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Ukraine-Krieg: „Wir fühlen uns im Stich gelassen“

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Von: Sebastian Moll

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„Wir kommen kaum noch nach“, sagt der Besitzer des „Veselka“ in New York City.
„Wir kommen kaum noch nach“, sagt der Besitzer des „Veselka“ in New York City. © IMAGO/Levine-Roberts

Ein Restaurantbesitzer aus New York ist zur Stimme der Ukraine in den USA geworden. Er bietet eine Anlaufstelle für Auswanderer.

New York – Das „Veselka“ an der Ecke Ninth Street und Second Avenue ist eigentlich immer gut besucht, das ukrainische Restaurant, das hausgemachte Blintzen und Piroggen serviert, zählt seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Etablissements im südlichen Manhattan. Doch einen Andrang wie in den vergangenen Tagen hat Besitzer Jason Birchard noch nie erlebt.

„Es ist wirklich verrückt“, sagt der groß gewachsene Mittfünziger, unter dessen weißer Schürze ein Hemd mit traditionellen ukrainischen Stickereien hervorlugt. Dabei nickt er zur Straße hin, wo an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmittag die Menschen um das halbe Karree Schlange stehen. „Wir kommen kaum noch nach“, sagt Birchard, in dessen offener Küche fünf Angestellte Schulter an Schulter fieberhaft Teigtaschen kneten und falten. Neben den Restaurantgästen haben sie Bestellungen aus ganz New York zu bedienen. „Jede Firma in Midtown möchte im Moment für ihre Partys ukrainische Spezialitäten“, sagt Birchard. So hat sich für das „Veselka“, zu Deutsch „Regenbogen“, Putins Invasion bislang gelohnt.

Krieg in der Ukraine: Bichards spendet an das ukrainische Verteidigungsministerium

Doch das Gros des Geldsegens bleibt nicht in dem Familienunternehmen, das Birchard in dritter Generation hier in der Nachbarschaft führt, die einst auch „Little Ukraine“ genannt wurde. Birchard spendet großzügig in diesen Tagen, an das ukrainische Verteidigungsministerium, an humanitäre Hilfsorganisationen und auch direkt an die Angehörigen von Angestellten, die noch immer in Kiew und Lwiw und in kleineren Gemeinden im Westen der Ukraine festsitzen.

Es ist das Mindeste, was er tun kann, findet Birchard, während er nervös und angespannt an einem schwarzen Kaffee nippt. Am liebsten wäre er längst in Kiew, sagt er, hätte ein Sturmgewehr in der Hand und würde die Heimat seiner Vorfahren verteidigen. Alleine seine Angestellten und seine Familie halten ihn bislang zurück und versuchen ihn jeden Tag aufs Neue davon zu überzeugen, dass er von hier aus viel mehr ausrichten kann.

Jason Birchards Vorfahren stammen aus der Westukraine.
Jason Birchards Vorfahren stammen aus der Westukraine. © Sebastian Moll.

Der Krieg in der Ukraine geht Birchard unter die Haut und das nicht alleine, weil seine Mutter Ukrainerin war. „Mein Großvater Wolodomyr Darmochwal ist vor Stalin geflohen, weil er ein ukrainischer Patriot war“, sagt Birchard und kämpft dabei mit den Tränen.

Dann läuft er hinüber an die Ecke seines Lokals hinter der Kasse und holt ein sepiafarbenes Foto von der Wand. Darauf zu sehen ist ein Mann in einem weißen Kittel, der Jason zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Bild stammt aus dem Jahr 1954, und der Mann steht an der Ecke zur Second Avenue, nur Meter von dem Tisch entfernt, an dem wir sitzen. Vor ihm steht ein hüfthoher Stapel Zeitungen, im Hintergrund ist in amerikanischer und kyrillischer Schrift zu lesen: „Veselka – Zeitungen, Zigaretten, Süßigkeiten, Sandwiches“.

Vorfahren 1948 aus der Sowjetunion ausgereist

Darmochwal hatte den Eckladen zwei Jahre zuvor gegründet, die ukrainische Pfadfindervereinigung Plast, der bis heute das Gebäude gehört, hatte ihm einen kleinen Eckraum verpachtet. Dort gab es neben Kaugummi und Zigaretten schon damals hausgemachte Borscht und Piroggen.

Darmochwal hatte 1948 seinen Bauernhof im Westen der Ukraine zurückgelassen, als nach der Befreiung von den Nazis klar wurde, dass es eine freie und unabhängige Ukraine nicht geben würde. Nach einem Umweg über Philadelphia, wo er in einer Brauerei den Boden fegte, war er hier in New York gelandet.

Das Viertel hieß lange „Little Ukraine“

Das Viertel zwischen der vierten und der 14. Straße sowie der Third Avenue und der Avenue A hieß damals schon „Little Ukraine“. Nach dem Exodus der deutschen Einwanderer:innen aus der Gegend um die Jahrhundertwende hatte ein stetiger Zustrom aus Polen und der Ukraine die Gegend geprägt. Unmittelbar nach dem Krieg, als Wolodomyr hierherkam, erreichte der Zuzug seinen Höhepunkt. Rund 60.000 Ukrainer:innen lebten damals im Kiez. Jason wurde zwar erst Mitte der 60er Jahre hier geboren, als das Viertel immer mehr von den Beatniks und den Hippies übernommen wurde und die polnische und ukrainische Minderheit an den Rand gedrängt wurde. Doch er kann sich noch daran erinnern, wie es war, als entlang der Second Avenue eine ukrainische Metzgerei an der anderen lag, als auf der Straße noch Ukrainisch gesprochen wurde und am Sonntag das gesamte Viertel zum Gottesdienst in die St. George Ukrainian Catholic Church mit ihren prachtvollen goldenen Mosaiken ging.

Jason selbst hat nie Ukrainisch sprechen gelernt, er lebte nach der Trennung seiner Eltern mit seinem amerikanischen Vater zusammen. Seine Verbindung zur Ukraine war statt der Sprache immer das Essen, die Butterbrötchen mit karamellisierten Zwiebeln etwa, die seine ukrainische Großmutter immer für ihn gemacht hat, und natürlich ihre Pierogi und Varynyki. Heute ist das „Veselka“ eines der letzten sichtbaren Überbleibsel jener Zeit, zusammen mit der Metzgerei Bazynsky gegenüber, die Birchard seine Kielbasas, also Würstchen, liefert. Die letzten ihrer Konkurrenten, das „Kiew“ ein paar Straßen weiter und das „Odessa“ am Tompkins Square mussten durch die Pandemie schließen.

„Veselka“ ist eine Anlaufstelle für Auswanderer aus der Ukraine

Der Grund dafür, dass das „Veselka“ überlebt hat, ist, dass Birchard immer mit der Zeit gegangen ist. Er hat sie immer alle willkommen geheißen in seinem Lokal, die Beatniks, die Hippies und die Punks, die Studierenden der nahe gelegenen New York University und in den vergangenen 15 Jahren die Yuppies, die das East Village im neuen Jahrtausend für sich endeckten. Er hat ihnen ein Ambiente geschaffen, in dem sie sich wohlfühlen und der Marke seines Vaters und Großvaters gemäß frische ukrainische Hausmannskost zu bezahlbaren Preisen geboten.

So wurde das „Veselka“ auch der Anker in New York für die neueste, die sogenannte vierte Welle an ukrainischen Einwanderern, junge Menschen, die nach 1990 in einer freien Ukraine aufgewachsen sind und die es in die USA zog. Birchard hat ihnen immer, wenn es ging, im „Veselka“ einen Job verschafft, ihnen bei der Wohnungssuche und mit den Papieren geholfen.

Ukraine-Krieg: „Fühlen uns im Stich gelassen“

Jetzt, in der Krise, stellt sich Jason Birchard väterlich vor die jungen Mitarbeiter:innen, von denen viele enge Angehörige in der Ukraine haben. Er schirmt sie vor den vielen Medienanfragen ab, die alle wissen wollen, wie es ihnen geht und wie es ihren Angehörigen geht. So ergreift lieber er das Wort und spricht seit Tagen unermüdlich in die Kameras und Mikrofone.

Birchard ist zu so etwas wie der Stimme der ukrainischen Amerikaner:innen geworden: „Ich kann es nicht anders sagen“, sagt er traurig. „Aber wir fühlen uns von den USA und von der internationalen Staatengemeinschaft im Stich gelassen.“ Natürlich begreift er die Gefahren einer offenen Konfrontation der USA und der Nato mit Wladimir Putin. Und doch bricht es ihm das Herz, wenn er sieht, wie Frauen in Kiew Molotowcocktails basteln müssen. Und während er das sagt, möchte er schon wieder am liebsten in das Flugzeug steigen und sich in der alten Heimat dem Partisanenkampf anschließen. (Sebastian Moll)

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