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„Wir müssen eine neue Weltanschauung entwickeln“

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Von: Joachim Wille

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Neusiedlersee in Österreich. „Es braucht unbedingt Einzelne, die mutig genug sind, die Dinge anders anzugehen“, sagt Böhme.
Neusiedlersee in Österreich. „Es braucht unbedingt Einzelne, die mutig genug sind, die Dinge anders anzugehen“, sagt Böhme. © Leopold Nekula/Imago

Forscherin Jessica Böhme über den Kern der heutigen Krisen, negative Gefühle angesichts des Klimawandels und die Macht, die jeder und jede Einzelne hat.

Frau Böhme, wir wissen doch eigentlich alle, was wir tun müssen, um CO2 zu sparen. Die meisten von uns schaffen es aber nicht. Warum?

Weil es mehr braucht als „nur“ den guten Willen. Ich habe selbst in unzähligen Selbstexperimenten – zum Beispiel durch das Tragen eines einzigen Kleids für ein Jahr – versucht, meinen CO2-Ausstoß auf ein verträgliches Maß zu reduzieren. Leider am Ende erfolglos.

Eine Person in Deutschland ist im Schnitt für zehn Tonnen Treibhausgase pro Jahr verantwortlich. Auf wie viel sind Sie herunter?

Auf zirka 8,2 Tonnen. Und das, obwohl ich mich vorwiegend regional, ökologisch, saisonal und vegan ernähre und beim Konsum auf nachhaltige Produktionsweisen achte. Der Hauptgrund liegt bei mir in den Reisen. Obwohl ich ausschließlich mit Fahrrad, Bus und Bahn fahre, fallen vor allem Fernreisen zum Beispiel nach Portugal oder England ins Gewicht. Ohne die Fernreisen wäre ich aber immer noch nicht bei den global als verträglichen geltenden zwei Tonnen.

Keine Chance, noch besser zu werden?

Das Problem ist: Um unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren, müssen wir auf unser eigenes Verhalten achten, aber wir brauchen zum Beispiel auch die nötige Infrastruktur. Wenn keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine erneuerbare Heizenergie oder kein Biosupermarkt zur Verfügung stehen, werde ich natürlich das Auto nehmen, Erdgas oder Heizöl nutzen und konventionelle Lebensmittel kaufen. Also: Nötig sind auch politische und infrastrukturelle Maßnahmen, die das „gute Leben“ erleichtern.

Jessica Böhme.
Jessica Böhme. © Privat

Doch selbst das reicht womöglich nicht. Es wird dann sicher immer noch Menschen geben, die sich einen SUV und drei Flugreisen im Jahr leisten wollen und können.

Richtig. Wir müssen eine neue Weltanschauung entwickeln, die uns eine gemeinsame Vorstellung für das gute Leben gibt. Für mich liegt der Kern der multiplen Krisen, die wir erleben, darin, dass wir keine gemeinsame Philosophie haben, der wir folgen können. Wir wissen nicht mehr, wie wir eigentlich leben sollen. Die Philosophien, die wir von vorherigen Generationen vorgelebt bekommen haben, beantworten unsere existenziellen Fragen nicht mehr. Die meisten von uns glauben weder daran, dass Gott die Welt erschaffen hat, noch daran, dass sich das gesamte Universum mit der heutigen Wissenschaft erklären lässt. Und auch die Idee, dass der Sinn unseres Lebens im Reichsein oder im technologischen Fortschritt liegt, ist für die meisten von uns unglaubwürdig. Hier braucht es neue Ansätze.

Zur Person

Jessica Böhme beschäftigt sich mit nachhaltigen Lebensstilen. Sie ist freie Transformationsforscherin, Autorin und Dozentin. Ihre Arbeit ist von der Frage geleitet: „Wie sollen wir leben?“. Zusammen mit Thomas Bruhn hat sie das Buch „Mehr sein, weniger brauchen“ geschrieben, erschienen im Beltz Verlag. jw

Ist der Einzelne dabei machtlos?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Es braucht unbedingt Einzelne, die mutig genug sind, die Dinge anders anzugehen. All diese Veränderungen im Kleinen fügen sich irgendwann zu einem Größeren zusammen und das Ergebnis ist eine Revolution, nach der es unvorstellbar ist, dass die Dinge früher einmal anders waren. Früher durften Frauen beispielsweise nicht wählen. Das ist heute undenkbar.

Die Klimagefahr ist von anderem Kaliber, weil viel komplexer. Viele verdrängen sie, auch wenn sie, wie in diesem Sommer, durch die Hitzewellen und die Trockenheit unübersehbar war. Ist das nicht verständlich, denn wie kann man sonst angesichts der Größe des Problems weiterleben?

Verständlich ist es. Allerdings kann sich nur etwas verändern, wenn wir zunächst wahrnehmen und anerkennen, wie die aktuelle Situation tatsächlich ist. Wir verbringen viel Zeit damit, vor allem unsere unangenehmen Gefühle zu verdrängen, zum Beispiel durch Konsum und Entertainment. Dadurch verschwinden aber unsere negativen Gefühle nicht. Angst kann sich nur auflösen, wenn wir uns vorher eingestehen, dass sie überhaupt vorhanden ist. Es geht also darum, eine innere Haltung einzunehmen, die es uns ermöglicht, die Realität anzuerkennen und gleichzeitig handlungsfähig zu bleiben. Das können wir lernen.

Was sind denn die wichtigsten Verhaltensänderungen?

Es ist nicht sinnvoll, einzelne Verhaltensänderungen herauszustellen, auch wenn bei bestimmten Maßnahmen, wie etwa weniger Fleisch zu essen, die CO2-Einsparungen größer sind als bei anderen. Die Schriftstellerin Audre Lorde hat einmal gesagt: Es gibt keinen Kampf, der nur ein einziges Problem bekämpft, denn Probleme sind nicht voneinander isoliert. Auch wenn es schwer vergleichbar ist, halte ich beispielsweise die Pflege von Angehörigen für genauso bedeutsam wie den Verzicht aufs Fliegen. Meine Antwort lautet also: Jede Verhaltensänderung ist wichtig.

Interview: Joachim Wille

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