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„Wir können keinen absoluten Schutz versprechen“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Zerstörte Brücken bei Marienthal im Ahrtal: „Viele Brücken sind zerstört worden“, sagt Siedlungsexperte Kirschbauer und plädiert für angepasste Bauweisen. Foto: imageBROKER/MichaelSzönyi.
Zerstörte Brücken bei Marienthal im Ahrtal: „Viele Brücken sind zerstört worden“, sagt Siedlungsexperte Kirschbauer und plädiert für angepasste Bauweisen. Foto: imageBROKER/MichaelSzönyi. © IMAGO/imagebroker

Rund ein Jahr nach der verheerenden Flut im Ahrtal: Siedlungsexperte Lothar Kirschbauer fordert Konsequenzen für den Haus- und Brückenbau und gezieltere Warnungen.

Rheinland-Pfalz hat nach der Hochwasserkatastrophe das Kompetenznetzwerk „Wissenschaft für den Wiederaufbau“ geschaffen. Es wird geleitet von dem Koblenzer Professor Lothar Kirschbauer.

Herr Kirschbauer, Sie beschäftigen sich schon lange mit Siedlungsbau und Gefahren. Hätten Sie eine solche Katastrophe wie vor einem Jahr für möglich gehalten?

Nein, das sage ich ganz ehrlich. Mich hat diese Heftigkeit überrascht und diese Menge von Wasser, die abgeflossen ist. Ich wohne selber im benachbarten Swist-Erft-Einzugsgebiet und habe dort erlebt, wie viel Wasser aus der Fläche im Gefälle in Richtung der Gewässer gelaufen ist. In meiner langjährigen Tätigkeit habe ich das noch nicht erlebt.

Welche Schlüsse müssen für den Wiederaufbau und den Hochwasserschutz aus der Katastrophe gezogen werden?

Wir müssen lernen, dass es Katastrophen dieser Art immer wieder geben wird und dass wir uns nicht absolut gegen solche Ereignisse schützen können. Wir leben gerne am Wasser. Ich erlebe es auch in überfluteten Gebieten, dass Menschen ihre Neubauten dort ebenerdig errichten. Barrierefreiheit für den Menschen bedeutet eventuell auch Barrierefreiheit für das Wasser. Wenn wir uns alte Häuser anschauen, die in der Nähe von Gewässern standen, dann hatten sie in der Regel zwei, drei Stufen, die ins Erdgeschoss hinaufführten, so dass man einen gewissen Schutz vor Überflutungen hatte. Überflutet wurde dann nur der Keller, und die Menschen hatten dort keine Büros oder Einliegerwohnungen, sondern untergeordnete Lagerräume.

Wäre es also klüger, anders barrierefrei zu bauen, etwa mit einer Rampe statt Stufen?

Genau. Damit man einen gewissen Schutz hat, wenn Wasser aus der Fläche kommt oder auf der Straße nicht von der Kanalisation abgeführt werden kann. Wenn auch nur fünf oder zehn Zentimeter auf der Straße stehen und wir einen ebenerdigen Eingang haben, dann fließt das Wasser ins Haus und es gibt Schäden.

Was ist beim Wiederaufbau von Straßen und Brücken zu berücksichtigen?

Man sollte Brücken bauen, die keine oder weniger Pfeiler im Gewässer haben, zum anderen sollten sie eine strömungsgünstigere Form bekommen, damit das Wasser im Bedarfsfall auch drüber fließen kann. Dann ist vielleicht das Geländer weggebrochen. Aber nach einer Flut kann ich eine solche Brücken nutzen. Wir brauchen Brücken, die abklappbare Geländer oder Geländer mit Sollbruchstellen haben. Im Ahrtal sind viele Brücken zerstört worden. Unmittelbar nach der Katastrophe musste ich aus dem Ahrtal heraus- und auf der anderen Seite wieder herunterfahren. Dafür brauche ich vielleicht zwei Stunden, nur um 100 Meter Strecke von der einen Seite der Ahr zur anderen Seite zurückzulegen.

Was müsste noch verbessert werden?

Wir müssen bedenken: Wir haben nicht nur Hochwasserperioden, wir haben auch Niedrigwasserperioden. Dann haben wir mit anderen Problemen zu kämpfen, mit verstärktem Algenwachstum oder mit Fischsterben wegen Sauerstoffmangels. Wir können unsere Gewässer nicht nur für Hochwasser ausbauen, wir müssen sie auch für Niedrigwasser wappnen.

Bekommen Bach- und Flussbetten genug Raum?

Wir versuchen, den Gewässern mehr Raum zu geben durch Renaturierung. Wir haben jetzt festgestellt, dass an renaturierten Gewässern weniger Schäden angefallen sind. Renaturierung gibt dem Wasser Raum. Dadurch wird auch die Fließgeschwindigkeit verringert. Damit habe ich dann nicht solche extremen Anstiege der Wasserstände.

Zur PErson

Lothar Kirschbauer ist Experte für Siedlungswasserwirtschaft und Wasserbau. Der 64-jährige Wissenschaftler lehrt an der Hochschule Koblenz. Er ist zugleich wissenschaftlicher Leiter des Kompetenznetzwerkes „Wissenschaft für den Wiederaufbau“, das nach der Hochwasser-Katastrophe von Juli 2021 vom Land Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen wurde. pit

Im Ahrtal sind 134 Menschen ums Leben gekommen, zwei Menschen werden noch vermisst. Die Warnungen kamen zu spät. Gibt es Möglichkeiten, die Vorwarnzeiten zu verbessern?

Ja, da ist man auch intensiv dran. Allerdings geht es hier um eine Verbesserung der Vorwarnung um eine halbe Stunde oder eine Stunde, nicht um Tage wie an den großen Flüssen. Wir brauchen auch bei kleineren Gewässern Pegel, die uns sagen: Hier steigt der Wasserspiegel, hier steigt der Wasserspiegel sehr schnell. Wenn man das mit Niederschlagsvorhersagen koppelt, kann man gezielt Warnungen aussprechen. Ich erlebe allerdings, dass mir Menschen sagen: Ich werde von Warnungen überschüttet und schalte deswegen meine Warn-Apps ab. Das ist auch verständlich. Alle Behörden sind sensibilisiert und sagen: Wir warnen frühzeitig. Das führt aber zu einer Reizüberflutung bei den Menschen und dann achtet man nicht mehr drauf.

Was schließen Sie daraus?

Es muss gezielter gewarnt werden. Wir müssen uns auch Warnwege überlegen, die unabhängig sind von unserem Telefon-, Internet- und Stromnetz.

Also mit Sirenen?

Ja, es gibt Sirenenanlagen, die 72 Stunden ohne Strom auskommen. Die muss ich ansteuern können, etwa über Satellit. Die Stromindustrie spricht von schwarzfallsicheren Anlagen, die auch ohne externe Stromversorgung arbeiten. Die Stromversorger bauen sich im Moment ein eigenes Kommunikationsnetz auf, das sicher ist vor Schwarzfall. Da wäre die Überlegung, ob man so etwas mitnutzen kann.

Wie lange werden die Folgen dieser Katastrophe zu spüren sein?

Wir werden mindestens zehn Jahre brauchen. Ich nehme als Beispiel die Holländer. Die hatten 1953 eine Sturmflut an der Nordsee und setzen jetzt noch Maßnahmen um, die aus den Erkenntnissen dieser Sturmflut entwickelt wurden.

Das sind Zeiträume, die Menschen überfordern können.

Den Menschen vor Ort brennt es natürlich unter den Fingernägeln. Aber wir haben alle nicht die Blaupause für ein solches Ereignis in der Tasche. Wir können eine Vorsorge treffen, aber wir benötigen auch Zeit, die Erkenntnisse aus der Flut in Maßnahmen umzusetzen. Hierzu gibt es ein Forschungsprojekt „Klima, Anpassung, Hochwasser, Resilienz“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Wichtig ist aber: Wir können keinen absoluten Schutz versprechen. Es wird immer ein Ereignis geben, das größer ist.

Also am besten weit wegziehen vom Wasser?

Nein. Wir können ein solches Gebiet wie an der Ahr nicht entvölkern.

Interview: Pitt von Bebenburg

Lothar Kirschbauer. Foto: Privat.
Lothar Kirschbauer. Foto: Privat. © DIETMAR GUTH Koblenz

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