Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Palästina

„Wir gehen hier nicht weg“: Eine Siedlung sorgt für neue Konflikte im Westjordanland

  • VonMaria Sterkl
    schließen

Eine jüdische Siedlungsbewegung hat einen Hügel im Westjordanland besetzt. Mehr als zweihundert Menschen leben nun in Eviatar – und werden vom Militär geschützt.

Westjordanland – Wo vor zwei Monaten Ziegen grasten, stehen jetzt Straßenschilder. „Jerusalem-Boulevard“ und „Zion-Straße“, pompöse Namen für das bisschen hingeschütteten Asphalt, der ein paar Meter weiter im Sand verläuft. Eine Bushaltestelle am Rand der Siedlung verkündet, dass hier die Linie 161 hält, doch kein Bus bleibt hier stehen. Alles ist Pose, auf einem Hügel im nördlichen Westjordanland. Vor rund sechs Wochen ließen sich hier radikale jüdische Siedler:innen nieder. Sie nennen die Siedlung „Eviatar“. Es ist nicht das erste Mal, dass Siedler:innen dort ihre Zelte und Wohnwagen aufstellen, eine israelische Fahne hissen und behaupten, dass das nun ihr Grundstück sei. Doch bis jetzt wurden sie immer geräumt.

Diesmal könnte es anders sein. Die Siedler:innen machten ernst, mobilisierten über zweihundert Menschen, die hier nun in Fertigteilhäusern leben. Dass Israels Regierung mit Räumung drohte, hielt sie nicht davon ab, Straßen zu bauen, Bäume zu pflanzen, einen Kindergarten und eine Synagoge zu eröffnen. „Wir gehen hier nicht weg“, sagt die 21-jährige Schachar. Sie ist im vierten Monat schwanger und überzeugt, „dass unser Kind hier aufwachsen wird“.

So klein Eviatar auf der Landkarte ist, so groß ist seine Sprengkraft für die neue Regierung.

Neue Konflikte im Westjordanland: Isreaels Armee hat einen Checkpoint errichtet

Die Palästinenser:innen in den Dörfern und Städten rund um Eviatar wiederum haben keinen Zweifel, dass das Gebiet ihren Kindern und Enkel:innen gehören wird. Fast jede Nacht demonstrieren sie gegen die Siedler:innen, marschieren mit Fackeln auf. Tagsüber verbrennen sie Autoreifen, um die Siedler:innen mit Abgasen zu vertreiben.

Am Eingang zu Eviatar hat die israelische Armee einen Checkpoint errichtet. Steuerzahler:innen in Israel, egal ob Ultraorthodoxe oder arabische Israelis, zahlen für den Schutz der Siedler:innen. Bei den Krawallen der vergangenen Wochen kamen sechs Menschen zu Tode. Alle waren Palästinenser:innen. „Ich habe keine Angst um unsere Sicherheit“, sagt Schachar, die zuvor in einem Vorort von Tel Aviv gewohnt hat. „Das Militär bewacht uns.“

Konflikt um jüdische Siedlung im Westjordanland ist Test für die neue Regierung in Israel

Es sind keine jungen Anarchos oder Hippies, die hier Landbesetzung spielen. Es sind Kolonialist:innen, die verhindern wollen, dass die Palästinenser:innen je einen eigenen Staat gründen. „Die Bibel sagt uns, dass das unser Land ist“, sagt Danielle Weiss. Die 75-Jährige ist eine der zentralen Figuren der Siedlungsbewegung. Eviatar ist ihr Werk. In wenigen Tagen hatte ihre Organisation Nahala über 200.000 Euro per Crowdfunding für die Besetzung gesammelt. „Eviatar ist ein Testballon“, sagt Weiss.

Es ist vor allem ein Test für die neue Regierung. Ministerpräsident Naftali Bennett war einst selbst Siedlungslobbyist. Um an der Macht bleiben zu können, ist er aber auf alle acht Koalitionsparteien angewiesen, darunter auch israelische Palästinenser:innen und Linke. Zum Amtsantritt hatte Bennett betont, die Regierung werde sich „auf Gemeinsamkeiten besinnen“ und große Streitfragen umgehen. So klein Eviatar auf der Landkarte ist, so groß ist seine Sprengkraft für die Regierung. Das ist auch der Delegation von Männern in schwarzen Hosen und weißen Hemden bewusst, die Eviatar besucht. Die gesamte Fraktion der ultraorthodoxen Shas-Partei ist gekommen, um vor Kameras ihre Solidarität mit den Siedler:innen zu demonstrieren.

Jüdische Siedlung Eviatar im Westjordanland: Unterstützung der rechtsextremen Partei Israels

Während die Parlamentarier ihre Sätze aufsagen, bringt ein Reisebus neue Verstärkung nach Eviatar. Einige Dutzend weibliche Teenager springen aus dem Bus, schultern ihre Rucksäcke. Sie beginnen ihre Schulferien mit einem Arbeitsaufenthalt in Eviatar. „Wir tun es, um unser Volk zu verteidigen“, sagt eine 16-Jährige. Den Palästinenser:innen gehe es doch nur darum, die Juden aus Israel zu vertreiben. Das einzige Gegenmittel sei entschlossene Siedlungspolitik: Jeder zusätzliche Quadratmeter, der jüdisch besiedelt ist, bringe mehr Sicherheit für jene Juden, die schon hier leben. Die 16-Jährige redet sich in Rage, bis sie von einer Aufseherin unterbrochen wird: „Zvi Sukkot will nicht, dass du mit Journalisten sprichst.“

Zvi Sukkot ist der Sprecher von Eviatar und Generalsekretär der rechtsextremen Partei „Jüdische Selbstbestimmung“. Die Partei hatte gehofft, einer Regierung unter Ex-Premier Benjamin Netanjahu anzugehören, doch Netanjahu brachte keine Koalition zustande. Dennoch fühlen sich die Rechtsextremen gestärkt, geben die Hoffnung auf Regierungsmacht nicht auf. Auch für sie ist Eviatar eine Art Testlauf.

Duldung der jüdischen Siedler im Westjordanland könnte Eskalation in Israel bewirken

Noch gilt der Räumungsbescheid gegen die Siedler:innen. Sie einfach zu dulden, könnte die ganze Region in eine Eskalation stürzen, befürchten ranghohe Militärs. Ob ihre Mahnungen gehört werden, ist fraglich. Ein Kompromissvorschlag der Regierung, der an die Medien geleakt wurde, sieht zwar vorerst einen Abzug der Siedler:innen vor. Ihre Häuser würden aber stehen bleiben, das Militär würde hier eine Basis errichten – und damit den Palästinenser:innen endgültig den Zugriff auf das Land entziehen.

Bennett hat Berichte über den Kompromiss nicht bestätigt, noch sei „nichts finalisiert“. Die Siedler:innen sind aber hoffnungsfroh. „Wir beten, dass Gott Bennett einen guten Geist schenkt“, sagt Schachar, bevor sie sich in ihrem notdürftig eingerichteten Fertigteilhaus auf das Sofa fallen lässt. Einen Backofen hat sie schon übersiedelt. Er muss nur noch angeschlossen werden. (Maria Sterkl)

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare