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Das Satellitenbild zeigt das Zentrum des Hurrikans über dem US-Bundesstaat Louisiana.

"Wir haben es noch in der Hand"

Klimaforscher Mojib Latif hofft, dass mit "Katrina" auch in den USA ein Umdenken beim Klimaschutz einsetztMojib Latif, Jahrgang 1954, ist Meteorologe und Professor am Leibniz- Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM- Geomar). Vorher war der Experte für Ozeanographie Privatdozent am Max Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Frankfurter Rundschau: Herr Latif, die Hurrikan-Saison hat dieses Jahr in den USA mit "Dennis" sehr früh begonnen, bereits Anfang Juli. "Katrina" ist nun extrem stark. Ist der Eindruck richtig, dass sich die Wirbelstürme häufen?

Mojib Latif: Es gibt diese Zunahme seit Anfang der 90er Jahre. Allerdings kann man daraus keine generelle Tendenz ablesen. Eine ähnliche Phase mit überdurchschnittlich vielen Wirbelstürme gab es auch schon Mitte des 20. Jahrhunderts.

Also kein Hinweis darauf, dass der menschengemachte Treibhauseffekt das Klimageschehen verändert?

Der Eindruck, dass die Schäden größer werden, trifft zu. Eine jüngst von US-Forschern veröffentlichte Studie zeigt, dass zwar nicht die Anzahl, aber die Zerstörungskraft der Hurrikane seit etwa 1930 zugenommen hat. Die Stürme leben länger und sind heftiger geworden. Hinzu kommt: Die Bebauung der betroffenen Gebiete ist dichter geworden. Es leben mehr Menschen dort, und die Werte, die zerstört werden, sind größer.

"Katrina" passt ins Bild?

Der aktuelle Hurrikan ist mit der doppelten Fläche Deutschlands nicht außergewöhnlich groß, aber die Windgeschwindigkeite waren mit bis zu 300 Stundenkilometer extrem. Er wurde damit zunächst in die höchste von fünf Kategorien eingestuft.

In Europa mit seiner Lage in den nördlichen Breiten treten Hurrikane zum Glück nicht auf. Doch auch hier gibt es Veränderungen im Klimaregime.

Einzelne Wetterelemente werden intensiver. Es gibt mehr Tornados, mehr Starkniederschläge, also auch Überschwemmungen - wie jetzt wieder in Bayern. Jahrhundertereignisse sozusagen im Zwei-Jahres-Takt.

Müssten die USA mehr für den Katastrophenschutz tun?

Ganz offensichtlich. Wenn eine Großstadt wie New Orleans wegen einer drohenden Flutwelle evakuiert werden muss, ist nicht genug Vorsorge getroffen worden. Die vorhandene Deiche hätten verstärkt und erhöht werden müssen. Es gibt zwar eine ganze Menge Schutzräume in der Stadt, aber die reichen für so viele Leute nicht aus.

Offenbar scheute man in New Orleans die Kosten der Deicherhöhung.

Leider scheuen die Verantwortlichen oft, für Katastrophen vorzusorgen, die statistisch extrem selten sind. Hier wird man in New Orleans nun sicher umdenken. Es steht ja zu befürchten, dass das angebliche Jahrhundertereignis wegen der globalen Erwärmung häufiger vorkommt.

Ärmere Länder in der Karibik wie Haiti oder Mexiko sind den Gefahren weitaus schutzloser als die reichen USA ausgeliefert.

Richtig. Dort gibt es kaum Evakuierungspläne, die Infrastruktur ist viel schlechter. Hier müsste die internationale Gemeinschaft mehr Unterstützung geben.

Auch die ökonomischen Folgen sind extrem, wenn ein Hurrikan eine Millionenstadt trifft.

Der Wiederaufbau dürfte auch in einem reichen Land wie den USA von der betroffenen Region nicht alleine zu schultern sein. Klar: Washington ist hier gefordert.

Der Rohölpreis kletterte auf neue Rekordhöhen - wegen der Gefahren für Förderanlagen im Golf von Mexiko, von wo die USA ein Viertel ihres Öls beziehen.

Das verweist auf das generelle Problem: Der Welt-Ölmarkt ist nervös, weil die Nachfrage zunehmend das Angebot überschreitet. Länder wie USA, China und Indien verbrauchen immer mehr Öl. So führen Probleme im Angebot, ob politische wie in Irak oder Naturkatastrophen zu Preis-Ausschlägen. Der Trend geht weiter nach oben.

All das spricht dafür, den Verbrauch fossiler Energien wie Öl und Kohle durch mehr Effizienz und erneuerbare Energien zu senken, um den Klimawandel zu bremsen.

Die Menschheit entscheidet darüber, ob die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um "nur" 1,5 Grad Celsius ansteigt oder sogar um fünf oder sechs Grad. Machen wir so weiter wie bisher, werden gewaltige Klimaveränderungen auf uns zu kommen. Wir haben es noch in der Hand, ob es so dramatisch wird oder nicht.

Gerade die USA blockieren bisher beim Klimaschutz. Nun soll ein freiwilliger Technologiepakt, dem auch Länder wie China und Indien beigetreten sind, die Wende bringen.

Dieser Pakt ist nur eine faule Ausrede. Washington sieht den Druck der Öffentlichkeit und gibt vor, etwas zu tun. Ohne feste Ziele, wie sie das Kyoto-Protokoll vorgibt, kommt der Klimaschutz nicht voran. Vielleicht beginnt mit "Katrina" in den USA das Umdenken.

Interview: Joachim Wille

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