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Loyalitäten: Erdogan Halil und sein Sohn Ibrahim haben während der Fußball-Weltmeisterschaft an ihrem Auto eine deutsche und eine türkische Flagge drapiert.
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Loyalitäten: Erdogan Halil und sein Sohn Ibrahim haben während der Fußball-Weltmeisterschaft an ihrem Auto eine deutsche und eine türkische Flagge drapiert.

"Wir haben zu wenig Einbürgerungen"

Die begabten türkischen Kinder von heute sollen zur deutschen Elite von morgen gehören / Auszüge aus einer Laudatio von Norbert LammertDeutschland ist auf Zuwanderung angewiesen. Der Bundestagspräsident zeigt auf, unter welchen Bedingungen Neu- und Altbürger gut miteinander auskommen können. Er ist überzeugt: Ohne ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit erträgt eine Gesellschaft auch keine Vielfalt.

Das Bekenntnis zu Dialogbereitschaft und Toleranz ist nach meiner Beobachtung in Deutschland weit populärer als die Aufforderung zur nüchternen Wahrnehmung sozialer Realitäten. Sie werden keinen finden, der sich gegen Dialoge ausspricht, und schon gar niemanden, der gegen Toleranz wäre. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen beides zustande kommt, wird schon sehr viel seltener gestellt und noch seltener beantwortet. Wenn wir uns nüchtern mit sozialen Realitäten unseres Landes auseinander setzen, dann werden wir auf manche verkannte Errungenschaften stoßen, aber sicher auch auf manche verdrängten Konflikte. Manche tatsächlichen Chancen sind in Deutschland allzu lange nur als Risiken wahrgenommen worden. Dafür sind umgekehrt manche beachtlichen Risiken allein für Chancen gehalten worden. Man kann das mit Blick auf Deutschland als Einwanderungsland und Deutschland als multikulturelle Gesellschaft hinreichend klar erkennen. Es gibt nicht viele Länder in der Welt, die als Einwanderungsländer ähnlich attraktiv sind wie Deutschland. Und es gibt im übrigen auch nur wenige Länder, die angesichts ihrer demografischen Entwicklung, ihrer wirtschaftlichen Potenz und schon gar unter Berücksichtigung der Verfassung ihrer Systeme sozialer Sicherung so sehr auf Zuwanderung angewiesen sind wie Deutschland. Es geht längst nicht mehr darum, ob Zuwanderung stattfindet, sondern wie, unter welchen Voraussetzungen. Unter welchen Voraussetzungen alle miteinander, das Land im Ganzen, diese Gesellschaft und die betroffenen Menschen aus Zuwanderung ein jeweils unterschiedliches, aber im Ergebnis gemeinsames Interesse haben und daraus einen möglichst großen gemeinsamen Nutzen stiften können.

Wir haben nach meiner festen Überzeugung in Deutschland nicht zu viel Zuwanderungen, sondern zu wenig Einbürgerungen. Bis heute ist es jedenfalls nicht überzeugend gelungen, das eine mit dem anderen zu verbinden. Dies weist auf das vielleicht größte einzelne Defizit der bisher nicht hinreichend ernsthaft behandelten Integrationsherausforderungen unserer Gesellschaft hin. Bei sinkender Geburtenrate in Deutschland müssen wir ein vitales Interesse daran haben, dass die begabten türkischen Kinder von heute zur deutschen Elite von morgen gehören. Und das ist natürlich eine Aufgabe des Schulsystems, aber sie fängt weder erst in der Schule an, noch darf sie alleine bei den Schulen hängen bleiben. Die Veränderung muss in den Köpfen anfangen, wir müssen sie wollen, bevor sie stattfinden kann.

Es braucht einen roten Faden, eine Leitkultur

Das wir im übrigen in Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft haben, ist empirisch ebenso offenkundig wie die Notwendigkeit verbindlicher Regelungen. Kurt Biedenkopf hat schon vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt: "Wenn Deutschland multikulturell sein und dennoch seine Identität nicht verlieren soll, braucht es bei allen verschiedenen kulturellen Ausprägungen einen roten Faden, eben eine Leitkultur." (?) Ich wiederhole heute, was ich bei vielen anderen Gelegenheiten gesagt habe: am wenigsten geht es um die Einigung auf den Begriff, aber auf die Sache müssen wir uns schon verständigen. Die begründeten Zweifel an diesem Begriff dürfen nicht verdrängen, dass jede Gesellschaft einen Mindestbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen braucht, ohne die auch ihre Regeln und ihre gesetzlichen Festlegungen auf Dauer keinen Bestand haben können. Kein politisches System kann ohne kulturelles Fundament gemeinsam getragener Überzeugungen seine innere Legitimation aufrechterhalten. Und auch das gehört zu den eher verdrängten fundamentalen Einsichten, bei denen wir uns aus mancherlei, sicher auch historischen Gründen, die uns sofort gegenwärtig sind, vielleicht schwerer tun, als manche andere Länder, aber die wir dringend aufarbeiten müssen. Zulange haben wir verdrängt, dass es natürlich nicht nur eine Bereicherung, sondern auch eine Herausforderung für eine Gesellschaft ist, wenn unterschiedliche kulturelle Traditionen und Erfahrungen einander begegnen. Es ist unredlich zu leugnen, dass es kulturelle Differenzen gibt. Und es ist hochgradig leichtfertig, solche Differenzen für irrelevant zu halten. Wir haben vielleicht zu viel Zeit mit der gut gemeinten Illusion verloren, man könne solche fundamentalen kulturellen Differenzen auf sich beruhen lassen, statt sie zu klären. Inzwischen wird immer deutlicher, dass keine Gesellschaft auf diese Klärung verzichten kann. (?)

Nun sind in den vergangenen Monaten sicher auch im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die kluge Entscheidung dieser Schule und weniger glückliche Entwicklungen anderer Schulen auch manche neue Einsichten gewachsen. Ich trage Ihnen jetzt ein Zitat vor, von dem die meisten den Autor oder die Autorin vermutlich nicht ohne Hilfestellung identifizieren könnte. "Wir müssen mit den Migranten über Grundregeln des Zusammenlebens sprechen. Dabei sollte es keineswegs ergebnisoffen zugehen". Es stammt von der Fraktionsvorsitzenden der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - nach der öffentlichen Debatte über die Entscheidung der Herbert-Hoover-Realschule.

Dass es in Deutschland inzwischen ganze Stadtviertel gibt, die von Parallelgesellschaften geprägt sind, in denen die Integration schon deswegen nicht mehr scheitern kann, weil sie gar nicht mehr ernsthaft versucht wird, gehört sicher nicht zu den Errungenschaften der vergangenen Jahre, vielmehr zu den Fehlentwicklungen, die uns in jeder Hinsicht beschäftigen und im Wortsinn herausfordern müssen.

Wir müssen nicht nur, aber insbesondere in den Schulen den Zusammenhang verdeutlichen, den es zwischen Freiheit und Konsens, zwischen Konsens und Konflikten gibt. Die Fähigkeit zum Konsens ist die Voraussetzung der Konfliktfähigkeit einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die frei sein will, entscheidet sich damit für Vielfalt. Und wenn sie sich für Vielfalt entschieden hat, räumt sie die Unvermeidlichkeit von Konflikten ein. Eine freie Gesellschaft kann keine konfliktfreie Gesellschaft sein. Erlauben kann sie sich die Konflikte nur, wenn es ein Mindestmaß an Konsens darüber gibt, wie diese Gesellschaft denn mit dieser Vielfalt und den sich daraus ergebenen Konflikten umgehen will. Ohne ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit erträgt eine Gesellschaft auch keine Vielfalt. Die Gemeinsamkeit der Sprache ist eine notwendige, unverzichtbare, alleine aber nicht ausreichende Voraussetzung für gelebte Multikulturalität, die Verständigung ermöglicht und damit friedliches Zusammenleben fördert.

Der Rest der Welt entdeckt die Deutschen neu

Wir erleben in diesen Tagen ein großes Sportereignis, das zugleich das größte Fest, die größte Party ist, die Deutschland je gefeiert hat. Nach meiner Wahrnehmung ist es mehr als eine große Party, was im übrigen nicht weiter rechtfertigungsbedürftig wäre. Der Innenminister Wolfgang Schäuble hat vor ein paar Tagen zu dieser großen Party erklärt: "Die Feiern auf der Straße sind die integrationsfreudigsten Veranstaltungen, die es in Deutschland seit langem gegeben hat." Und er hat damit zweifellos Recht. (?)

Dieses Land feiert sich in diesen Tagen in einer Weise, die niemandem Angst macht und viele beeindruckt , und bei der nach meiner Beobachtung nicht nur der Rest der Welt die Deutschen neu entdeckt, sondern die Deutschen sich selbst neu erfinden. Das findet sich in einer bemerkenswert einheitlichen Berichterstattung der Weltpresse nun schon in der dritten aufeinander folgenden Woche wieder.

"Deutschland ist anders geworden und hat sich geöffnet" schreibt Libèration in Frankreich. "Deutschland zeigt Flagge. Es ist wie eine Explosion der Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung, wie eine Eruption der guten Laune nach den Jammeriaden und nach den Selbstzweifeln, nach den Wehklagen und dem Krankgerede der Elite", schreibt die Presse in Österreich. "Die neuen Stolz-Bekundungen sind nahezu bemüht antinationalistisch" schreibt die New York Times. "(?) eine unverfälschte Leichtigkeit durchweht den deutschen Alltag" schreibt die Neue Zürcher Zeitung in der Schweiz. Das ist eine erstaunliche Entwicklung, von der ich persönlich übrigens fest überzeugt bin, dass sie sich zwar nach Abschluss dieser großen Party ein bisschen beruhigen, keineswegs aber völlig in Luft auflösen wird.. (?)

Was hier zum Ausdruck kommt, ist ein vitales Bedürfnis. Es gehört nicht viel Mut zu der Prognose, dass in Zeiten der Globalisierung das Identifikationsbedürfnis der Menschen wachsen wird, und dass es Anlässe sucht und findet, in denen es zum Ausdruck kommt. Und das findet in diesen Wochen in einer so sympathischen, selbstverständlichen, unkompliziert fröhlichen, unaggressiven Weise seinen Ausdruck, die wir uns selber kaum zugetraut hätten. Inzwischen finden die Leute auch überhaupt nichts dabei, die eigenen Autos nicht nur mit Nationalflaggen zu schmücken, sondern möglichst gleich neben die eigene noch die eines anderen Landes hinzuzufügen, das einem, aus welchen Gründen auch immer, besonders nahe steht.

Ich weiß nicht, ob es je ein anderes Ereignis gegeben hat, in dem sich Deutsche und Türken in diesem Land so nahe waren wie bei dieser Fußballweltmeisterschaft. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass das nachhaltige Wirkungen hat, auf der einen, wie auf der anderen Seite. Im übrigen spricht auch und gerade mit Blick auf die Integration, an der uns allen so sehr gelegen ist, nichts für die Erwartung, dass die Integration besonders leicht in einem Land fällt, das sich erkennbar selbst nicht leiden mag. Und dass dies besser geworden ist, ist eine wahrscheinlich unbeabsichtigte, aber unter jedem Gesichtspunkt begrüßenswerte Nebenwirkung dieses großen Ereignisses. (?)

Wenn wir viel Glück haben, ist das der qualitative Sprung, den unser Land in diesem Jahr gemacht haben könnte. Die Begründung eines neuen Gefühls von Zugehörigkeit, von Zusammengehörigkeit, von gemeinsamer Zukunft, unbeschadet unterschiedlicher Herkünfte und Vergangenheit. Mindestbedingung von Zugehörigkeit ist Sprache.

Von Hans-Georg Gadamer, dem bedeutenden deutschen Philosophen, stammt der wunderschöne Satz "Erst mit der Sprache geht die Welt auf ". Und wenn schon nicht die Welt mit der Sprache aufgeht, dann mindestens Augen und Ohren. Die Fähigkeit, Realitäten wahrzunehmen und an der Bewältigung von Herausforderungen selber mitarbeiten zu können, steht und fällt mit der Fähigkeit zur Kommunikation, zur gemeinsamen Beschäftigung mit Sachverhalten und insbesondere mit der gemeinsamen Beschäftigung mit den eigenen, den ureigenen Angelegenheiten. (?)

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