+
Der Friedhof ist eines der letzten Überbleibsel des Harki-Durchgangslagers in Le Vigeant.

Frankreich

"Wir haben den Status von Aussätzigen"

  • schließen

Eines der schmerzvollsten Kapitel der Geschichte Frankreichs bricht neu auf: Die Harkis, Hilfstruppen der französischen Kolonialisten im Algerienkrieg, verlangen auch eine materielle Anerkennung.

Nein, der Mann auf dem Traktor weiß auch nicht, wo das Durchgangslager der Harkis war. Er weiß nicht einmal, dass es hier einmal eins gab. Seltsam, die vierzig Baracken sind erst vor drei Jahren abgerissen worden. Der damalige Bürgermeister von Le Vigeant bezeichnete sie als „Schandfleck“. Jetzt sind die Behelfsunterkünfte hier in der Vienne (Westfrankreich) schon wieder vergessen.

Im Rathaus meint man fast ein Unwort zu sagen, wenn man sich nach dem ehemaligen Harki-Lager erkundigt. Die Empfangsdame meint unwirsch: „Suchen Sie bei der Kartingpiste südlich der letzten Häuser.“ Dann bricht sie das Gespräch ab.

Mit Hilfe alter Schwarzweißfotos, in deren Hintergrund noch bestehende Bauernhöfe auszumachen sind, lässt sich der Standort der einstigen Baracken drei Kilometer weiter in der Heckenlandschaft finden: Im kniehohen Gras rosten noch ein paar Eisenbetonpfeiler vor sich hin. Es sind letzte, vergessene Spuren einer Vergangenheit, über die Frankreich am liebsten den Schleier ausbreiten würde.

Die Harkis waren im Algerienkrieg (1954-1962) die Hilfstruppen der Kolonialfranzosen gegen die algerische Befreiungsfront FLN. Sie waren Algerier, und deren 300.000 dürften gegen die eigenen Landsleute gekämpft haben, in speziellen Regimentern, die von französischen Offizieren geführt wurden. Die meist bäuerlichen Harkis betätigten sich als Frontkämpfer und Ortsaufseher, sie leisteten Hilfs- und Spitzeldienste. Nur die wenigsten traten aus Überzeugung in die französische Armee ein; häufiger war Zwang und Druck durch französische Anwerber, die durch die Dörfer zogen. Manchmal gab materielle Not den Ausschlag, manchmal der Umstand, dass bereits ein Vater oder Bruder unter den Kolonialherren Dienst leistete.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens kamen die Harkis vom Regen in die Traufe, verfolgte sie das siegreiche FLN-Regime doch als Landesverräter. An die 100.000 Harkis wurden umgebracht, zwischen März und November 1962 regelrecht abgeschlachtet. Der französische Präsident Charles de Gaulle weigerte sich im Juli jenes Jahres, die verfolgten Hilfstruppen nach Frankreich zu überführen. „Wir können doch nicht alle Muslime aufnehmen, die sich in ihrem Land nicht mit ihrer Regierung verstehen“, meinte der General zur Begründung.

Dass letztlich doch noch mehrere zehntausend Harkis nach Frankreich kamen, war vor allem jenen französischen Offizieren zu verdanken, die genau wussten, dass es für ihre Soldaten den sicheren Tod bedeuten würde, sie in Algerien zurückzulassen.

In Frankreich kamen die Harkis in Durchgangslager, viele davon in Südfrankreich, aber auch weiter im Norden. „Man wählte bewusst verlassene Gegenden im Niemandsland, entfernte sie möglichst weit von der Bevölkerung“, meint die Harki-Forscherin Fatima Besnaci-Lancou, die selbst als Kind nach Frankreich gekommen war. „Während die Franzosen in uns halbwertige Algerier sahen, beschimpften uns die Algerier als Kollabos der Franzosen. Wir hatten – und haben – den Status von Aussätzigen.“

Ersichtlich wird das auch im kleinen Harki-Friedhof von Le Vigeant. An ihn wagten die Behörden keine Hand zu legen. Gut versteckt am Rande eines Gehölzes, beherbergt er ein Dutzend Gräber. Die Steinplatten liegen unausgerichtet, wie hingeworfen da, nur durch ein paar Zaunstangen geschützt. Auf einer verwitterten Inschrift in Arabisch lässt sich noch das Datum 1965 entziffern.

1965, das ist schon über fünfzig Jahre her. Was ist aus den Harkis geworden, die das Lager von Le Vigeant überlebt haben? „Ich kenne keine mehr“, meint der Historiker Jean-Luc Gillard, einer von ganz wenigen, die sich in der Vienne um das Thema Harki kümmern. Die Zahl der heute in Frankreich lebenden Harkis und ihrer Nachfahren der zweiten und dritten Generation schätzt er auf 500.000. „Wer im Lager von Le Vigeant gewesen ist, geht aus keinem öffentlichen Geschichtsarchiv hervor“, sagt er. „Wer davon heute noch am Leben ist, noch weniger.“

Nur ein Name fällt dem Lokalhistoriker ein: In Châtellerault, hundert Kilometer nördlich von Le Vigeant, wohnt ein gewisser Boumédienne Bouhassoun. Dieser altgediente Harki war zwar nicht selbst in dem Lager gewesen, aber seine inzwischen verstorbene Frau Aïcha. In seinem geräumigen Wohnhaus erzählt der 79-Jährige, rundum freundliche Veteran des Algerienkrieges, die Lebensbedingungen im Lager seien korrekt gewesen. Die Insassen hätten über Strom und fließend Wasser verfügt. „Die Männer erhielten eine Schnellbleiche als Bauarbeiter, um dann auf alle Landesgegenden verteilt zu werden. Sie waren auf sich allein gestellt und mussten mit anderen algerischen Saisonarbeitern zusammenarbeiten, die mit dem FLN sympathisierten und die Harkis oft mit dem Tod bedrohten“, erzählt Bouhassoun.

Bouhassoun ist „stolz“, auf der Seite der Franzosen Krieg geführt zu haben. Wie es genau war, will er nicht erzählen. Lieber berichtet er, wie in Châtellrault ein zweites Leben aufgebaut habe, mit drei Kleiderläden, die ihm zum Schluss selbst gehört hätten.

Der großgewachsene Algerier fühlt sich Frankreich auch verbunden, weil sein Offizier alles daran gesetzt habe, dass „seine“ Harkis nach Kriegsende zusammen mit den „pieds-noirs“, französischen Kolonialrückkehrern, aus Algier fliehen konnten. „Schreiben Sie, dass uns ein gewisser Jacques Lallemand gerettet hat. Ihm sind wir zu ewigem Dank verpflichtet“, meint Bouhassoun unter Tränen. Einem Bruder hätten die FLN-Schergen hingegen die Augen ausgestochen, bevor sie ihn umgebracht hätten, berichtet er. „Der Krieg war schrecklich, die Rache ebenso. Heute müssen wir diese Gefühle hinter uns lassen.“

Der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika hat allerdings unlängst klargemacht, dass sein Land „noch nicht bereit“ sei, sich mit den Harkis zu versöhnen. In Frankreich entdecken die französischen Politiker jeweils vor den Wahlen, dass eine halbe Million Harki-Nachfahren im Land leben. Sogar Marine Le Pen bezeichnete sie unlängst als Beweis, dass man „Patriot und Muslim“ sein könne. Dass die Rechtsextremistin für die Harkis eintritt, hat auch damit zu tun, dass sie der „Algérie Française“ nachtrauert und Algerien die Kriegsschuld gibt.

Emmanuel Macron hatte Harki-Delegation empfangen

Die Präsidenten Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande fanden in ihren Kampagnen jeweils Worte der „nationalen Anerkennung“ für die Leistung der Harkis im Algerienkrieg. Nach den Wahlen gerieten die Aussagen wie ihre Adressaten wieder in Vergessenheit.

Emmanuel Macron hatte in seinem Präsidentschaftswahlkampf seinerseits eine Harki-Delegation empfangen und ihr eine auch „materielle“ Anerkennung in Aussicht gestellt. Nach seiner Wahl im Mai 2017 richtete er zu dem Zweck sogar eine Kommission ein. Sie schlägt die Schaffung eines auf vier Jahre angesetzten Hilfsfonds über 40 Millionen Euro vor.

Macron will nun am Dienstag kommender Woche in einem öffentlichen Auftritt bekanntgeben, wie viel Geld ihm die „nationale Anerkennung“ wert ist. Boaza Gasmi, Präsident des nationalen Harki-Verbindungskomitees (CNLH), schimpft am Telefon über „die erwarteten Brosamen“; gerechtfertigt wäre für ihn eher ein Beitrag von 40 Milliarden Euro, namentlich für die Rentenansprüche der Harkis.

„Wir wollen keine Sozialhilfe, wir wollen wie Kriegsveteranen und ihre Nachfahren behandelt werden“, sagt Gasmi.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion