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Ort der Begegnung: Das Berliner Anne-Frank-Zentrum hat den bundesweiten Aktionstag für Demokratie an Schulen mitinitiiert.

Anne-Frank-Tag

„Wir dachten, sie hassen uns“

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Heute wäre die Jüdin Anne Frank 90 geworden. Ihr zu Ehren engagieren sich Schulen bundesweit gegen Antisemitismus. 

Heba bekam ihr Visum erst, als sie schon nicht mehr damit rechnete. Es war Sonntagabend, noch zwölf Stunden bis zum Abflug. Ihr Lehrer suchte bereits nach neuen Flügen für die 17-Jährige aus Syrien. Aber dann, um 20 Uhr, kam doch noch der ersehnte Anruf von der israelischen Botschaft: Das Visum ist fertig.

Narges, 18, aus Afghanistan, musste bei der Einreise drei Stunden am Tel Aviver Flughafen warten. Als der Grenzbeamte das Iran-Visum in ihrem Reisepass sah, schickte er sie zur Befragung in einen Sonderraum. Ihr Lehrer hatte sie vorbereitet, ihr erklärt, warum es diese Kontrollen in Israel gibt. Aber in diesem Moment half das nicht viel. „Ich hatte solche Angst“, sagt sie.

Dann war da noch die Sache mit dem Gastgeschenk. Jeweils zwei Schüler sollten einem Gesprächspartner in Israel ein Mitbringsel aus Berlin kaufen. Ein Junge aber weigerte sich. Israel war für ihn der Feind, der seine Großeltern aus Palästina vertrieben hat, und Feinden macht man keine Geschenke. Der Lehrer erklärte dem Jungen, was Gastfreundschaft ist und dass in Israel Menschen leben, die selbst vertrieben wurden. Kurz vor dem Abflug kaufte der Schüler doch noch ein Gastgeschenk: eine Schneekugel mit Berlin-Motiven.

Man könnte noch mehr solcher Geschichten erzählen über die vielen Unwägbarkeiten dieser unglaublichen Reise: 15 Schüler der Neuköllner Rütli-Schule fahren nach Israel. Alle kommen aus Flüchtlings- oder Einwandererfamilien. Alle sprechen zu Hause eine andere Sprache, und was dort über Israel erzählt wird, ist nicht immer das Beste.

Der ganze Stolz ihrer Lehrer: Schülerin Narges Tavakkoli (rechts) stammt aus Afghanistan, Heba Jakish floh mit ihrer Familie aus Syrien.

Mehmet Can, Lehrer für Geschichte und Politik, formuliert es so: „Palästina und der Nahostkonflikt spielen in vielen Familien eine große Rolle. Die Großeltern kommen von dort, sie haben dort Verwandte, bezeichnen sich als Palästinenser und Jerusalem als ihre Hauptstadt.“

An einem heißen Junitag steht Can genau dort, in der Heiligen Stadt Jerusalem. Es ist der siebte Tag der Reise, fast schon das Ende, morgen geht es zurück nach Berlin. Erst jetzt war der Lehrer zu einem Treffen bereit. „Wir wollten die Öffentlichkeit eigentlich ganz raushalten“, sagt er, „um die Schüler zu schützen, sie sollen für sich alleine herausfinden, was dieses Land, diese Stadt für sie bedeutet.“ Er hat gefragt, wer bereit sei, von den Israel-Erfahrungen in der Zeitung zu berichten.

Der einzige palästinensische Junge, der zugesagt hat, sagte wieder ab, seine Eltern waren dagegen, und nun sitzen Heba Jakish und Narges Tavakkoli, Flüchtlingsmädchen aus Syrien und Afghanistan, alleine in einem Café zum Interview. Hebas’ Mutter war einverstanden. Narges ist 18 und kann selbst entscheiden, mit wem sie spricht.

Heba sagt, sie habe es anfangs gar nicht glauben können: eine Schulreise nach Israel. Ihre Mutter dachte, sie habe sich vielleicht verhört oder es gebe in Brandenburg Orte, die Bethlehem und Jerusalem heißen. Narges sagt, sie sei vor Freude in die Luft gesprungen. Wie in der Schule sitzen sie am Cafétisch, stille, freundliche Mädchen, denen man nicht anmerkt, was sie schon erlebt haben.

Heba ist mit 14 aus Syrien nach Berlin geflohen. Narges hat erst drei Jahre in Norwegen gelebt und sollte zurück nach Afghanistan abgeschoben werden, bevor sie nach Deutschland kam. Sie lebt in einem Heim im Berliner Stadtteil Marzahn, bis zu ihrer Schule braucht sie anderthalb Stunden. Beide sprechen fast akzentfrei Deutsch.

Als sie mit ein paar Mitschülern auf den Tempelberg wollten, erzählen sie, konnte der israelische Soldat, der den Eingang für Muslime kontrollierte, gar nicht glauben, dass sie aus Deutschland sind. Bei der muslimischen Kontrolle sollten sie ihre Pässe zeigen und Arabisch sprechen. Mehmet Can, der Lehrer, spricht kein Arabisch und sieht auch nicht besonders religiös aus. Aber die Schüler redeten so überzeugend auf den Wachmann ein, dass das nicht weiter auffiel.

Hinterher waren sie stolz, wie sie das geschafft hatten. Zu Hause in Berlin werden ihr Glaube und ihre Muttersprache oft als Makel angesehen, hier hat ihnen beides geholfen. Jedes arabische Straßenschild können sie lesen, sich in Jerusalem und Bethlehem mit Leuten auf der Straße unterhalten und für ihre Lehrer Gespräche übersetzen. Juliana Kohl, Musiklehrerin, hat ihre Schüler selten so erlebt, sagt sie, so offen, so selbstbewusst. Vielleicht ist das ja eine der wichtigsten Erfahrungen für die Jugendlichen überhaupt: zu begreifen, wer sie sind, wo ihre Familien herkommen. Wenn man seine eigene Lebensgeschichte kennt, ist es leichter, die von anderen zu verstehen.

Heba sagt, vieles hier erinnere sie an ihre Heimatstadt Damaskus: die Häuser, das Wetter, die Zitronen- und Orangenbäume. Narges schwärmt von der „Ruhe auf dem Tempelberg“ und dem Toten Meer, „wie man darauf schweben kann“. Am besten hat es den Mädchen in der Tel Aviver Schule gefallen, dabei hatten sie davor am meisten Angst. Eine direkte Begegnung mit gleichaltrigen Juden. „Wir dachten, sie hassen uns, weil wir Muslime sind“, sagt Narges.

Die Deutschen hatten einen arabischen Tanz vorbereitet, die Israelis Spiele: Wer hat welche Augenfarbe? Wer hört welche Musik? Wer hat wie viele Geschwister? Es ging darum, Gemeinsamkeiten zu finden, und alle waren überrascht, wie viele es gibt. „Die Israelis haben gesagt, sie hassen Menschen nicht wegen ihrer Herkunft“, sagt Narges. „Meine Schüler haben festgestellt, dass sie auf die gleiche schlechte Musik stehen wie die anderen“, sagt Mehmet Can und lacht. Er ist stolz auf seine Schüler, er weiß selbst, wie schwer es ist, Einstellungen zu verändern.

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Mehmet Can, 38, kommt aus einer türkischen Familie und wuchs im Ruhrgebiet auf. Über den Nationalsozialismus wusste er als Kind nicht viel, sein deutscher Nachbar sagte: Es war schlimm, aber die Juden waren selbst daran schuld. In der zehnten Klasse, als er im Geschichtsunterricht lernte, wie es wirklich war, fragte er sich, wie Lügen und Vorurteile entstehen. Er wurde Lehrer für Geschichte und Politik und schloss sich in Berlin der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus an. 2006 fuhr er das erste Mal nach Israel, ein Jahr später gleich noch mal. „Ich habe eine Leidenschaft für das Land“, sagt Mehmet Can. Als er vor einem Jahr von einem Köpenicker Gymnasium auf die Rütli-Schule wechselte, beschloss er, so eine Reise mit Schülern in Angriff zu nehmen.

Die Schulleitung fand die Idee gut. Die Musiklehrerin fragte, ob er noch eine Begleitung brauche. Die Teilnahme war freiwillig, jeder konnte sich bewerben, musste aber schriftlich begründen, warum. „Meine Eltern stammen ursprünglich aus Palästina, und wir hatten noch nie Gelegenheit, dorthin zu reisen. Meine Eltern haben keinen deutschen Pass. Ich würde mich zutiefst freuen, denn diese Gelegenheit ist eine große“, schrieb ein Junge. „Mein Großvater erzählte mir, wie schön die Landschaften seien. Einmal auf dem Tempelberg zu beten, wäre wundervoll“, ein anderer. Und ein Dritter: „Mich interessiert auch der Nahostkonflikt. Ich verstehe beide Seiten und hoffe auf eine Lösung (ich wäre für eine Zwei-Staaten-Lösung).“

Visa und Pässe mussten beantragt, Flüge und ein Hostel in Jerusalem gebucht werden. Stiftungen finanzierten die Reise, aber auch die Schüler halfen mit Kuchenbasaren mit. Sawsan Chebli, Berlins Staatssekretärin für Internationales, Tochter palästinensischer Eltern, kam in die Schule, erzählte ihre Familiengeschichte und bot an, selbst für ein paar Tage mitzukommen. Mehmet Can zögerte, er kennt Cheblis Twitter-Nachrichten und die Hassreaktionen, die sie in den sozialen Medien bekommt, und eigentlich wollte er ja gar nicht so viel Aufmerksamkeit. Aber Sawsan Chebli kann man schlecht von Dingen abhalten, von denen sie begeistert ist.

Scherzen mit der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer.

In der Nacht zu Samstag landete sie in Israel. Am selben Abend teilte sie ihren 47 000-Followern auf Twitter mit, „heute den ganzen Tag mit Schülern des Campus Rütli aus Berlin in Jerusalem unterwegs“ gewesen zu sein. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Rütli-Schule? Sagt mir doch was. Ist doch die weltberühmte Aso-Brennpunktschule mit 99 Prozent Vollpfostenanteil“, ist nur eine davon.

„Mir erzählen andere immer, was da für hasserfüllte Reaktionen kommen. Ich lese das meist gar nicht“, sagt Chebli. Sie sitzt mit ihrer Berliner Senatsreferentin in einem Straßencafé am Damaskustor in Jerusalem, blütenweißes Kleid, schwarzes Haar, in der Hand eine E-Zigarette, zu den Füßen Tüten mit Gewürzen und Süßigkeiten, die sie mit nach Hause nehmen will. Zwischen arabischen Obst- und Gemüseständen eilen Ultraorthodoxe in Festtagskleidung entlang. Die Juden feiern ihr Wochenfest, die Christen Pfingsten, gerade ist das muslimische Zuckerfest vorbei.

Sawsan Chebli gefällt es hier, die Vielfalt, das Chaos, und mittendrin auch noch die Neuköllner Schülergruppe. Sie möchte, dass solche Reisen öfter organisiert werden, dass es Austausch und Begegnungen gibt zwischen Menschen, die anders denken, anders glauben. Auch deshalb ist sie hier. Sie erzählt, wie sie bei ihrer ersten Reise nach Israel sechs Stunden am Flughafen warten musste, aber wie ihre Erlebnisse in Jerusalem, der Besuch auf dem Felsendom und in der Altstadt, sie dafür entschädigt haben. Es geht ihr wie den Neuköllner Schülern. „Das Gefühl lässt sich gar nicht richtig in Worte fassen“, sagt sie. „Wie gut das tut, zu spüren, wo man herkommt.“

Heute Abend will sie einen Berater des Bürgermeisters von Jerusalem treffen, morgen früh den Bürgermeister selbst, danach die deutsche Botschafterin in Tel Aviv, und dann will sie noch einen Abstecher zu Givat Haviva machen, einer Organisation, die sich für die jüdisch-arabische Verständigung einsetzt. Die Referentin hört Cheblis ehrgeizigen Plänen still zu. Keiner der Termine ist bisher bestätigt. Der Bürgermeister meldet sich nicht, bei der Botschafterin sollte sie eigentlich gleich morgens gemeinsam mit den Schülern sein, Givat Haviva liegt auf dem Weg nach Haifa, am Nachmittag geht schon wieder der Rückflug nach Berlin. Wie will sie das alles schaffen?

Am nächsten Morgen um neun Uhr hält ein großer weißer Bus vor der Privatresidenz der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer in Herzliya. 15 Schüler steigen aus, laufen durch den Flur und das Wohnzimmer auf eine Terrasse mit Korbmöbeln und weißen Tischdecken. Sawsan Chebli ist nicht dabei, der Bürgermeister hat doch noch zugesagt, sie kommt später nach.

Die Mädchen setzen sich nach links, die Jungs nach rechts. Es ist ihr letzter Termin dieser Reise. Sie haben die Taschen mit den Reiseunterlagen um die Brust geschnürt, essen Croissants, trinken Apfelsaft und berichten von ihren Eindrücken. Jerusalemer Altstadt, der Tanz mit den jüdischen Schülern, der Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, die Begegnung mit einem palästinensischen und einem israelischen Vater, die ihre Söhne verloren haben, das tolle Essen, die letzte Nacht. Die Mädchen zeigen Fotos auf ihren Smartphones, die Jungs erzählen von ihren Geschenken: für die Mutter ein arabisches Kleid, für die Schwestern Armreifen, für die Oma Gewürze. Drei Kilo Sumach hat ein Junge in seinem Koffer verstaut. Er sagt, er will seine Eltern davon überzeugen, im nächsten Sommer nicht wieder zu den Verwandten nach Libanon zu fahren, sondern lieber nach Israel.

Die Botschafterin hört zu, stellt Fragen. Am Ende sagt sie, sie sei „extrem beeindruckt von den Kindern, wie reflektiert sie über das jüdische Israel sprechen, aber auch über die Konflikte mit den Palästinensern. Solche Schüler, so eine Reise verdienen jede Förderung der Welt“. Noch ein Abschiedsfoto im Garten, dann ist es an Zeit, zum Flughafen zu fahren. Der Abflug nach Berlin ist zwar erst in vier Stunden, aber Mehmet Can, immer noch ein bisschen nervös, will lieber früh da sein. Wegen der Kontrollen.

Am Abend schreibt der Lehrer eine Mail aus Berlin: „Wir sind gut angekommen.“ Und Sawsan Chebli twittert ein Foto vom Friedensbaum in Givat Haviva. Sie hat es tatsächlich noch dorthin geschafft.

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