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Israel und Iran

"Wir greifen an, um Angriffe zu verhindern"

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Der israelische Militärforscher Udi Dekel über den Konflikt mit Iran, die US-Botschaft und Provokateure aus der Türkei.

Herr Dekel, an diesem Montag wird in Jerusalem die US-Botschaft eröffnet. Bis jetzt ist es ruhig, nicht einmal US-Präsident Trump wird kommen. Ist die Ruhe besorgniserregend?
Die Eröffnung der US-Botschaft ist einfach nicht wichtig, nicht mehr. Es ist ja keine richtige Botschaftseröffnung. Der Botschafter verlegt einfach sein Büro von Tel Aviv nach Jerusalem, das war’s. Wichtig war die Anerkennung der USA Jerusalems als Hauptstadt Israels und alles, was dazu geführt hat. Jetzt ist die Entscheidung durch und man kann nichts mehr daran ändern.

Aber es könnte zu Protesten kommen.
Wir werden sehen, ich glaube nicht, dass es größere Probleme geben wird, nicht wegen der Botschaftseröffnung an sich. Allerdings findet in derselben Woche der Nakba-Tag statt, und der Marsch der Rückkehr der Palästinenser im Gazastreifen soll am Dienstag seinen Höhepunkt erreichen. Und Ende der Woche beginnt Ramadan. Natürlich kann es in dieser sensiblen Zeit zu Vorfällen kommen. Am Tempelberg Al Haram al Scharif zum Beispiel. Es gibt viele Akteure, die da mitmischen. Die Araber aus Ost-Jerusalem, die palästinensische Autonomiebehörde, die Vertreter der islamischen Bewegung hier in Israel, und in letzter Zeit schickt die Türkei viele Provokateure.

Die Türkei?
Ja, Muslime reisen als Besucher ein, um zu provozieren. Die letzten Ausschreitungen in Jerusalem im letzten Sommer an den Zugangskontrollen zum Tempelberg wurden über soziale Netzwerke von Istanbul aus organisiert. Es gibt auch israelische Gruppen, die zum Tempelberg wollen. Diese Verbindung – Tempelberg, US-Botschaft – könnte gefährlich werden. Zusätzlich zum Rückzug der USA aus dem Atomabkommen und der Situation im Norden des Landes. Es gibt derzeit sechs Ereignisse im Land, die alle gleichzeitig passieren. Manch einer sorgt sich, wir könnten die Kontrolle verlieren.

Reden wir über die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA, was ja auch im Interesse von Premier Netanjahu war. Wurden Sie in die Entscheidung einbezogen?
Mit Netanjahu haben wir hier im Institut eine Art Deal. Wir treffen uns regelmäßig mit ihm, einmal oder zweimal im Monat. Wir sagen ihm, was wir wissen und geben Empfehlungen. Wenn er es akzeptiert, reden wir nicht weiter darüber. Denn es reicht uns, wenn er unsere Erkenntnisse als Teil seiner Politik akzeptiert. Wenn nicht, dann veröffentlichen wir unsere Erkenntnisse.

Was haben Sie ihm zum Atomabkommen geraten?
Wir haben zu ihm gesagt: Natürlich ist das nicht das beste Abkommen, aber unserer Meinung nach ist es besser als die anderen Optionen. Es ging ja darum, es ganz aufzugeben oder es zu erhalten. Wir wollten es erhalten. Nun haben die USA das Abkommen aufgekündigt, aber Europa, Russland und China nicht. Wir müssen sehen, was passiert.

Was könnte passieren?
Der Iran hat drei Optionen. Sie spielen die Guten, um wirtschaftlich dafür belohnt zu werden. Das ist die erste Option. Die zweite: Sie fangen wieder an, Uran anzureichern und entwickeln das Atomprogramm weiter, um der Bombe näher zu kommen, überschreiten aber eine bestimmte Schwelle nicht, weil das zu riskant für sie ist. Die dritte Option ist, sie machen, was sie wollen und halten sich an gar keine Vorgaben mehr. Wir werden sehen, wie sie reagieren. Ich denke, auf kurze Sicht werden sie versuchen, sich gut darzustellen, zu sehen, ob es neue Sanktionen geben wird oder nicht. Das wiederum hängt davon ab, ob die USA europäische Länder bestraft, wenn sie weiter Handel mit dem Iran betreiben. Der Iran kann sich Zeit lassen. Für sie ist es wichtig, alle davon zu überzeugen, verantwortungsbewusst zu handeln. Während die Amerikaner das Problem sind, denn sie haben sich ja zurückgezogen. Wir sind in jedem Fall ein Problem für den Iran. Denn sie glauben, wir stecken hinter Trumps Plan.

Und – steckt Israel dahinter?
Nein, aus dem Abkommen auszusteigen, hat Trump schon vor den US-Wahlen angekündigt. Und für ihn ist wichtig, dass er seine Versprechen hält. Auch dann, wenn ihm Berater sagen, das ist keine gute Entscheidung oder keine gute Zeit, diese Entscheidung zu treffen. Das ist ihm egal. Wir können jetzt nur abwarten. Für Israel ist derzeit am wichtigsten, den Iran in Syrien unter Kontrolle zu bringen.

Hat der iranische Raketenangriff auf Israel mit Trumps Ausstieg zu tun?
Nein, der Iran hat schon vor längerem damit angefangen, Truppen in Syrien zu stationieren. Schon während des Kampfes um Aleppo musste Präsident Ruhani iranischen Familien erklären, warum ihre Angehörigen umgekommen sind. Er erklärte ihnen, dass er Aleppo vor Israel beschützen müsse. Der wahre Grund ist, sie wollen Krieg, aber nicht im eigenen Land. Deshalb haben sie erst die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon aufgerüstet und dann Stützpunkte in Syrien errichtet. Wir reden über 150.000 Marschflugkörper und Raketen, die die Hisbollah im Libanon hat. Sie wollen eine Landbrücke aufbauen. Vom Iran über den Irak, Syrien und Libanon bis zum Mittelmeer. Das ist eine große Gefahr für uns. Wenn wir wie beim Libanon-Krieg abwarten, was passiert, müssen wir mit Krieg rechnen. Deshalb spielen wir derzeit eine Art Spiel, und beide Seiten wollen nicht, dass aus dem Spiel Krieg wird.

Israel hatte den Angriff des Iran vorausgesagt. Woher war das bekannt?
Israel hat im Februar eine iranische Drohne abgeschossen, die mit Sprengstoff bestückt war, und später den Stützpunkt in Syrien zerstört, von dem sie gestartet war. Dabei wurden sieben Iraner getötet, darunter der Chef der Einheit. Der Angriff musste sein, weil das Frühwarnsystem Drohnen nicht erkennen kann und man nie weiß, woher sie kommen und von wem. Dafür wollten sich die Iraner rächen. Sie können sich so etwas nicht gefallen lassen. Es geht ihnen um Würde.

Aber der Iran weiß, dass Israel sich massiv wehrt, wie es jetzt geschehen ist. Warum wagen sie trotzdem einen Angriff?
Der Iran ist der einzige Staat hier im Nahen Osten, der uns vernichten will. Sie wollen, dass die Juden zurück nach Europa gehen. Natürlich sind sie nicht in der Lage, Israel zu zerstören. Vor allem jetzt nicht, da sie nicht über die nötigen Nuklearwaffen verfügen. Aber sie versuchen, Israel zu schwächen, von überall ein bisschen, damit wir es uns nicht zu gemütlich machen können. Sie unterstützen ja auch die Hamas, die nicht schiitisch sind, sondern eine Organisation der muslimischen Bruderschaft, und der islamische Dschihad in Gaza wird auch vom Iran unterstützt. Sie wollen, dass unser Militär sich an den Grenzen pausenlos in Bereitschaft halten muss. Denn dann können wir es nicht dafür einsetzen, Nuklearstützpunkte im Iran zu vernichten.

Wie gefährlich ist die Situation derzeit in Israel? Die Luftschutzbunker sind offen, man spürt die Nervosität in der Bevölkerung.
Wo wohnen Sie?

In Tel Aviv.
Tel Aviv ist sicher.

Woher wissen Sie das?
Der Iran hat kein Interesse, Tel Aviv anzugreifen. Sie interessieren sich für militärische Ziele.

Und woher wissen Sie das?
Das sind Geheimdienstinformationen.

Aber die Ziele könnten geändert werden.
Der Iran will keinen Krieg im eigenen Land. Sie wollen die anderen benutzen und ihren Einfluss erweitern. Es ist auch kein guter Zeitpunkt, um jetzt einen Krieg zu beginnen. Im Libanon muss nach den Wahlen eine neue Regierung und ein neues Parlament gebildet werden. Das wollen sie nicht behindern. In Syrien hat Trump angekündigt, seine Truppen abzuziehen. Das müssen sie abwarten, denn sonst würden die Amerikaner bleiben, und gegen die Amerikaner wollen sie nicht kämpfen. Deshalb haben sie derzeit kein Interesse an einer Eskalation. Auch Israel hat kein Interesse daran, weil wir unser friedliches Leben fortsetzen wollen. Aber wir müssen bereit sein. Es kann immer etwas passieren.

Wie zuverlässig sind die Abwehrsysteme in Israel?
Sehr gut. Aber sie sind keine Sicherheitsgarantie. Deshalb greifen wir an, um Angriffe zu verhindern.

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