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„Wir können uns die positive Zukunft noch nicht vorstellen“

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Von: Jana Ballweber

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Hitzewellen werden durch die Klimakrise häufiger, länger und heißer – dem Gehirn bekommt das schlecht.
Hitzewellen werden durch die Klimakrise häufiger, länger und heißer – dem Gehirn bekommt das schlecht. © Gao Jing/dpa

Die Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk spricht im Interview über fehlende Lösungsansätze in Klima-Debatten, Denkfehler und den Einfluss der Erderwärmung auf unser Gehirn.

Frau van Bronswijk, wir wissen alles über die Klimakrise: was sie verursacht, wie sie sich bekämpfen lässt. Warum kriegen wir das mit dem Klimaschutz trotzdem nicht gebacken?

Weil wir Menschen sind. Und Menschen sind nicht immer so rational, wie wir uns das wünschen. Wir treffen unsere Entscheidungen emotionsgeleitet und unser Gehirn unterliegt dabei Denkfehlern. Evolutionär ist unser Denken für akute Bedrohungen gemacht. Wir sind für den Säbelzahntiger gerüstet, der plötzlich aus dem Busch springt. Bei langfristigem Denken schleichen sich immer wieder Fehler ein.

Was sind das für Denkfehler?

Wir füllen Wissenslücken mit Dingen, die zu unserem Weltbild passen. Und wenn das Weltbild eines Menschen vielleicht eher konservativ ist, ordnet er Informationen für sich so ein, dass sie dieser Haltung nicht entgegenstehen. Das ist kein böser Wille oder Dummheit, sondern das normale Verhalten unseres Gehirns. Andere tappen in die Optimismusfalle. Sie gehen davon aus, dass das Schlimme, was die Klimakrise mit sich bringt, schon nicht sie persönlich treffen wird.

Ist persönliche Betroffenheit denn unbedingt notwendig, damit Menschen etwas gegen die Klimakrise unternehmen?

Menschen werden vor allem von Dingen bewegt, die ihnen nahe sind, räumlich, zeitlich und sozial. Die globale Ungerechtigkeit tut vielen Menschen in Deutschland leid. Sie widerspricht ihrem Wertekanon. Aber Ungerechtigkeit, die mir selbst jetzt und hier widerfährt, wird mich immer stärker zum Handeln bewegen.

Katharina van Bronswijk
Katharina van Bronswijk ©  A. Boehmann

Ist es ein Problem, dass in Entscheidungspositionen oft ältere Menschen sitzen? Die werden ja schon nicht mehr da sein, wenn es richtig ungemütlich wird.

Auch ältere Menschen sehen sich in der Pflicht, etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen, weil sie ihren Kindern und Enkeln die Welt nicht in einem desolaten Zustand hinterlassen wollen. Es gibt aber noch ein anderes Problem: Die Generation der Kriegskinder und der Boomer ist mit dem gesellschaftlichen Versprechen aufgewachsen, dass sie 60 Jahre hart arbeiten und danach den Wohlstand genießen können.

Und plötzlich sollen sie auf Kreuzfahrten, Flugreisen und Fleisch verzichten.

Genau. Sie fühlen sich – verständlicherweise – betrogen. Wir brauchen neue Erzählungen, was uns glücklich und zufrieden macht. Dass zum Beispiel Beziehungen zu anderen Menschen wertvoller sind als Konsum. Und die Lebenszufriedenheit muss nicht CO2-intensiv sein.

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Lädt man den einzelnen Menschen damit nicht zu viel Verantwortung auf?

Das ist ein riesiges Problem. Wir leben in einer individualistischen Gesellschaft. Wir schauen immer erstmal auf den einzelnen Menschen und lassen alle anderen Faktoren außer Acht. Die Welt, in der wir leben, macht es aber für viele Menschen schwer, ihr Verhalten zu ändern. Wenn es auf dem Land kaum öffentlichen Nahverkehr gibt, ist es keine Faulheit, wenn man sein Auto nicht abschafft. Es geht schlicht nicht anders.

Und doch ist es nötig, dass die Menschen ihr Verhalten ändern. Müssen sie also in der Lage sein, die wissenschaftlichen Details zu verstehen?

Es ist gar nicht so wichtig, das in allen Einzelheiten zu verstehen. Dafür ist unser Gehirn gar nicht gemacht. Es reicht zu verstehen, was der Treibhauseffekt ist und dass die Klimakrise kein linearer Prozess ist, sondern dass es Kipppunkte gibt. Viel wichtiger ist es, dass wir uns mehr mit Lösungen beschäftigen. Wir können uns die positive Zukunft noch nicht vorstellen.

Zur Person

Katharina van Bronswijk, 32, ist Psychologin und Sprecherin der „Psychologists and Psychotherapists for Future“. Ihr aktuelles Buch „Klima im Kopf“ ist im Oekom-Verlag erschienen.

Sind psychische Belastungen durch die Klimakrise schon bei Ihnen in der Praxis angekommen?

Bei Kolleg:innen in der Kinder- und Jugendpsychotherapie kommt das schon öfter mal vor. Bei den Erwachsenen ist das noch relativ selten. Zwar berichten viele von einem Weltschmerz, der sie belastet. Da geht es aber eher um die Pandemie und den Krieg, weniger um die Klimakrise.

Wirken sich die Klimaveränderungen auch direkt auf die mentale Gesundheit aus?

Wir wissen, dass Hitzewellen, die durch die Klimakrise häufiger, länger und heißer werden, dem Gehirn schlecht bekommen. Nach Hitzeepisoden steigen die Suizidraten, die Chemie im Gehirn wird so verändert, dass die Menschen aggressiver werden. Gehirnorganische Erkrankungen wie Demenz, Schizophrenie und bipolare Störungen werden schlimmer. Und nicht zuletzt wird es in Zukunft eine Zunahme von Traumafolgestörungen nach Extremwetterereignissen geben.

Ist das Gesundheitssystem darauf vorbereitet?

Jein. Es gibt erste Initiativen aus dem System selbst, klimaneutrale Krankenhäuser oder Hitzepläne für Städte. Das kommt aber weniger von der Politik. Die wäre unter anderem gefordert, um die psychische Notfallversorgung nach Katastrophen zu professionalisieren. Das ist bisher komplett ehrenamtlich und wird so in Zukunft nicht mehr zu schaffen sein.

Interview: Jana Ballweber

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