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"Wir kriegen lustige Drohbriefe"

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Die "Yes Men" schleichen sich verkleidet auf Kongresse, unterbreiten dort abstruse Ideen - und werden fatalerweise ernst genommen. Jörg Schindler traf einen von ihnen. ( Mit Trailer)

Mr. Bichlbaum oder wie immer Sie heißen - jetzt, da Obama am Ruder ist, können Sie es ja verraten: War George W. Bush einer Ihrer Mitstreiter bei den Yes Men?

Mist, ertappt!

Ich wusste es!

Also gut: Ja, es war alles ein großer Schwindel. Zugegeben, er ist uns ein bisschen außer Kontrolle geraten, zum Beispiel die Sache im Irak, wo ein paar Tausend Leute starben, die war so wirklich nicht geplant. Andererseits: Irgendwie mussten wir ja mal auf den Punkt bringen, dass Krieg ziemlich tödlich ist und riesigen Profit nur macht, wer über Leichen geht.

Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Nun, wir dachten: Zeigen wir mal, wie das so ist, wenn man ein Land platt macht und die Folgen nicht in den Griff bekommt - vielleicht lassen es die Leute dann künftig bleiben.

Meinen Sie, so wird es kommen?

Oh ja. Wir denken schon. Wir hoffen schon. Aber trauen Sie uns besser nicht.

Nur um es schnell noch mal zusammenzufassen: Sie und Ihr Partner geben sich unter dem Kunstnamen "Yes Men" als Vertreter großer Konzerne oder Politiker aus, dann erzählen Sie öffentlich Dinge, die eigentlich zu makaber und irrwitzig sind, um wahr zu sein. Aber in der Regel nimmt niemand Anstoß daran. So weit korrekt?

Ja, das trifft es ziemlich genau. Und glauben Sie mir: Wir geben uns wirklich große Mühe, damit man uns als Schwindler erkennt. Als wir beispielsweise auf einem Food-Kongress die Idee präsentiert haben, aus Exkrementen der Ersten Welt recycelte Burger für die Dritte Welt zu machen, konnten wir ja nicht ahnen, dass das jemand Ernst nimmt.

So geschehen?

Ja, nach dem Vortrag kamen tatsächlich Leute auf uns zu, um uns ihre Visitenkarten zuzustecken. Einer sagte: tolle Idee.

Unfassbar.

Sie sagen es.

Einen Ihrer größten Coups haben Sie 2004 gelandet, als Sie im Namen des US-Chemiekonzerns Dow Chemical live in der BBC bekannt gaben, die Opfer der Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal mit zwölf Milliarden Dollar zu entschädigen.

Damals gab es allerdings nicht nur Applaus, sondern auch jede Menge Ärger.

Naja, das muss man vielleicht verstehen: Der Aktienkurs von Dow sackte damals binnen Minuten in den Keller.

Ja, eigenartig, nicht?

Wieso eigenartig?

Nun, wir haben ja nur getan, was Dow schon 20 Jahre vorher hätte tun sollen: den Opfern wenigstens Schadenersatz zu zahlen. Das ist doch sehr edel.

Fanden die Aktionäre nicht.

Da haben wir gelernt, dass Firmen, wenn sie wirklich das Richtige täten, sich womöglich selbst in den Ruin trieben.

Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, bestimmten Konzernen zu schaden?

Das war Zufall. 1999, als Tausende Globalisierungsgegner nach Seattle reisten, um gegen die Welthandelskonferenz zu protestieren, waren wir verhindert. Also beschlossen wir, eine gefälschte Website der WTO ins Internet zu stellen, mehr so aus Spaß, um die ganze Sache etwas aufzulockern. Zu unserer völligen Verblüffung folgten plötzlich einige Einladungen zu Konferenzen. Die dachten wirklich, das sei die offizielle Website der WTO. Wir wussten erst nicht so genau, wie wir reagieren sollten, und dann dachten wir: Warum nicht einfach mal hingehen?

Sie haben dann mal eben die Selbstauflösung der WTO wegen Erfolglosigkeit bekannt gegeben.

Was die Organisation ja auch tun müsste, wenn sie ehrlich zu sich wäre.

Waren Sie überrascht, dass Sie damit zunächst durchkamen?

Und wie! Und das geht ja seither so weiter. In Salzburg haben wir zum Beispiel ein Geschäftsmodell vorgestellt, wie man mit Wählerstimmen handeln und damit ordentlich Reibach machen kann. Dafür hätte man uns teeren, federn und aus der Stadt werfen müssen. Wir hatten wenigstens erwartet, dass die restlichen Kongressteilnehmer ernsthaft vergrätzt sein würden. Waren sie aber nicht. Die fanden das prima.

Wie suchen Sie sich Ihre Opfer aus?

Die suchen wir uns nicht aus. Wir werden von denen ausgesucht.

Wie das?

Einmal haben wir zum Beispiel eine Website des Ölkonzerns Exxon imitiert. Dann wurden wir rasch als Exxon-Vertreter auf eine Konferenz eingeladen. Da konnten wir schlecht absagen. Also sind wir dahin gegangen und haben ein bisschen Spaß gemacht.

Es sind vor allem Energie- und Waffenkonzerne, die von den Yes Men ihr Fett weg kriegen.

Ja, weil uns die Frage beschäftigt, was würde passieren, wenn diese Konzerne ungestraft alles tun könnten, was sie wollen. Es wird ja so schon immer schlimmer. Uns interessiert: Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine? Oder machen wir weiter bis zur Zerstörung des Planeten?

Haben Sie manchmal Mordgedanken, wenn Sie auf solche Kongresse gehen?

Das würde doch auch nichts bringen. Die Leute, zu denen wir da sprechen, sind ja nicht wirklich diejenigen, die den Finger am Abzug haben. Die meisten sind wie wir: jung, motiviert, kreativ. Nur dass sie halt dahin gehen, wo sie die meiste Kohle machen. Vermutlich sagen die sich, wenn ich den Job nicht mache, macht ihn ein anderer. Und genau so ist es ja auch!

Ihr neuer Film heißt "The Yes Men Fix The World". Wie sähe denn die von Ihnen reparierte Welt aus?

Besser.

Aha.

Kein Witz. Schauen Sie: Inzwischen haben doch selbst die Blödesten begriffen, dass die Auswirkungen des Kapitalismus schlimmer und schlimmer werden. Und warum? Weil Leute wie Milton Friedman...

...der Guru der Neoliberalen...

...immer gesagt haben, Konzerne sollten sich einen Scheiß um Ethik und Anstand kümmern. Alles, was sie tun sollen, ist Profite machen - früher oder später werde das der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Diese ganze irrsinnige Idee hat sich doch nur deshalb so lange gehalten, weil ihr zu wenige entschieden entgegen getreten sind.

Die Masse ist eben träge.

Nicht alle. Da draußen sind wirklich Tausende Leute unterwegs, die sich den Arsch aufreißen, um den Laden hier lebenswerter zu bekommen.

Ändern tut sich trotzdem nichts.

Doch. Nehmen Sie Guantánamo. Allein in den USA haben etliche Initiativen dafür gekämpft, diesen Wahnsinn zu beenden. Und jetzt wird er beendet.

Lange genug hat? s gedauert.

Ja, aber wo stünden wir heute, wenn es die Gruppen nicht gegeben hätte? Oder schauen Sie sich die Umweltaktivisten an. Ich weiß, dem Planeten geht's dreckig. Aber wenn wir nicht überall auf der Welt Organisationen hätten, die den Leuten das Problem in den Kopf hämmern, stünde uns das Wasser vermutlich jetzt schon bis zum Rand unserer Bermudashorts. Aber Sie haben Recht: So lange es nicht wirklich schlimm aussieht, kriegt man Leute normalerweise nicht dazu, etwas zu verändern. So gesehen ist die aktuelle große Depression ja eine Chance. Vielleicht kriegen die Leute endlich mal den Hintern hoch.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Weil ich denke, dass selbst die Reichen mit ihrem Geld lieber vernünftige Sachen machen würden.

So?

Wir waren 2006, ein Jahr nach dem Hurrikan Katrina, auf einer Wiederaufbaukonferenz in New Orleans. Ich habe mich dort als Vertreter der Behörde für Wohnungsbau und Stadtentwicklung ausgegeben. Die Politik hatte bis dahin den Plan verfolgt, möglichst viele Sozialwohnungen in der Stadt vollständig abzureißen. Die Baukonzerne könnten so kräftige Profite machen und die Armen hätte man bequem aus guten Wohnlagen vertrieben. Ich habe dann gesagt, wir machen es anders: Wir reparieren die Sozialwohnungen und stellen den Habenichtsen entsprechendes Material zur Verfügung. Und wissen Sie was? Die meisten Geschäftsleute im Podium waren begeistert, weil sie spontan eingesehen haben, dass das die bessere Idee ist. Obwohl sie damit viel weniger Geld verdient hätten.

So ist es aber nicht gekommen.

So ist es nicht gekommen. Aber ich habe daraus gelernt, dass die meisten Leute im Grunde wollen, dass mit ihrem Geld Gutes getan wird - selbst diejenigen, die tagtäglich das Gegenteil machen. Ich glaube, die sind wirklich von dieser absurden Idee überzeugt, dass es allen früher oder später besser geht, wenn sie nur selbst erst mal genügend Milliarden gescheffelt haben.

Es sind nicht die schwächsten Gegner, die Sie sich suchen. Erst kürzlich haben Sie Ihren Film vom Jerusalem Filmfestival zurückgezogen, um gegen die Palästina-Politik der israelischen Regierung zu demonstrieren. Dow Chemical haben Sie auch gerade wieder zum Gespött gemacht, indem Sie das giftige Flaschenwasser "B?eau-Pal" präsentierten. Wie oft sind Sie eigentlich schon verklagt worden?

Noch nie.

Bitte?

Ich glaube, die haben eine Heidenangst vor der negativen Publicity, die sie dadurch bekommen würden.

Werden Sie nicht wenigstens ab und an bedroht?

Doch, das schon. Wir kriegen hin und wieder lustige Drohbriefe. Aber selbst das ist ja keine wirklich gute Idee. Das Erste, das wir tun, ist nämlich, die Briefe an ein paar Journalisten weiterzuleiten. Gibt meistens schlechte Presse. Und das hat kein Konzern dieser Welt wirklich gerne.

Haben Sie umgekehrt schon Barack Obama verklagt?

Wieso das denn?

Hat er nicht Ihr Copyright gestohlen? Der Slogan "Yes, Bush can" stammt doch von Ihnen. Klingt verdächtig ähnlich nach "Yes, we can".

Hey, das stimmt! Sauerei. Wir werden drüber nachdenken.

Interview: Jörg Schindler

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