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In der IT-Welt und im Elektronikbereich braucht es Fachkräfte.

Fachkräftemangel

„Wir brauchen Akzeptanz in der Bevölkerung für Zuwanderung“

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Der Arbeitsagentur-Vorstand Terzenbach spricht im Interview über Hürden für ausländische Fachkräfte und Wege, ihnen die Entscheidung für Deutschland zu erleichtern.

Herr Terzenbach, lösen wir mit Arbeitnehmern aus dem Ausland wirklich unser Fachkräfteproblem?

Wir haben mittlerweile Fachkräftemangel in mehr als 90 Berufen. Natürlich schauen wir, dass wir diejenigen, die hier leben, qualifizieren und in Arbeit bringen. Das gilt für Deutsche genauso wie für Zugewanderte, für bereits Beschäftigte genauso wie für Arbeitslose. Doch selbst wenn wir all diese Potenziale noch besser ausschöpfen könnten, wird es in bestimmten Bereichen weiter Fachkräftemangel geben.

Wo genau?

Daniel Terzenbach , 39, ist Vorstandsmitglied bei der Bundesagentur für Arbeit.

Zu allererst in den Gesundheitsberufen. Da geht es um Ärzte, um Pharmazeuten, aber auch um Pflegekräfte. Aber damit nicht genug: In der IT-Welt und im Elektronikbereich. Da wird Zuwanderung aus dem Ausland ein Teil der Lösung sein – aber es sicher nicht allein die Lösung.

Lange ist darüber gestritten worden, ob wir ein Einwanderungsland sein wollen oder nicht. Diese Debatte hat viel Zeit gekostet. Wie attraktiv ist die Bundesrepublik überhaupt für Arbeitsmigranten?

Deutschland hat im Ausland ein hohes Ansehen. Man weiß, dass wir einen hohen Lebensstandard haben – und gute Arbeitsbedingungen. Allerdings: Es gibt auch Barrieren. Dazu zählt neben der teils langwierigen Anerkennung von Abschlüssen auch die deutsche Sprache. Die ist relativ schwer zu lernen.

Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das nun in Kraft tritt, werden die Hürden für die Zuwanderung von Nicht-Akademikern gesenkt. Werden die jetzt gezielt angeworben?

Wir sind mitten in den Verhandlungen mit möglichen Partnerländern – zum Beispiel mit Vietnam, mit den Philippinen und einigen Ländern Lateinamerikas. Auch in Indien und Indonesien sehen wir Potenziale. Aber: Die Organisation von Fachkräfteeinwanderung ist harte Arbeit. Wir wollen faire Arbeitsbedingungen, gerechte Bezahlung, eine gute Perspektive für die Menschen, die zu uns kommen. Das ist alles andere als ein Massengeschäft, das ist Feintuning.

Was erwarten Sie von den Arbeitgebern in Deutschland, wenn es darum geht, diese Potenziale zu nutzen?

Die Arbeitgeber sollten sich auch an der Fachkräftegewinnung im Ausland beteiligen. Wer nach dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz nach Deutschland kommt, muss ein gewisses Sprachniveau mitbringen. Diese Kenntnisse müssen bereits im Herkunftsland erworben werden. Arbeitgeber können sich hier sehr einfach engagieren, indem sie den Bewerbern zum Beispiel die notwendigen Sprachkurse zahlen. Wer sich erst hoch verschulden muss, damit er in Deutschland arbeiten kann, überlegt es sich dreimal, ob er wirklich zu uns kommen will.

Mit wie vielen Arbeitsmigranten wird in den nächsten Jahren überhaupt gerechnet?

Die Bundesregierung geht davon aus, dass mit Hilfe des neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes mindestens 25 000 neue Fachkräfte pro Jahr nach Deutschland kommen werden. Das ist ein ambitioniertes Ziel. In den ersten paar Jahren wird es sicherlich schwer sein, es zu erreichen. Wir müssen Deutschland erst einmal bekannt machen als Einwanderungsland.

Wie wird verhindert, dass Deutschland Fachkräfte aus Ländern holt, die diese Beschäftigten selbst dringend benötigen?

Dazu ist ein enger Kontakt mit den Regierungen der Länder notwendig, um die es geht. Darüber hinaus gibt es internationale Standards. Für den Pflegebereich gibt es eine Liste der Weltgesundheitsorganisation mit 57 Staaten, aus denen keine Fachkräfte abgeworben werden sollten. An die Regeln der Weltgesundheitsorganisation halten wir uns natürlich.

Warum ist die Anwerbung von Fachkräften überhaupt staatliche Aufgabe? Kann man das nicht Arbeitgebern oder Dienstleistern überlassen?

Wir brauchen Akzeptanz in der Bevölkerung für Fachkräftezuwanderung in den Arbeitsmarkt. Dafür sind Transparenz und faire Spielregeln erforderlich. Es muss verhindert werden, dass mit Fachkräften aus dem Ausland Lohndumping organisiert wird. Wenn private Dienstleister in diesem internationalen Vermittlungsgeschäft aktiv sind, müssen sie meiner Ansicht nach hohe und transparente Qualitätsstandards haben – dann kann Rekrutierung im besten Sinne gelingen. Denn: Wir müssen verhindern, dass der Eindruck von Zuwanderung in unsere Sozialsysteme oder Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte entsteht. Deshalb ist ein bestimmtes Maß an staatlicher Steuerung und Koordinierung wichtig.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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