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Deirdre Heenan lehrt an der University of Ulster in Derry. Sie berät auch den irischen Präsidenten.

Brexit

"Wir müssen uns darauf vorbereiten"

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Politologin Deirdre Heenan spricht über die Idee einer irischen Wiedervereinigung nach dem Brexit.

Sollte das britische Parlament den Vertrag von Premierministerin Theresa May mit der EU kippen und den No-Deal-Brexit favorisieren, dann sieht es für Nordirland düster aus: Frieden und Prosperität in der Provinz sind direkt abhängig von einer offenen EU-Grenze mit der Republik Irland. Eine Umfrage der Belfaster Firma Lucid Talk für die Tageszeitung „Times“ lässt aber aufmerken: Demzufolge würden selbst im Fall, dass Mays Paket durchgeht und damit die Grenze geöffnet bleibt, 48 Prozent der Nordiren „mit Gewissheit“ oder „wahrscheinlich“ für die Wiedervereinigung mit dem Süden stimmen. Sollte das Vereinigte Königreich ohne Vereinbarung aus der EU ausscheiden, steigt der Anteil sogar auf 55 Prozent.

Professor Heenan, wird Irland bald wiedervereinigt?
Diese Frage wurde vom Karfreitagsabkommen 1998 beantwortet: als Möglichkeit, wenn eine Mehrheit der Nordiren dies wünscht. Das Thema lag für die allermeisten Iren in weiter Zukunft. Der Brexit hat das verändert. Plötzlich steht die Möglichkeit am Horizont, man redet darüber. Das ist neu.
 
Inwiefern ist dies dem Brexit geschuldet?
Die Grenze zwischen Nordirland und der Republik im Süden wird zur EU-Außengrenze. Da die britische Regierung aus Binnenmarkt und Zollunion austreten will, muss es zukünftig wieder Zoll- und Grenzkontrollen geben. Das gefährdet die Offenheit der Grenze, die wir seit Abschluss des Karfreitagsabkommens genießen.
 
Brexit-Befürworter wie der frühere britische Nordirland-Minister Owen Paterson sprechen von „technischen Lösungen“.
Er redet darüber, kann aber nirgendwo auf der Welt irgendeine Grenze zeigen, wo das funktioniert. Seine Nachfolgerin Theresa Villiers …
 
… die von 2012 bis 2016 die zuständige Ministerin war…
…hat gesagt, an der irischen Grenze habe sich seit 100 Jahren nichts verändert. Das ist absurd. Ich bin nahe der Grenze aufgewachsen. Die war stark befestigt, es gab Wachtürme und Patrouillen. Man musste sein Fahrzeug verlassen, den Kofferraum öffnen, die Papiere überprüfen lassen. Heute fahren Sie zwischen Belfast und Dublin hin und her und merken nicht mal, in welchem Land Sie gerade sind. 

Der EU-Austritt geschieht gegen den Willen der Nordiren, die zu 56 Prozent in der EU bleiben wollten. Reicht das für eine Debatte über die Verankerung im Vereinigten Königreich?
Es gibt eine Vielzahl anderer Faktoren. Ich bin als Katholikin in Nordirland aufgewachsen, war also Teil der Minderheit...
 
…die inzwischen fast so groß ist wie die protestantische Mehrheit.
Wie ich fühlen sich hier viele Katholiken in erster Linie als Iren, konnten sich aber auch mit der britischen Identität anfreunden. So wie umgekehrt die meisten Protestanten sich als Unionisten bezeichnen und sich vor allem als Briten und erst in zweiter Linie als Iren fühlen.
 
Mittelschicht-Katholiken, die mit dem Terror der IRA nichts zu tun haben wollten, glaubten an Frieden nach 1998. 
Es ist noch gar nicht lang her, da waren wir als Bürger Großbritanniens der Republik im Süden kulturell, sozial und ökonomisch um Lichtjahre voraus. In Irland gab es keine Trennung von Kirche und Staat, korrupte Politiker, schlechte Straßen, kaum Wirtschaftsentwicklung. All das hat sich grundlegend geändert. Per Volksabstimmungen wurden die Ehe für alle und die Abtreibung unter bestimmten Bedingungen eingeführt. Das Durchschnittseinkommen ist höher als bei uns. Wir sehen ein Land, das mit sich im Reinen ist, kosmopolitisch, global aufgestellt. Dagegen wirken wir wie die vergessene Ecke eines längst vergangenen Empire.
 
Während die Regionalregierungen von Schottland und Wales detaillierte Studien über die Brexitfolgen veröffentlicht haben, kam aus Belfast gar nichts.
Die größte Unionistenpartei DUP trat im Referendumskampf für den Brexit ein. Ich glaube aber, dass ihre Spitzenleute nicht für möglich hielten, dass es wirklich zum EU-Austritt kommen würde. Sie wollten glorreiche Verlierer sein. Seither gibt es zum Brexit von dieser Partei gar nichts – kein Arbeitspapier, keinen Blog-Beitrag, nichts.
 
Immerhin beteuern DUP-Politiker, sie wollten die Grenze offenhalten. 
Naja, das müssen sie sagen, alles andere würde sie ins Unrecht setzen. Aber wenn ich sage: ‚Ich will abnehmen‘, gleichzeitig aber lauter Junkfood in mich hineinstopfe und den ganzen Tag im Bett bleibe, ist die Folge unausweichlich: Ich nehme zu, nicht ab.

Die größte Katholikenpartei Sinn Féin redet schon von einem Referendum über die Wiedervereinigung der beiden Landesteile.
Jetzt schon von einer Abstimmung zu reden halte ich für unverantwortlich. Wir haben durch den Brexit wirklich genug Unwägbarkeiten! Außerdem sollte SF lieber konkret ausarbeiten, wie denn das vereinigte Irland funktionieren würde.

 
Eine Wiedervereinigung hätte ja zwei Partner. Wie sieht die Stimmung in der irischen Republik im Süden aus?
Dort gilt das als romantisches Ideal: Ein historisches Unrecht würde korrigiert. Deshalb sagen zwei Drittel in Umfragen dazu Ja. Aber wenn es dann an die praktischen Folgerungen geht…
 
… zum Beispiel die finanziellen, immerhin steckt London jährlich rund 10 Milliarden Pfund in die Region.
…dann verändert sich die Einstellung schnell. Die Leute fragen sich: Was hätte das für Auswirkungen auf mich, meine Finanzen, meine Kinder? Wollen wir uns wirklich den Konflikt der Nordiren ins Land holen? Da sagen viele: vielleicht lieber nicht.
 
Angeblich gehen Dubliner Regierungsstellen in aller Stille solchen Fragen nach.
Es mag sein, dass darüber nachgedacht wird. Die Öffentlichkeit hört davon nichts. Das fände ich aber wichtig. Wir müssen Fragen klären wie: Welche Währung würden wir haben? Was würde aus dem Bildungssystem? Wie sieht es mit der Gesundheitsversorgung aus? Ich glaube ja selbst, dass es noch ein langer Weg ist bis zur Wiedervereinigung. Aber wir müssen uns darauf vorbereiten.

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