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Viele Tierarten drohen auszusterben.

Interview

„Wir müssen unsere Urwälder in Ruhe lassen“

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Greenpeace-Mitglied über rücksichtslose Forstwirtschaft.

Herr Jaroschenko, viele Ihrer Landsleute machen die Chinesen für die Massenabholzungen in Russland verantwortlich.
China importiert wirklich fast 25 Prozent unserer Holzproduktion. Aber gefällt werden die Bäume von russischen Firmen. Ob Chinesen oder Deutsche, sie arbeiten alle nach den gleichen Regeln, für sie ist Wald nur eine Nutzholz-Lagerstätte.

Alexej Jaroschenko ist Chef der Abteilung Wald bei Greenpeace Russland.

Das soll anderswo genauso sein.
Ja, in Kanada herrscht die gleiche Mentalität. Privatunternehmen streben überall minimale Ausgaben an. Unser Staat aber verpachtet seine Wälder für zehn bis 49 Jahre an die Betriebe, verpflichtet sie gesetzlich, abgeholzte Flächen aufzuforsten. Aber was der Pächter konkret tun muss, lässt das Gesetz offen. Es wird von Fall zu Fall in den Vertrag hineingeschrieben. Die Prozedur ist korruptionsträchtig, man muss sich mit einzelnen Beamten einigen. Gelingt das, kontrollieren sie die Rekultivierung nur noch auf dem Papier.

Aber nach offiziellen Angaben wächst die Fläche des russischen Waldes.
Sie wächst, weil die russische Landwirtschaft schneller stirbt als der Wald. Auf brachliegenden Agrarflächen sind ganze Wälder nachgewachsen, sie machen inzwischen etwa zehn Prozent des gesamten Waldbestands aus. Außerdem wird durch die Erderwärmung die Baumgrenze nach Norden verschoben. Umgekehrt hat der Klimawandel den Borkenkäfer bis zum Ural gebracht. Qualitativ wird unser Wald immer schlechter.

Nur wegen des Borkenkäfers?
Vor allem, weil man die abgeholzten Bestände nicht wieder aufforstet, sondern immer tiefer in unberührte Wälder eindringt. Auf den Kahlschlägen wachsen junge Birken und Espen nach. Ihr Ökosystem ist viel primitiver als das der wilden Nadelwaldtaiga. Viele Pilz-, Pflanzen- und Tierarten drohen dort auszusterben.

Gibt es eine Lösung?
Wir müssen unsere Urwälder endlich in Ruhe lassen. Und stattdessen wie etwa die Skandinavier die Forstwirtschaft in schon erschlossenen Waldgebieten intensivieren. Das europäische Ausland produziert auf viel weniger Fläche jährlich 550 Millionen Kubikmeter Nutzholz, Russland nur 215 Millionen.

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