnort meiner Eltern entfernt. Gottseidank haben wir den Impftermin. Nur: Wie sollen Menschen in diesem Alter einen solchen Termin eigenständig organisieren?

Noch eine Frage zum Fußball: Wären Sie grundsätzlich zugeneigt, wieder eine größere Aufgabe anzunehmen? Und wie stellen Sie sich Ihr Engagement dann vor?

Erfolg im Fußball ist planbar und dabei immer eine Sache von Teamwork, es geht nur mit hochkompetenten und starken Leuten an deiner Seite. Dabei ist es hilfreich und wichtig, wenn man am Ende schnelle Entscheidungen treffen kann. Genau damit tun sich in Deutschland einige der großen Traditionsclubs auf Grund ihrer Strukturen immer noch schwer. Ich bin dabei völlig offen für eine neue Aufgabe, bei der ich das Gefühl habe, in einem tollen Team etwas entwickeln zu können. Ob in der Rolle als Sportdirektor, Sportvorstand, Manager oder Cheftrainer hängt letztendlich vom Bedarf und den Vorstellungen des jeweiligen Clubs bzw. Partners ab.

Interview: Frank Hellmann

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