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Die Stadt Afrin, in der Kurden und Jesiden leben, wird von mehreren Seiten angegriffen.

Zentralrat der Jesiden

"Wir befürchten ein Massaker in Afrin"

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Der Zentralrat der Jesiden spricht im Interview mit der FR über die Ängste der religiösen Minderheit.

Mit dem Einmarsch des türkischen Militärs in die syrische Kurdenregion Afrin ist eine religiöse Minderheit bedroht, die bereits im Krieg in Nordirak besonders leiden musste: die Jesiden. Irfan Ortac, der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, befürchtet ein Blutbad. 

Herr Ortac, haben Sie Kontakt zu den Jesiden in Afrin?
Mit Beginn des Einmarsches hat der Zentralrat einen Krisenstab gegründet. Wir sind täglich mit der Region in Kontakt. 

Was berichten die Menschen?
Sie berichten von absoluter Angst und Verzweiflung. Der Anfang des Satzes ist „Helft uns“, und am Ende steht auch „Helft uns“. Sie werden von vier Seiten umzingelt. Auf der einen Seite ist Assad, der die Grenze ins Landesinnere von Syrien nicht aufmacht und verhindert, dass sie fliehen. Auf den anderen Seiten sind die Dschihadisten beziehungsweise die türkische Armee. Deswegen machen sich die Menschen aus allen Ortschaften auf den Weg zu einem Punkt, in die Stadt Afrin, aber dort gibt es keine professionelle Hilfe. Da sind keine Camps, wo sie sicher sind. Man hat keinerlei Möglichkeit, ihnen Nahrungsmittel oder Wasser zu bringen. Den Menschen fehlen Medikamente. Alle können nur darauf warten, bis die Dschihadisten ankommen – mit den türkischen Soldaten. Wir befürchten eine Katastrophe, nach der sich die gesamte freie Welt fragen wird: Hätten wir das nicht verhindern können?

Das heißt: Die türkischen Streitkräfte bieten ihnen keinen Schutz vor den Dschihadisten?
Definitiv nicht. Die Zusammenarbeit ist ganz intensiv. Die syrischen Dschihadisten sind ein Teil der operierenden Einheiten. Die Bodentruppen bestehen überwiegend aus diesen Dschihadisten. Nach unseren Informationen dürften sie etwa 80 Prozent der Bodentruppen stellen. 

Wie wäre die richtige politische Antwort?
Es muss sofort einen Waffenstillstand und einen Korridor nach Aleppo geben. Die Kämpfe müssen unterbunden werden, um ein Massaker an religiösen Minderheiten zu verhindern. Die Region müsste wieder unter syrische Hoheit kommen. Entscheidend ist, dass das Blutvergießen beendet wird. Wenn es zu einem Massaker kommt, ist es zu spät.

Wie viele Jesiden leben dort?
In der Region leben circa 15 000 Jesiden. 

Leben die Jesiden schon immer dort, oder sind sie wegen der Kämpfe um Sindschar im Nordirak geflohen?
Sie haben schon immer dort gelebt. Das sind Ureinwohner dieser Region. Einige wenige sind Jesidinnen und Jesiden aus Aleppo, also Binnenflüchtlinge in Syrien. Die Region Afrin galt seit Ausbruch des Krieges als eine der sichersten in Syrien. Die Region war auch mustergültig für interreligiöse Vielfalt und für multiethnische Vielfalt. Es haben dort neben Jesiden auch sunnitische Moslems gelebt, Christen und auch einige jüdische Familien. 

Sind Jesiden militärisch organisiert und kämpfen auf der kurdischen Seite?
Bestimmt. Aber wie viele jesidische Frauen oder Männer bei den kurdischen Einheiten dabei sind, kann ich nicht sagen. Unsere Sorge gilt den Zivilisten. 

2014 gab es ein schreckliches Massaker an Jesidinnen und Jesiden in Sindschar im Nordirak, Tausende von Mädchen und Frauen wurden vom Islamischen Staat (IS) verschleppt. Sind sie alle zurückgekehrt?
Definitiv nicht. Bis heute sind noch ungefähr 3000 Frauen und Mädchen verschleppt. Man bietet uns an, dass man sie wieder freikaufen kann. Für ein solches Mädchen verlangt man 22 000 Dollar. Die Frage, die wir uns stellen, lautet: Wo sind diese Mädchen, wo werden sie festgehalten? Sie müssten doch irgendwo auffindbar sein, wenn der IS angeblich militärisch besiegt ist. 

Hat es einen solchen Austausch Mädchen gegen Geld gegeben?
Ja. Im Dezember 2017 haben wir zuletzt Mädchen freigekauft. Es werden jesidische Kinder angeboten, Elfjährige, aber auch Kinder, die vier oder fünf Jahre alt sind. Die haben ihre Sprache verlernt. Manche von ihnen sprechen Turkmenisch, andere nur noch Arabisch. Auch diese Kinder müssen wir mit Unterstützung der Familien und Organisationen freikaufen.

Wo sind diese Kinder?
Wir haben für Kinder, die keinerlei Verwandte mehr haben, Waisenhäuser errichtet.  

Wie viele Jesiden hat Deutschland bisher aufgenommen?
Es gab ein Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg von 1100 Jesidinnen und Jesiden. Sie werden hier psychologisch therapiert. Wir hoffen, dass auch das Land Brandenburg Menschen aufnimmt. Es gibt einen parlamentarischen Beschluss dazu. Wir sind mit dem Land in Verhandlungen und hoffen, dass sie zu einem positiven Ergebnis führen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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