Lehrerin Gloria Boateng (l.) und Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah (M.) beim Bundespräsidenten.
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Lehrerin Gloria Boateng (l.) und Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah (M.) beim Bundespräsidenten.

Rassismus

„Wir müssen Antirassisten sein“

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier diskutiert mit Gerald Asamoah und anderen Gästen über Gewalt gegen Schwarze in Deutschland.

Seine schlimmste Rassismuserfahrung hatte Gerald Asamoah mit 18, und Fußball-Deutschland schaute zu. Da wurde er als Spieler von Hannover 96 im Stadion von Energie Cottbus das ganze Spiel hindurch ausgebuht, beleidigt und mit Bananen beworfen. Für den jungen Fußballer war das ein Schock, und fast schlimmer war, dass er mit niemandem über dieses Erlebnis reden konnte. „Meine Eltern wollte ich nicht damit belasten“, sagt er nach einem Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Berliner Schloss Bellevue. Und von seinen weißen Mitspielern und Bekannten kamen Sätze, wie sie Asamoah bis heute oft hört: „So schlimm ist es doch gar nicht.“

Doch, es sei schlimm, sagt Asamoah. „Es ist noch viel schlimmer, als Sie denken“, sagt die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng (die nicht mit Fußballern verwandt ist). Es sei Alltag, sagt der Berliner Thinktank-Mitarbeiter Daniel Gyamerah: „Unsere Erfahrung ist, dass wir immer wieder anlasslos von der Polizei kontrolliert werden, egal was wir machen.“ Es sei doch nur ein Wort, muss sich die Berliner Schülerin Vanessa Tadala Chabvunga anhören, wenn sie im Bus mit dem N-Wort beleidigt wird und den Busfahrer zur Hilfe holt. „Ich soll hier nicht so herumschreien, hat er gesagt.“ Vanessa musste von ihrer Berliner Schule auf das jüdische Gymnasium wechseln, weil sie ständig rassistisch angefeindet wurde, auch von ihrer Lehrerin.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die vier schwarzen Deutschen zu einer Diskussion über Rassismus ins Schloss Bellevue eingeladen. Zu Beginn der Runde fand das Staatsoberhaupt klare Worte: „Es reicht nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!“

Rassismus finde sich in vielen Lebensbereichen. „Vom abschätzigen Blick und der verletzenden Bemerkung über Benachteiligungen im Bildungssystem, bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung bis hin zur tödlichen Bedrohung“, sagte Steinmeier. Er sprach auch von „Fällen von Gewalt gegen Schwarze in deutschen Gefängnissen, von ungeklärten Todesfällen in der Haft“. Den Namen Oury Jalloh sprach er nicht aus. Jalloh verbrannte 2005 in Dessau in seiner Zelle auf dem Polizeirevier.

Die Debatte um die Streichung des Begriffs „Rasse“ aus dem Grundgesetz nannte Steinmeier „zunächst aber legitim“, zeigte sich aber skeptisch. Die „Auflösung“ dieser Frage falle „erkennbar schwer“.

Steinmeiers Gäste hielten mit ihrer Ungeduld nicht hinter dem Berg. „Es ist 2020 – und wir reden immer noch über Rassismus“, wundert sich Asamoah, dessen Cottbusser Erlebnis 22 Jahre her ist. Jahre, in denen sich kaum etwas getan habe, beklagt er. Nach der Debatte aber fand Asamoah doch noch hoffnungsvolle Worte. Die großen „Black Lives Matter“-Demonstrationen in Deutschland hätten ihn bewegt. „Das habe ich in diesem Land noch nie erlebt. Und es tut gut, dass so viele junge Weiße dabei sind. Vielleicht ist der Aufschrei dieses Mal nicht nach zwei Wochen vergessen. Vielleicht verändern wir diesmal nachhaltig etwas.“

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