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„Wir brauchen Wissen, damit wir als Minderheit überleben“

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Klimaforscherin Sasha Kosanic über die Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen mit Behinderungen und die Lücke in der Wissenschaft. Ein Interview.

Frau Kosanic, Sie haben in Ihrer Forschung darauf hingewiesen, dass es beim Klimawandel auch um Rechte von Menschen mit Behinderung geht. Was meinen Sie damit?

Klimawandel ist ein Behindertenrechts-Thema, denn obwohl wir alle vom Klimawandel betroffen sind, gibt es in diesem Kontext Gewinner und Verlierer. Es gibt die Industrieländer, die überproportional zum Klimawandel beitragen, und dann gibt es den globalen Süden, der das nicht tut. Gleichzeitig leidet der globale Süden am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels. Manche Gruppen sind stärker betroffen als andere – schwarze Menschen, indigene Menschen und People of Color (BIPOC), aber eben auch Menschen mit Behinderungen.

Noch werden die Folgen der Klimakrise für behinderte Menschen selten in den Blick genommen.
Noch werden die Folgen der Klimakrise für behinderte Menschen selten in den Blick genommen. © BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

Diese Gruppe wird von der Forschung und den politisch Entscheidenden noch nicht wirklich miteinbezogen. Warum ist das ein Problem?

Wenn man sich die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger aus dem letzten IPCC-Bericht, dem wichtigsten Bericht zum Klimawandel, ansieht, werden Menschen mit Behinderungen vielleicht zwei oder drei Mal erwähnt. Und das, obwohl weltweit etwa 16 Prozent behinderte Menschen leben. Das überrascht mich immer noch sehr. Obwohl sich in den letzten Jahren einiges verbessert hat, werden im Großteil der wissenschaftlichen Literatur zum Klimawandel die Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen immer noch nicht erwähnt. Und wenn es nicht in der Forschung vorkommt, erreicht es auch nicht die, die in der Politik entscheiden.

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Es gibt also zu wenig Wissen auf verschiedenen Ebenen?

Ja. Wir können das aus zwei Perspektiven betrachten: Einerseits müssen Menschen mit verschiedenen Arten von Behinderungen zunächst verstehen, was der Klimawandel ist. Wie der sich auf ihre lokale Umwelt auswirken wird, welche Rechte sie haben und wie sie für sich selbst eintreten können. Andererseits ist es aber auch für die breitere Gesellschaft wichtig zu verstehen, was wir tun müssen, um Menschen mit Behinderungen vor extremen Klimaereignissen zu schützen und wie wir ihnen in solchen Fällen helfen können. Politische Gremien und Regierungsstellen brauchen das Wissen, um Menschen mit Behinderungen in ihre Risikobewertung und Risikomanagementstrategien einzubeziehen.

Was bedeutet das in der Praxis, also bei extremen Klimaereignissen?

Was wir verstehen müssen, ist, dass es drei Phasen der Auswirkungen des Klimawandels gibt, wenn wir über Extremereignisse sprechen: Es gibt die erste Phase vor dem Ereignis. In dieser Phase ist es besonders wichtig, den Menschen angemessene und zugängliche Informationen darüber zu geben, wie sie sich auf den Extremfall vorbereiten können. Dann gibt es die zweite Phase, bei der es um die Rettung von Menschen geht. Hier brauchen wir einen interdisziplinären Ansatz. Es wäre ideal, wenn Klimaforschende, Medizinerinnen, Umweltwissenschaftler, Menschen mit Behinderungen und Aktivisten zusammenarbeiten würden. Und dann ist da noch die dritte Phase nach der Rettung: Wie kann man behindertengerechte Notunterkünfte bauen, die beispielsweise Toiletten für Rollstuhlfahrer haben? Es ist wichtig zu wissen, wie sich der Klimawandel und extreme Klimaereignisse auf verschiedene Menschen mit Behinderungen auswirken, damit es nicht zu Opfern wie bei der Flut im Ahrtal in Deutschland oder dem Hurricane Katrina in den USA und vielen anderen Katastrophen kommt.

Ist es angemessen zu sagen, dass der Klimawandel für marginalisierte Gruppen ein ohnehin schon ungerechtes System noch ungerechter macht?

Im Grunde sind viele Dinge, die wir – und ich sage wir, weil ich eine Behinderung habe – in unserem täglichen Leben erleben, ungerecht. Denn es gibt all diese Dinge, mit denen wir zurechtkommen müssen, um uns in eine Gesellschaft einzufügen, die nicht per se für uns gemacht ist. Das alleine ist schon viel, aber wenn dann noch Notlagen wie der Klimawandel hinzukommen, wird es noch schwieriger. Wir brauchen das Wissen darüber wie sich der Klimawandel auf uns auswirkt, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten und als Minderheit zu überleben.

Neben Extremereignissen gibt es auch längerfristige Auswirkungen. Welche Rolle spielen die für behinderte Menschen?

Wir sollten Klimaereignisse wie Luftverschmutzung, Verlust der biologischen Vielfalt und den Anstieg des Meeresspiegels nicht vergessen. Durch den Anstieg des Meeresspiegels gibt es bereits jetzt und in Zukunft noch mehr Klimageflüchtete, unter denen sich auch Menschen mit Behinderungen befinden werden. Sie werden umsiedeln und sich an eine neue Umgebung anpassen müssen, was bereits für Menschen ohne Behinderungen schwierig ist. Das Gleiche gilt für die Luftverschmutzung: Sie betrifft alle Menschen, aber für diejenigen, die unter Umständen eine Grunderkrankung oder eine chronische Krankheit haben, die sich auf ihre Lungen auswirkt, sind die Folgen schwerwiegender und lang anhaltender. Und was die biologische Vielfalt betrifft, so wissen wir bereits, dass ihre Erhaltung für das Wohlergehen aller Menschen wichtig ist. Für Menschen mit Behinderungen ist sie ebenso wichtig und es ist unser Menschenrecht, insbesondere für Kinder mit Behinderungen, um eine gesunde Entwicklung zu gewährleisten.

Sasha Kosanic ist Klimaforscherin an der John Moores Universität in Liverpool. Sie beschäftigt sich mit Fragen zum Klimawandel, Auswirkungen auf die Biodiversität und Folgen für marginalisierte Gruppen, wie Menschen mit Behinderungen. alm
Sasha Kosanic ist Klimaforscherin an der John Moores Universität in Liverpool. Sie beschäftigt sich mit Fragen zum Klimawandel, Auswirkungen auf die Biodiversität und Folgen für marginalisierte Gruppen, wie Menschen mit Behinderungen. alm © privat

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