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Auch am 22. August demonstrierten noch Menschen in Moskau gegen den Putschversuch.
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Auch am 22. August demonstrierten noch Menschen in Moskau gegen den Putschversuch.

Russland

An diesem Tag, 1991: Tausende protestierten gegen Putsch in Moskau

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Vor 30 Jahren versuchten Putschisten, die Demokratisierung in Russland zu verhindern. Andrei Subow ist einer der Menschen, an deren Widerstand der Putsch scheiterte.

Moskau/Frankfurt - Vor 30 Jahren versuchten Putschisten in Moskau, die Demokratisierung des Landes zu verhindern. Der Historiker Andrei Subow ist einer der Menschen, an deren Widerstand der Putsch scheiterte.

Herr Subow, Sie gehörten zu den Tausenden Moskauern, die sich vor 30 Jahren vor dem Weißen Haus, dem damaligen russischen Parlament, versammelt hatten, um es gegen die Putschisten zu verteidigen. Wie war die Stimmung?

Wir sahen, wie Panzer auf den Straßen und Brücken um das Gebäude zusammengezogen wurden und Offiziersschüler der Luftlandedivision aus Tula in Stellung gingen. Das war keine Show, keine Performance, alle erwarteten einen Sturmangriff. Die Leute verstanden, dass es der letzte Tag in ihrem Leben sein konnte. Wir wussten, was das war, die Sowjetunion, wir hatten nicht vergessen, wie 1962 die Demonstranten in Nowotscherkassk zusammengeschossen worden waren. Aber die Nacht blieb ruhig, morgens hing weiter die russische Trikolore über dem Weißen Haus, wir empfanden das als großes Glück.

August-Putsch 1991 in Russland: Willensstärke der Junta nicht besonders groß

Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie siegen würden?

In der nächsten Nacht wurden noch mehrere junge Leute von Schützenpanzern totgefahren. Aber es gab wieder keinen Sturm, die Truppen fingen an, sich zurückzuziehen. Es wurde offensichtlich, dass der Putsch gescheitert war.

Woran?

Die Willensstärke der Junta war nicht besonders groß. Wir alle sahen im Fernsehen, wie ihrem Vorsitzenden Gennadi Janajew bei seiner Pressekonferenz die Hände zitterten. Und die Marschälle der Armee weigerten sich, auf das Volk zu schießen. Ich weiß von meinem Vetter Jewgeni Sewastjanow, der später die Leitung des KGB übernahm, dass KGB-Chef Wladimir Krjutschkow 30 hohe Offiziere versammelt hatte. Er forderte sie auf, strategisch wichtige Gebäude zu besetzen, dabei wenn nötig von der Waffe Gebrauch zu machen. Aber von 30 wollten nur zwei mitmachen.

30 Jahre nach dem August-Putsch in Russland herrscht eine Diktatur unter Wladimir Putin

Nach dem Sieg gegen die Putschisten feierten Hunderttausende in Moskau die Freiheit. Jetzt herrscht eine Diktatur unter dem Ex-KGBler Wladimir Putin. Was ist schiefgelaufen?

Wir hatten 1991 keine alternative Elite wie Polen, Tschechen oder die Balten, es gab nur Andrei Sacharow und ein paar Dissidenten. Aber sie stellten keine Bewegung dar, die die Entkommunisierung hätte stützen können. Andere Osteuropäer orientierten sich an ihrer Geschichte, strebten nach der unabhängigen Republik Estland von vor 1940 oder nach der Tschechoslowakei unter ihrem Gründer Tomáš Masaryk. Bei uns dachte fast niemand an das Russland vor den Bolschewisten zurück, an die Demokratie unter der Provisorischen Regierung 1917 oder an die Monarchie. Vergangenheit bedeutete ausschließlich Sowjetunion und Kommunismus, darum gab es keine Lustration der Partei- und Staatsfunktionäre, keiner dachte an Eigentum als verfassungsmäßiges Recht.

Andrei Zubow, 69, ist Historiker, Politologe und Theologe. Bis 2014 war er Professor am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen.

Auch Boris Jelzin, der siegreiche Anführer des Widerstandes, war ein alter Parteikader. Aber er glaubte an die Demokratie.

Er war Antikommunist, seine Eltern waren als „Kulaken“ enteignet und verfolgt worden, er mochte die Sowjetmacht nicht. Wie Gorbatschow schätzte er die Freiheit. Man muss ihm seinen Mut im August sehr hoch anrechnen, aber ihm fehlte sowohl Bildung wie politisches Genie. Nach dem unerwarteten Sieg über die Putschisten verschwand er zwei Monate, eine wichtige Zeit, in der er viel hätte tun können. Aber offenbar wusste er nicht, was er tun sollte. Und seine Berater Anatoli Tschubais oder Jegor Gaidar haben es ihm auch später nicht gesagt.

Der August-Putsch 1991

Am 19. August 1991 um sechs Uhr morgens verkündete das Radio in Moskau und der gesamten UdSSR den Staatsstreich: Präsident Michail Gorbatschow sei erkrankt, ein Staatskomitee für den Ausnahmezustand unter Führung von Vizepräsident Gennadi Janajew habe die Kontrolle über das Land übernommen. Es gelte die extremistischen Kräfte aufzuhalten, die Kurs auf die Liquidation der Sowjetunion genommen hätten.

Die Putschisten , darunter Premierminister Valentin Pawlow, Verteidigungsminister Dmitri Jasow und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, ließen Gorbatschow in seinem Urlaubssitz Foros auf der Krim isolieren. In Moskau marschierten Truppen auf. Das offensichtliche Ziel war es, den neuen Unionsvertrag zu verhindern, den Gorbatschow schon am nächsten Tag zusammen mit den Chefs mehrerer Sowjetrepubliken unterzeichnen wollte. Aber dahinter stand der Wunsch eines Großteils des Staatsapparats, die Vorherrschaft der kommunistischen Partei und die alte Planwirtschaft zu retten.

In Moskau und Sankt Petersburg gingen Zehntausende auf die Straße, verbarrikadierten auch das Weiße Haus in Moskau mit Trolleybussen und Holzverschlägen. Mehrere Armee-Einheiten liefen zu den Aufständischen über.

Boris Jelzin , der Präsident der Russische Föderativen Sowjetrepublik, kletterte vor dem Weißen Haus auf einen Panzer und erklärte die Putschisten und ihr Vorgehen für illegal. Auch die KGB-Eliteeinheit Alfa weigerte sich, das Weiße Haus zu stürmen.

Am Morgen des 21. August zogen die entnervten Umstürzler die Truppen aus Moskau ab, ihr Umsturz war gescheitert. Am nächsten Tag kehrte Gorbatschow nach Moskau zurück, die Führer des Putsches wurden verhaftet.

Aber mit der Sowjetregierung verlor auch Gorbatschow seine Macht, die Unionsrepubliken erklärten sich reihenweise für unabhängig, im Dezember endete auch die offizielle Existenz der UdSSR. ssc

Warum Jelzin am Ende Wladimir Putin ernannt hat

Immerhin wurde Russland Marktwirtschaft.

Man schob die riesige Eigentumsmasse der Sowjetunion in die geschicktesten Hände. Ein kleiner Teil der Leute wurde enorm reich, die Mehrheit aber bekam nichts. Sicher, die Intelligenzija erhielt Freiheit, aber die meisten Leute schätzen materielle Dinge mehr. Sie wurden nach 1991 noch ärmer, als sie es in der Sowjetunion waren, begannen, das neue demokratische Regime zu hassen. Die Elite aber fürchtete, ihren illegalen Reichtum zu verlieren und träumte von einem autoritären starken Hand, die ihr Eigentum schützte. Deshalb hat Boris Jelzin am Ende auf Bitte seiner Familie und des Milliardärs Boris Beresowski Wladimir Putin ernannt, statt seinen Nachfolger frei zu wählen zu lassen.

1991 kämpften die Sowjetmenschen wie freie Bürger für ihre Rechte. Jetzt wirken die Russen wieder wie Sowjetmenschen, dem Staat gegenüber gehorsam und extrem duldsam.

Nein, die Sowjetmenschen sind so gut wie ausgestorben. Eine neue Generation ist aufgewachsen, sie steht der äußeren Welt offen gegenüber, weiß, wie demokratische Länder aussehen. Die Russen, die jünger als 35 Jahre sind, haben nichts Sowjetisches mehr in sich. Sie respektieren das Totalitäre nicht mehr. So wie die Belarussen vergangenen August, wie schon vorher Georgier, Armenier, Moldauer oder Ukrainer. Eine starke Struktur wie die Russische Föderation gerät langsamer ins Schwanken. Aber in den nächsten Jahren wird auch das archaische postsowjetische Regime in Russland zusammenbrechen.

Interview: Stefan Scholl

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