Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Eichmann Stangneth Interview

"Wir müssen alle immer wieder neu fragen"

Die Philosophin Bettina Stangneth zeichnet in ihrem Buch „Eichmann vor Jerusalem“ das „unbehelligte Leben“ des NS-Verbrechers Adolf Eichmann nach und fordert einen anderen Umgang mit der Geschichte der Bundesrepublik.

Die Philosophin Bettina Stangneth zeichnet in ihrem Buch „Eichmann vor Jerusalem“ das „unbehelligte Leben“ des NS-Verbrechers Adolf Eichmann nach, bevor er 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. Sie drängt auf die Veröffentlichung von noch immer unter Verschluss stehenden Akten.

Frau Stangneth, Sie fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Akten, etwa des BND zu Adolf Eichmann. Was meinen Sie damit?

Wir brauchen ein kritischeres, aber auch verständnisvolleres Herangehen an die Aktenfreigabe. Es geht nicht allein um Akten. Wir haben es auch mit der Tradition der Aktenpflege zu tun. Der Archivar steht in dieser Tradition. Hebt er einen Sperrvermerk auf, sieht es aus wie Kritik am Vorgänger im Amt. Wir alle loben das als kritische Aufklärung. Aber wenn es 1950, 1960 oder 1970 nachvollziehbare Gründe gab, eine Akte zu sperren, bedeutet das nicht, dass man diese Gründe kritisiert, wenn man die Akte jetzt freigibt.

Die Gründe für eine Geheimhaltung könnten sich erledigt haben?

Wir sprechen von Geschichte, also von Veränderung. Was zu einem Zeitpunkt bedenklich war, kann heute völlig belanglos sein. Nicht alles, was mal gesperrt wurde, ist allein darum schon gefährlich oder eine Sensation.

Ist die Sache nun auf einem guten Weg?

Nein. Ich sehe leider, dass gemauert wird – bis zum kleinlichen Streit um jede einzelne Schwärzung in einer Akte. Sich in Einzelfallentscheidungen zu verheddern, hilft niemandem. Wir brauchen eine Richtungsentscheidung, also eine Entscheidung des Kanzleramts. Ständig neue Forschungsgruppen mit je exklusivem Aktenzugang sind keine Antwort. Bei derart komplexen Fragen brauchen wir die Interdisziplinarität. Es wäre doch interessant, was ein Soziologe zur Struktur von Geheimdienstakten zu sagen hätte oder ein Literaturwissenschaftler. Oder ein Psychologe.

Ist das ein Plädoyer gegen unabhängige Historikerkommissionen, wie sie etwa die Geschichte des Auswärtigen Amtes erforscht haben?

Was spricht dagegen, beides nebeneinander zu ermöglichen? Unabhängige Historikerkommissionen sind nötig. Sie allein haben den notwendigen Etat, um schnelle Resultate zu erreichen. Und sie haben den garantierten Zugang zu heiklen Akten. Das heißt aber nicht, dass wir es ihnen allein überlassen dürfen. Die kritische Öffentlichkeit, Wissenschaftler und Journalisten, müssen auf Akteneinsicht drängen und nicht nur hinterher neidisch kritteln.

Muss man nicht von einem Versäumnis sprechen, wenn Ministerien und Behörden ihre eigene Geschichte über vier Jahrzehnte ignorieren konnten? Die Leitungsebene des BKA bestand 1959 zu 56 Prozent aus ehemaligen SS-Mitgliedern.

Das gilt leider für viele Institutionen. Unser Erschrecken darüber verrät aber auch eine gewisse Blindheit für die tatsächlichen Verhältnisse nach 1945. Die Nationalsozialisten waren nicht in der Minderheit und sie waren nach 1945 nicht plötzlich weg. Sie waren vielmehr überall und mussten in die Gesellschaft integriert werden.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die Leitungsebene der Polizei besetzt ist mit NS-Tätern?

Man hat in den 50er-Jahren so nicht gedacht. Man hat den Täterkreis extrem eingegrenzt. Im Extremfall war der Verantwortliche nur noch Hitler selbst. Die Judenvernichtung galt als Tat einer kleinen Gruppe der allgemeinen SS. Auch die Alliierten hatten kein Interesse an einem reinen Tätervolk. Es macht sich schwer Politik mit ausgegrenzten Völkern. Die Täter deckten sich gegenseitig und die Mehrheit verstand sich als Opfer. Ein politisches Versäumnis ist es dennoch. Wir hatten viele Regierungen seit Gründung der Bundesrepublik. Ich kann mich an keine erinnern, die nachdrücklich eine Aufarbeitung der Institutionen-Geschichte verlangt hätte, mit der Ausnahme Joschka Fischers. Aber nochmal: Der Ruf danach muss aus der Gesellschaft selbst kommen.

Wie sehr wirkt das noch nach?

Es lebt fort in den Institutionen. Aufräumen im eigenen Haus tut immer weh.

Interview: Katja Tichomirowa
Die meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher gibt es als Fotostrecke unter: www.berliner-zeitung.de/ns

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare