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„Ich habe gewusst, dass das, was ich tue, richtig ist“, sagt Benjamin Ferencz, 100 Jahre alt – und bis heute ein leidenschaftlicher Streiter für den Frieden.

Ehemaliger Nazi-Chefankläger Ferencz über Nationalismus

„Wir glorifizieren seit Jahrhunderten den Krieg“

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Benjamin Ferencz führte als Chefankläger von 1947 an den Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg. Ein Gespräch über Nationalismus, Patriotismus und unvorstellbare Verbrechen.

Benjamin Ferencz war gerade 27 Jahre alt, als er 1947 damit betraut wurde, als Hauptankläger im Nachfolgeprozess zu den Nürnberger Prozessen die Verbrechen der SS-Einsatztruppen aufzuklären, die in Polen und der Ukraine Hunderttausende von Juden ermordet hatten. In seiner späteren Laufbahn hat Ferencz maßgeblich an der Gründung des internationalen Strafgerichtshofes ICC in New York mitgewirkt. Heute ist Ferencz 100 Jahre alt, voller Energie – und hält auch in Zeiten der Pandemie das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs hoch.

Herr Ferencz. wie geht es Ihnen?

Ich kann Ihnen diese Frage für heute noch nicht beantworten. Ich mache gewöhnlich jeden Morgen 101 Liegestütze, für jedes meiner Lebensjahre eine. Danach kann ich dann sagen, wie es mir geht. Heute bin ich noch nicht dazu gekommen, Sie halten mich davon ab.

Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?

Ja, und zwar ganz genau. Ich war in Berchtesgaden. Ich habe ja damals schon für die US-Armee Kriegsverbrechen verfolgt und wir haben im Berghof Aktenschränke sichergestellt, nachdem die 101ste Luftlandetruppe Berchtesgaden eingenommen hatte.

Wie haben Sie den 8.Mai 1945 erlebt?

Wir wussten ja schon einige Wochen vorher, dass die Deutschen kapitulieren würden. Es gab in unserer Einheit deshalb keine großen Feiern. Wir wollten alle nur so schnell wie möglich nach Hause.

Ihre Tätigkeit in Berchtesgaden hatte aber noch nichts mit Ihrem späteren Posten als Chefankläger bei den Nachfolgeprozessen zum Nürnberger Prozess zu tun.

Nein, ich war damals noch ein ganz normaler Feldwebel der Armee. Durch mein Jurastudium und meine Spezialisierung in Kriegsrecht hatte man mich allerdings damit betraut, Kriegsverbrechen zu untersuchen. Im Herbst 1945 bin ich aber erst einmal nach New York zurückgegangen und im Dezember ganz normal aus der Armee entlassen worden. Ich hatte damals keine Absicht, je wieder nach Deutschland zurück zu kehren.

Und kehrten bereits zwei Jahre später doch zurück...

Das Pentagon hat Juristen gesucht, um die Nachfolgeprozesse zu den Nürnberger Prozessen vorzubereiten. Und mein Professor in Harvard, Sheldon Glueck, hat mich wohl empfohlen. Ich war ja auch in einer perfekten Position dazu, diesen Posten zu bekleiden: Ich war als Investigateur von Kriegsverbrechen bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei, um dort Unterlagen sicherzustellen. Ich hatte Material, um mehr als 3000 Nazi-Verbrecher anzuklagen.

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von den Konzentrationslagern gehört?

Ich habe schon als Jura-Student in Harvard davon gehört, wo ich 1943 meinen Abschluss gemacht habe. Sheldon Glueck war Mitglied einer internationalen Kommission von Juristen, die in London Beweise für Kriegsverbrechen sammelten. Außerdem haben die Deutschen ja kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie die Juden vernichten wollen.

Der breiten amerikanischen Öffentlichkeit war das Ausmaß der Judenverfolgung aber vor dem Kriegsende nicht bekannt.

Jeder, der es wissen wollte, konnte es wissen. Die New York Times hat sogar darüber berichtet.

Aber als Sie es dann mit eigenen Augen gesehen haben, war es dennoch ein Schock.

Die Nürnberger Prozesse endeten 1946 – Ferencz war 1947 und 1948 für den neunten von insgesamt zwölf Folgeprozessen zuständig. 

Es war unvorstellbar. Es ist für mich bis heute unvorstellbar. Der Boden war mit Leichen übersät. Einige unter ihnen waren noch am Leben und haben uns mit den Augen angefleht, ihnen zu helfen. Das Krematorium lief noch, es gab Berge von bis aufs Skelett heruntergehungerten Menschen davor. Ich hatte Schokolade in der Tasche und wollte den überlebenden Häftlingen die Schokolade geben, aber die Sanitäter haben uns gewarnt, dass sie sterben, wenn sie die Schokolade essen.

Wie sind Sie damals mit diesen Eindrücken zurechtgekommen?

Man musste sich einreden, dass das nicht wirklich ist. Und dann habe ich mich einfach auf meinen Job konzentriert. Ich war da, um Beweise für Kriegsverbrechen zu sammeln. Also habe ich nach Akten gesucht und sie sichergestellt. Zum Glück waren die Deutschen ja sehr ordentlich und haben genau aufgeschrieben, wie viele Menschen sie ermordet haben.

Die Unterlagen wurden dann später in den Nürnberger Prozessen verwendet?

Nein, es gab ja lange vor den Nürnberger Prozessen in München Kriegsverbrecher-Prozesse durch die US-Armee. Wir haben sie die Lager-Prozesse genannt, die Angeklagten waren die Offiziere, welche die Lager kommandiert haben.

Was war die juristische Grundlage für diese Prozesse?

Das Militärgesetz. Die Ankläger und die Richter waren US-Offiziere. Sie haben die Anklage verlesen – meist Folter und Mord von Kriegsgefangenen. Dann haben sie gefragt, ob die Angeklagten sich schuldig oder nicht schuldig bekennen. Meistens haben sie „nicht schuldig“ gesagt. Dann hat man die Beweismittel vorgelegt – Akten mit Unterschriften – und das Urteil wurde verlesen: In der Regel Tod durch Erhängen. Es waren schnelle Verfahren, schnelle Urteile und sie wurden schnell wieder vergessen, weil die Nürnberger Prozesse dann alle Schlagzeilen bekamen.

In Ihrem Eröffnungsplädoyer in Nürnberg haben Sie gesagt, dass es nicht um Rache gehe, sondern darum, durch internationale Gerichtsbarkeit das Menschenrecht zu garantieren, unabhängig von Rassen- oder Glaubenszugehörigkeit in Frieden und Würde zu leben. Hatten Sie, nachdem Sie im Konzentrationslager waren, nie das Bedürfnis nach Rache?

Es ist ja eine ganze Zeit vergangen zwischen der Befreiung der KZs und dem Beginn des Tribunals. Das Tribunal begann erst 1947. Es ging uns damals darum, ganz unmissverständlich klar zu machen, dass das Recht auf einen fairen Prozess ein Menschenrecht ist, das keine Ausnahmen kennt.

Dieser tiefe Glaube an den Rechtsgrundsatz, woher kommt der bei Ihnen?

Das ist doch einfach nur gesunder Menschenverstand. Wenn Sie einen Streit mit Ihrem Nachbarn haben, aber kein Gericht, zu dem Sie gehen können – wie wollen Sie diesen Streit beilegen? Und wenn beide Parteien überzeugt sind, dass sie im Recht sind und bereit sind dafür zu sterben – ich rede etwa von Religion oder von Nationalismus – was machen Sie dann? Deshalb war es für mich immer wichtig, dass wir eine international verbindliche Gerichtsbarkeit schaffen. Es gibt dazu keine Alternative.

War es eine Überlegung damals, dass ein fairer Prozess gegen die Nazi-Verbrecher wichtig ist, um in Deutschland einen demokratischen Rechtsstaat zu errichten?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand damals daran gedacht hat, wie die deutsche Gesellschaft aussehen soll. Churchill und Roosevelt wollten den Deutschen signalisieren, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Sonst nichts. Es sollte Gerechtigkeit walten.

Sie waren damals 27 Jahre alt und hatten keine Prozess-Erfahrung. Woher haben Sie das Selbstbewusstsein genommen, einen solchen Prozess zu führen?

Ferencz während einer Ehrung 2015 in New York. 

Ich habe gewusst, dass das, was ich tue, richtig ist, daraus habe ich mein Selbstbewusstsein gezogen. Ich war in den Lagern gewesen, ich hatte mit eigenen Augen gesehen, was dort geschehen ist. Ich habe damals Telford Taylor, dem Ankläger in Nürnberg gesagt, ich habe handfeste Beweise für den Massenmord an Millionen von Menschen, wir können diese Leute nicht laufen lassen. Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich mir das zutraue. Und ich habe Ja gesagt – ohne mit der Wimper zu zucken.

Wie war damals Ihr persönlicher Eindruck von den Angeklagten?

Ich musste mir aus 3000 Fällen 22 aussuchen, weil wir nicht mehr Kapazitäten für einen Prozess hatten. Ich habe mir deshalb die obersten Entscheidungsträger ausgesucht. Viele von ihnen waren hochgebildet und kultiviert. Ich erinnere mich an Dr. Dr. Rasch, der in Babi Yar 32 000 Menschen in zwei Tagen hatte töten lassen. Oder Dr. Otto Ohlendorf, SS-General, dessen Einheit unter seinem Kommando mindestens 70 000 Menschen ermordet hatte. Er hatte fünf Kinder, war gut aussehend, gebildet und hatte durchaus humanistische Impulse. Er hat die Hinrichtung mit Auspuffgasen in Lastwagen untersagt, weil er das unmenschlich fand. Ich bin vor seiner Hinrichtung zu ihm gegangen und habe ihn gefragt, ob er etwas braucht oder ob er etwas los werden möchte. Dann fing er damit an, dass das alles zur Verteidigung des deutschen Volkes notwendig gewesen wäre. Ich habe mir das eine Minute angehört und habe mich dann verabschiedet. Seine Motivation war das, was alle Menschen in den Krieg treibt – Nationalismus.

Die Banalität des Bösen...

Ohlendorf war ein Gentleman, aber eben ein Gentleman, der 70 000 Menschen töten ließ. Die Begegnung hat mich gelehrt, dass im Krieg jeder zum Massenmörder werden kann. Das Problem ist der Krieg. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Menschheit aufhören muss, Kriege zu führen. Leider glorifizieren wir seit Jahrhunderten den Krieg. Meine ganzen Einsatzgruppen-Jungs, wie ich sie nenne, waren im normalen Leben anständige Leute, wie es sie in jedem Land gibt. Es gab noch nie einen Krieg ohne Kriegsverbrechen.

Es war Ihr Lebenswerk, die Grundlage für den ICC, den internationalen Strafgerichtshof zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu legen, der 1998 ins Leben gerufen wurde.

Das war ein großer Moment für mich. Ich bin Kriegsveteran, ich habe die Schrecken des Krieges gesehen. Ich war sehr geehrt, als sie den Internationalen Strafgerichtshof eröffnet haben und ich das Schlussplädoyer für den ersten Fall vor dem ICC halten durfte. Ich habe dieselbe Formulierung gebraucht, wie damals, 1947 als 27-Jähriger. Ich habe gesagt, dass dies ein Appell der Menschlichkeit an das Gesetz ist. Das war vor fünf Jahren, ich war damals 96. Es hat eine Weile gedauert.

Die USA haben sich von Anfang an geweigert, dem ICC beizutreten.

Ich finde das ganz fürchterlich. Wir müssen endlich auch in Amerika begreifen, dass wir alle Bewohner desselben Planeten sind. Wir sind alle eine Familie. Und es ist nicht schwer, die Ressourcen dieses Planeten so zu verteilen, dass wir alle in Frieden und Würde leben können. Das gelingt allerdings nur, wenn wir aufhören, jeden Tag Milliarden für die Rüstung auszugeben. Die Vereinigten Staaten lügen die amerikanische Öffentlichkeit seit vielen Jahren bewusst an, was ihre Opposition gegen die internationale Gerichtsbarkeit angeht.

Warum?

Das war von Anfang an politisch motiviert. Es geht hier immer nur darum, die rechte Minderheit zu befrieden, die den ganzen Tag schreit, „Wir sind die Größten, wir werden immer die Größten sein, und wenn sich uns jemand in den Weg stellt, den bringen wir um“. Das war schon unter Clinton so, ist unter Bush nicht besser geworden – und jetzt ist es ganz schlimm.

Sie stehen dem Isolationismus der gegenwärtigen Regierung also kritisch gegenüber?

Absolut! Die USA behalten sich das Recht vor, ungestraft unschuldige Menschen zu töten – und das ist eine gefährliche Politik. Wenn wir das ganze Geld, das wir für Rüstung ausgeben, dafür ausgeben würden, uns um die Alten, Kranken und Schwachen zu kümmern, dann würden wir gar nicht erst die Art von Verzweiflung erzeugen, die zu dem führt, was wir Terrorismus nennen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein stolzer amerikanischer Patriot. Aber ich bin auch ein stolzer Bürger der Welt. Ich würde es gerne erleben, dass der Präsident seine Reden nicht nur mit „Gott schütze Amerika“ beschließt, sondern anfügt „und den Rest der Welt“.

Interview: Sebastian Moll

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