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Christine Meiser, 23, ist Bundesvorsitzende des Europäischen Jugendparlaments (EJP) in Deutschland.

Interview

„Wir können Brücken bauen“

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Christine Meiser vom Europäischen Jugendparlament über die Vernetzung und den Einfluss der Jugend in Europa.

Frau Meiser, was ist die Aufgabe des Europäischen Jugendparlaments?
Wir versuchen, jungen Menschen Europa näher zu bringen, sie zu informieren und zu inspirieren, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Viele Jugendlichen denken gleich an die Regulierung der Gurkenkrümmung, wenn sie an die EU denken. Wir zeigen ihnen, dass es um ganz andere Themen geht.

Lernt man das denn nicht auch in der Schule?
Also ich habe das leider nicht gelernt. Wir haben zwar die Strukturen der EU auf dem Gymnasium vermittelt bekommen – also beispielsweise: Es gibt ein Parlament und eine Kommission und einen Gerichtshof. Doch was die EU für unser alltägliches Leben bedeutet, bekommt man leider nicht erklärt. Die EU hat ein Marketingproblem, viele junge Menschen verstehen sie einfach nicht. Dabei ist doch jedes Ei, das wir morgens auf dem Frühstückstisch haben, EU-subventioniert.

Was müsste sich ändern, damit mehr junge Menschen Begeisterung für die EU empfinden?
Die Politiker müssten mehr mit uns reden, nicht über uns. Es wird immer behauptet, dass junge Menschen nur auf ihr Smartphone schauen und sich für nichts interessieren. Aber wenn wir dann aktiv werden und auf die Straße gehen, wie jetzt die Fridays-for-Future-Bewegung, dann fragen viele Politiker: „Was wollt ihr denn? Was soll das?“ So bekommt man die Wahlbeteiligung nicht hoch.

Was sind Themen, die junge Europäer derzeit bewegen?
Der Klimaschutz ist natürlich ein großes Thema. Aber auch die Urheberrechtsreform hat viele interessiert und natürlich das Thema Migration. Viele Probleme können wir nicht alleine lösen, wir brauchen die EU. Im wirtschaftlichen Wettbewerb kann nur Europa die Antwort auf die großen Fragen sein.

Das Europäische Jugendparlament gibt es in 40 Ländern in Europa und richtet sich an junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Die Jugendlichen betreiben das Projekt ehrenamtlich und kümmern sich auch überwiegend selbst um die Finanzierung.

In welchen Ländern, in denen es das Jugendparlament gibt, spüren Sie eine besondere Begeisterung für Europa?
Das Interesse an Europa ist überall hoch, auch in Nicht-EU-Ländern, in denen wir aktiv sind wie in der Schweiz, der Ukraine, Georgien oder Weißrussland. Aber wir betrachten die Welt natürlich schon unterschiedlich. Es ist etwas anderes, wenn man die Beziehung zwischen der EU und Russland mit einem Osteuropäer diskutiert, der den russischen Einfluss aus persönlicher Erfahrung kennt, oder mit einem Iren. Oder ob man das Thema regionale Autonomie mit einem Spanier diskutiert oder mit einem Polen. Das macht den Austausch ja so spannend.

Gibt es auch öfters mal Streit zwischen den Jugendlichen?
Eigentlich nicht. Es ist natürlich interessant, wenn ein Zypriot und ein Türke an einem Tisch sitzen oder ein Russe und ein Ukrainer. Aber das Europäische Jugendparlament ist ja gerade dafür da, dass junge Menschen aus unterschiedlichen Ländern sich kennenlernen, sich in die Augen schauen können. Wir treffen uns hier auf sehr menschlicher Ebene, wir können Brücken schlagen.

Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Organisation vor allem Jugendliche mit höherem Bildungsgrad anspricht?
Wir haben viele Gymnasiasten, das ist nicht wegzureden. Aber wir bemühen uns sehr, auch Jugendliche an Real- oder Hauptschulen oder Berufsschulen zu erreichen. Wir bieten Europa-Kompaktkurse an Schulen an und Simulationen von Parlamentssitzungen an Berufsschulen.

Sind Sie angesichts der instabilen Weltlage und der vielen Probleme in Europa optimistisch, was die Zukunft der EU angeht?
Ja, ich bin optimistisch. Weil ich tagtäglich mit einem jungen Europa zu tun habe, für das es sich lohnt einzustehen. Das Europäische Jugendparlament verändert zwar nicht die Welt, aber wir verändern die Leute, die Europa einmal gestalten werden.

Interview: Nina Luttmer

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