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Pestizide: Wie Landwirte und Winzer vergeblich um Entschädigung kämpfen

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Von: Luisa Billmayer, Daniel Drepper, Katrin Langhans

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Landwirte wie Jochen Bosse hoffen, dass Parkinson hierzulande als Berufskrankheit anerkannt wird.
Landwirte wie Jochen Bosse hoffen, dass Parkinson hierzulande als Berufskrankheit anerkannt wird. © Agata Szymanska-Medina

Hunderttausende Landwirte, Winzer und Gärtner spritzen in Deutschland Pestizide – und könnten deshalb an Parkinson erkranken. Doch Betroffene wie Jochen Bosse haben keine Chance auf einen fairen Prozess. Schuld sind das Bundesarbeitsministerium und die Berufsgenossenschaft.

Jochen Bosse erinnert sich noch gut daran, wie alles anfing. Die Tasse vibrierte, der Kaffee zitterte im Porzellan, die Suppe schlug Wellen im Löffel, der Stift verrutschte bei der Unterschrift: Immer öfter entglitt Jochen Bosse die Kontrolle über seine Hand. 

Als der Hausarzt ihm diagnostizierte, dass er an Morbus Parkinson leidet, war Jochen Bosse gerade einmal 56 Jahre alt. „Ich kam mir vor wie Ausschussware“, sagt Bosse. Er sitzt in einem olivfarbenen Samtsessel, die Hände im Schoß gefaltet. Hinter Jochen Bosse an der Wand hängt ein Foto, darauf biegen sich goldgelbe Weizenähren im Wind. Bosse hat sein Leben lang als Landwirt Korn, Rüben, Gerste, Raps angebaut. Mehr als vier Jahrzehnte lang hat Bosse nicht nur Samen gesät, sondern auch regelmäßig Pflanzenschutzmittel gespritzt. Bosse glaubt, dass die Pestizide Schuld an seiner Parkinsonerkrankung sind. 

Bosse hat über Jahrzehnte hinweg Korn und Rüben angebaut.
Jochen Bosse hat über Jahrzehnte hinweg Korn und Rüben angebaut und Pestizide genutzt, jetzt ist er an Parkinson erkrankt. © Agata Szymanska-Medina

Parkinson schädigt die Nervenzellen im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin produzieren, Bewegungen werden langsamer und schwerfälliger, der Gang kleinschrittig, die Gesichtsmuskeln versteifen. Bewegungen rosten ein, die Hände zittern, manchmal stockt die Sprache. Obwohl Parkinson zu den häufigsten Nervenkrankheiten gehört, sind die Ursachen  bis heute nicht abschließend geklärt. Was man weiß: Weltweit nimmt die Zahl der Erkrankten stark zu. Und: Zahlreiche Studien zeigen mittlerweile, dass Pestizide das Risiko, an Parkinson zu erkranken, erhöhen können. 

In Frankreich ist „Parkinson durch Pestizide“ deshalb seit 2012 als Berufskrankheit anerkannt, in Italien seit 2008. Wer eine Berufskrankheit anerkannt bekommt, erhält bessere Unterstützung bei der Reha, eine Umschulung oder eine deutlich höhere Rente. Jochen Bosse hat – im Gegensatz zu französischen Landwirten – vor deutschen Gerichten aber kaum eine Chance auf eine Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit. 

Bosse hofft auf eine zeitnahe Entscheidung des Beirates.
Betroffene wie Jochen Bosse hofft auf eine zeitnahe Entscheidung des Ärztlichen Sachverständigenbeirates für Berufskrankheiten. Sie warten seit Jahren. © Agata Szymanska-Medina

In der Regel kann in Deutschland eine Krankheit nur dann anerkannt werden, wenn sie auf der Liste anerkannter Berufskrankheiten des Arbeitsministeriums steht. Dort aber ist „Parkinson durch Pestizide“ bis heute nicht gelistet. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten bewertet die Studienlage bereits seit mehr als zwölf Jahren. Solange die Beratungen der Experten laufen, verweigert die zuständige Berufsgenossenschaft die Anerkennung. 

Etliche an Parkinson erkrankte Landwirte sind bereits verstorben

Recherchen von Ippen Investigativ zeigen, dass der Ärztliche Sachverständigenbeirat im Bundesarbeitsministerium nicht nur sehr langsam arbeitet, sondern auch aktiv in seiner Arbeit gebremst wird. Die Berufsgenossenschaft SVLFG, bei der fast alle deutschen Landwirte, Winzer, Gärtner und Förster versichert sind, wertet die Daten ihrer an Parkinson erkrankten Versicherten nicht aus. Dabei wäre sie gesetzlich dazu verpflichtet. 

Vertrauliche Unterlagen aus dem Bundesarbeitsministerium zeigen: Weder der Beirat noch das Ministerium haben bisher Auskunft darüber bekommen, wie viele deutsche Landwirte an Parkinson erkrankt sind. Gleichzeitig verwehrt die Berufsgenossenschaft Betroffenen wie Bosse die Anerkennung als Berufskrankheit mit dem Verweis auf die laufenden Beratungen des Beirates. In den vergangenen Jahren ist nach Informationen von Ippen Investigativ bereits mehr als jeder fünfte Betroffene verstorben, der auf eine Entschädigung wartet. 

Sie haben selbst Probleme mit der Berufsgenossenschaft oder leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen? Das Team von Ippen Investigativ erreichen Sie unter recherche@ippen-investigativ.de.

Jochen Bosse hat Kalender aus schwarzem Kunstleder auf dem Tisch ausgebreitet. Darin hat er über Jahre hinweg fein säuberlich notiert, welche Pestizide er an welchen Tagen ausgefahren hat. Am 9. Juni 2006 etwa notierte er: „28 Grad, sonnig, Weizen gespritzt, ich selbst, sechs Stunden mit V8150.“ 

Jochen Bosse blättert durch seinen Kalender. Für jeden Tag hat er über Jahre hinweg notiert, welche Pflanzenschutzmittel er angewendet hat.
Jochen Bosse blättert durch seinen Kalender. Für jeden Tag hat er über Jahre hinweg notiert, welche Pflanzenschutzmittel er angewendet hat. © Agata Szymanska-Medina

Das erste Mal saß Jochen Bosse als Teenager auf einem Trecker. „Das war ein Highlight“, erinnert er sich. Sein größter Wunsch war es schon als Kind, einmal Landwirt zu werden. Er wuchs mit vier Brüdern auf dem elterlichen Betrieb auf und lebt heute mit seiner Frau Renate Bosse im 600-Einwohner-Dorf Ohrum. Wenige Jahre nach dem Ausbruch der Parkinson-Krankheit musste Bosse seinen Beruf aufgeben. 

Moderne Traktorkabinen sind heute geschlossen, die Landwirte vor Spritznebel geschützt, wenn sie Pflanzenschutzmittel ausfahren, aber Bosse erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen er auf dem offenen Trecker saß, an den Seiten nur ein Flatterverdeck. Die Pflanzenschutzmittel spritzen aus feinen Düsen, um den Weizen vor Ährenkrankheiten zu schützen. „Wenn der Wind wehte, merkte man, dass man den Spritznebel ins Gesicht kriegte“, erinnert sich Bosse. Der chemische Geruch der Mittel setzte sich in Haut und Haaren fest. „Da konnte man abends ausgiebig geduscht haben. Aus den Haaren kriegte man das nicht raus.“ 

„Man hat uns ins Messer laufen lassen“, sagt der an Parkinson erkrankte Jochen Bosse

Auch das Anrühren der Mittel war früher problematisch. Pflanzenschutzmittel hatten oft eine mehlige Konsistenz. „Wenn dieses Pulver zum Anrühren in den Eimer gekippt wurde, staubte alles“, sagt Bosse. „Man hätte uns frühzeitig besser darüber informieren müssen, dass Handschuhe und eine Schutzbrille allein nicht ausreichen, wenn Mittel angemischt oder ausgefahren werden“, sagt Bosse. „Man hat uns ins Messer laufen lassen.“

Pestizide
Bosse spaziert durch seinen Garten. Als Landwirt kann er heute nicht mehr arbeiten. © Agata Szymanska-Medina

Ippen Investigativ hat zwei Dutzend Landwirte und Winzer nach Ihrem Umgang mit Schutzausrüstung befragt. Fast alle sagen, sie hätten sich in der Vergangenheit nicht ausreichend aufgeklärt gefühlt, mehrfach heißt es, man sei direkt in Kontakt mit den giftigen Stoffen gekommen – durch Wind beim Ausfahren oder beim Anmischen selbst. Wie viele Landwirte und Winzer in Deutschland überhaupt Schutzkleidung bei der Arbeit tragen, darüber gibt es kaum Erkenntnisse. Zuletzt füllten vor sechs Jahren 1500 Anwender einen Fragebogen für das Bundesinstitut für Risikobewertung aus. Das Bundesinstitut bescheinigte den Landwirten „ein hohes Maß hinsichtlich der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften“

Wer die Studie genauer liest, stößt jedoch auf Unstimmigkeiten. So waren mehr als 90 Prozent der Befragten Inhaber, Betriebsleiter oder Geschäftsführer, nur rund fünf Prozent waren Mitarbeiter oder Auszubildende. Ein Großteil der Befragten gab zudem an, zertifizierte Schutzkleidung zu nutzen – dabei gab es zum Zeitpunkt der Befragung eine solche Zertifizierung für den Bereich der Pflanzenschutzmittel überhaupt nicht. 

Vertrauliches Schreiben: Landwirte tragen seltener Schutzkleidung als vermutet

Der Verdacht liegt nahe, dass viele Landwirte und Winzer bei der Arbeit seltener Schutzkleidung tragen als sie offiziell angeben. Das geht auch aus einem vertraulichen Schreiben hervor, das Ippen Investigativ vorliegt. In dem Schreiben antwortet die Berufsgenossenschaft SVLFG auf eine Anfrage des für Berufskrankheiten zuständigen Ärztlichen Sachverständigenbeirates des Bundesarbeitsministeriums. Die SVLFG schreibt, es habe lange keine angemessenen Schutzmaßnahmen gegeben. Wirklich dichte Fahrzeugkabinen bei Treckern gebe es überhaupt erst seit wenigen Jahren. Bis heute müsse „davon ausgegangen werden, dass sämtliche Schutzmaßnahmen (...) je nach Praktikabilität oder Einstellung des Anwenders umgangen, außer Kraft gesetzt oder mangelhaft umgesetzt werden.“ 

Zudem sei vielen Landwirten und Winzern nicht klar, wie giftig die Pestizide sind. Oft hätten sie die Gefährlichkeit unterschätzt, weil sie die Piktogramme auf den Verpackungen nicht verstanden hätten. Sie hätten oftmals auf persönliche Schutzausrüstung verzichtet „aufgrund der vermeintlich geringen Toxizität.“ Bis heute sei die Bedeutung der Piktogramme kaum bekannt, es komme zu „Fehleinschätzungen der Gefahr.“

Internationale Studien aus den USA, Kanada, Australien, Italien, Griechenland, Dänemark oder Frankreich zeigen, dass häufig deutlich weniger als die Hälfte der Arbeiter Schutzkleidung tragen. 

Seit Jahrzehnten kontrollieren Behörden in Deutschland vor allem, ob Landwirte mit ihren Pestiziden die Umwelt verschmutzen oder Bienen töten. Ob sich Landwirte, Winzer oder Gärtner selbst mit den Pestiziden vergiften, stand hierzulande bisher nicht im Fokus. Fragt man das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) heißt es, Landwirte sollten sich „aus Eigeninteresse selbst schützen“. Die 16 zuständigen Landesbehörden, die Kontrollen durchführen, schreiben auf Anfrage von Ippen Investigativ, ihnen seien nur wenige Verstöße gegen die Auflagen bekannt. Erst seit 2018 kann fehlende Schutzkleidung überhaupt als Ordnungswidrigkeit geahndet werden – also mit einem Bußgeld. Geeignete Schutzkleidung sei zeitweise nicht einmal verfügbar gewesen. „Kontrollen zum Anwenderschutz waren bisher noch kein bundesweiter Schwerpunkt“, schreibt das BVL.

Landwirte unterschätzen oft die Gefährlichkeit der Pflanzenschutzmittel, schreibt die zuständige Berufsgenossenschaft.
Landwirte unterschätzen oft die Gefährlichkeit der Pflanzenschutzmittel, schreibt die zuständige Berufsgenossenschaft. © Agata Szymanska-Medina

Jochen Bosse hat eine Liste erstellt mit all den Mitteln, mit denen er über die Jahrzehnte hinweg die Pflanzen gespritzt hat. Er zieht das Dokument aus einem grauen Ordner. Darauf stehen Namen wie Afugan, Betanal, Tamaron – und auch das Fungizid Benomyl, das gegen Pilzbefall wie Mehltau wirken soll und mittlerweile nicht mehr in der Europäischen Union verwendet werden darf. 

Seit Jahren verdichten sich die Hinweise: Pestizide erhöhen das Parkinson-Risiko

Seit Jahren sehen Wissenschaftler immer mehr Hinweise darauf, dass das Risiko, Parkinson zu bekommen, durch Pestizide wie insbesondere auch Benomyl stark erhöht wird. Es gibt wohl wenige, die so intensiv zum Thema forschen wie Beate Ritz, Professorin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles UCLA. Die Neurologin beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit dem Zusammenhang von Pestiziden und Parkinson. 

„Wenn ein Bauer viele Pestizide benutzt hat, dann ist die Chance, an Parkinson zu erkranken, recht groß, das zeigen zahlreiche Studien“, sagt Beate Ritz. „Aus meiner Sicht sollte Parkinson als Berufskrankheit anerkannt werden.“ Ein Großteil der Pestizide werde eingesetzt, um Insekten zu töten, sagt Ritz. „Das geschieht, indem die Mittel das Nervensystem vergiften.“ Zwar seien Insekten klein und die toxischen Mengen gering, aber man dürfe die chronische Belastung beim Menschen nicht unterschätzen. 

Als Beate Ritz an der UCLA ihre Forschung beginnt, hat sie die perfekten Voraussetzungen. In Kalifornien, im sogenannten Central Valley, wird viel Landwirtschaft betrieben und Landwirte  müssen den Behörden jedes Mal melden, wenn sie Pestizide spritzen. Ritz kann auf Millionen Datensätze zurückgreifen. Es ist Mitte der 1990er Jahre, die Computer werden schneller, Ritz beginnt damit, den Pestizidverbrauch und die Parkinson-Erkrankungen von Landwirten auf digitalen Karten zusammenzuführen. 

Im Jahr 2000 publiziert sie eine Studie, die zeigt, dass Landkreise mit erhöhter Pestizid-Nutzung auch mehr Parkinson-Fälle zu verzeichnen haben. In den folgenden Jahren legt sie nach. 2009 zum Beispiel kann sie zeigen, dass Menschen, die den Pestiziden Maneb und Paraquat ausgesetzt waren, ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko tragen, an Parkinson zu erkranken

„Ich habe da überhaupt keinen Zweifel, dass die Studienlage gut ist“

In den folgenden Jahren zeigen Studien in den USA, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland, dass es eine Reihe von Pestiziden gibt, die das Risiko, an Parkinson zu erkranken, teilweise um das zwei- bis fünffache erhöhen. „Wenn die Umwelt bei Parkinson keine Rolle spielen würde, wäre die Verbreitung von Parkinson so gleichmäßig wie Porridge in einem Topf. Aber in der Realität ist die Verteilung sehr ungleichmäßig“, sagt Bastian Bloem, Direktor des Radboudumc Center of Expertise for Parkinson & Movement Disorders, der seit mehr als 30 Jahren zu Parkinson forscht. „Es gibt Brennpunkte, die sehr eng mit dem Verbrauch von Pestiziden überlappen.“ 

Für Beate Ritz steht fest: Viele Faktoren können Parkinson begünstigen – das Alter, die Genetik, toxische Stoffe. „Am Ende ist Pestizidexposition manchmal der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt Beate Ritz. „Ich habe da überhaupt keinen Zweifel, dass die Studienlage gut ist.“

In den späten Nullerjahren nehmen sich zwei der wichtigsten deutschen Arbeits- und Umweltmediziner vor, den vielen Parkinson-Erkrankungen unter Landwirten in Deutschland auf den Grund zu gehen. Jürgen Winkler ist als Neurologe zunächst Oberarzt am Universitätsklinikum Regensburg und später Chefarzt am Städtischen Klinikum in Landshut. Ihm fällt auf, wie viele Landwirte mit Parkinson zu ihm in die Klinik kommen, eine „überzufällige Häufung“, erinnert er sich. Sein befreundeter Kollege Johann Drexler leitet damals wie heute das Institut für Arbeitsmedizin an der nahe gelegenen Friedrich-Alexander Universität in Erlangen. Beide kennen die Studien aus den USA, von Beate Ritz und von den französischen Forschern, beide glauben, dass auch in Deutschland dazu geforscht werden sollte. 

Gemeinsam fahren sie nach Landshut, zum damaligen Sitz der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft Niederbayern – Oberpfalz. Sie wollen den Einzelfällen nachgehen und für ganz Deutschland herausfinden: Wo leben wie viele Landwirte mit Parkinson? Wie oft hatten diese Landwirte im Alltag mit Pestiziden zu tun? Sind zum Beispiel Ackerbauern, Obstbauern und Winzer stärker betroffen als Viehzüchter? 

Wissenschaftler beschweren sich über die Berufsgenossenschaft

„Wir hatten beide das Gefühl, dass unsere Gesprächspartner bei der Berufsgenossenschaft wissen, dass da was im Busch ist“, sagt Johann Drexler in einem Telefonat mit Ippen Investigativ knapp 13 Jahre später. Winkler und Drexler fahren damals trotzdem optimistisch gestimmt nach Hause. Auch weil die Berufsgenossenschaft gesetzlich dazu verpflichtet ist, Forschung zu fördern, die neue Berufskrankheiten aufklärt. Winkler beginnt mit einem sogenannten Screening. Auf drei landwirtschaftlichen Messen werden kleine Stände aufgebaut, in denen mehr als 500 Landwirte Riechtests und Schreibaufgaben erledigen sowie ein paar Fragen beantworten. 

Winkler sieht seine Vermutung durch die Daten erhärtet: Die untersuchten Landwirte zeigen gehäuft Frühzeichen einer Riechstörung und einer Störung der Handfeinmotorik. Das kann als Hinweis auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung interpretiert werden. Winkler stellt seine Ergebnisse bei den Entscheidern der zuständigen Berufsgenossenschaft in Kassel vor und bittet diese, eine richtige Studie zu finanzieren, inklusive Datenbank-Analyse: Wie viele Landwirte bekommen typische Parkinson-Medikamente verschrieben? Wie viele haben einen Parkinson diagnostiziert bekommen? Doch die SVLFG lehnt ab. Selbst die Screening-Daten kann Winkler nicht mehr publizieren. Er hatte die Landwirte formal nicht um das Recht für eine Veröffentlichung gebeten, da er davon ausgegangen war, dass die SVLFG im Anschluss eine richtige Studie fördert.

Unterschätzte Toxität: Studien zufolge können Pestizide das Risiko erhöhen, an Parkinson zu erkranken.
Unterschätzte Toxität: Studien zufolge können Pestizide das Risiko erhöhen, an Parkinson zu erkranken. © Agata Szymanska-Medina

Noch heute ärgert er sich darüber, denn bei Landwirten ist die Datenlage so gut wie bei keiner anderen Berufsgruppe in Deutschland: Fast alle Landwirte, Winzer, Gärtner und Förster sind bei der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau SVLFG pflichtversichert. Keine andere Berufsgenossenschaft hat so viele Daten über ihre Mitglieder. „Die einfache Frage, ob in der Population der Landwirte häufiger Parkinson auftritt, die wäre beantwortbar“, sagt Winkler.

Die SVLFG wollte die Gespräche mit Winkler trotz mehrfacher Nachfragen nicht kommentieren. Auf die Frage, ob die SVLFG in den vergangenen Jahren Forschungsprojekte zum Thema „Parkinson durch Pestizide“ finanziert hat, wie hoch die Finanzierung war, wer die Studien durchgeführt hat und was die Ergebnisse waren, antwortet die SVLFG, derzeit werde erstmals ein Bericht über die Forschungsförderung erstellt, dieser sei aber noch nicht fertig. Von externen Stellen seien zum Thema Parkinson in den vergangenen Jahren „keine Forschungsanträge unter Darlegung eines konkreten Forschungsplans an die SVLFG herangetragen“ worden. Die SVLFG arbeite „eng mit den beteiligten Gremien zur Abstimmung von zielführenden Forschungsaktivitäten zusammen“.

Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums schreibt auf die Frage, ob das Ministerium selbst Forschung zum Thema finanziert habe, dass das Ministerium „ein gesondertes Forschungsvorhaben für nicht erforderlich“ halte. Zudem stehe die SVLFG nicht unter Aufsicht des Bundesarbeitsministeriums, so dass das Ministerium die SVLFG auch nicht anweisen könne, selbst zu dem Thema zu forschen. Das für die Aufsicht der SVLFG zuständige Bundesamt für soziale Sicherung schreibt auf Anfrage, dass sich der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten nicht an das Bundesamt gewandt habe. „Die Thematik war zudem kein Gegenstand der Eingaben und Petitionen, die das BAS in den letzten Jahren erreichten“, schreibt eine Pressesprecherin. 

„Die Leidtragenden sind die Landwirtinnen und Landwirte“, sagt ein Forscher über die Berufsgenossenschaft

Dass ausgerechnet die SVLFG keine Forschung finanzieren will, ärgert auch andere Wissenschaftler. Dennis Nowak leitet das Institut für Arbeitsmedizin an der LMU München und ist wie Johann Drexler Mitglied des Ärztlichen Sachverständigenbeirates Berufskrankheiten des Bundesarbeitsministeriums. Nowak schreibt auf Anfrage, er könne „schon seit Jahren nicht erkennen“, dass die SVLFG ihren gesetzlichen Auftrag erfülle. „Gerade ein Versicherer, der Unfall-, Kranken- und Pflegeversicherung sowie Landwirtschaftliche Alterskasse unter einem Dach vereint, hat einen umfangreichen Datenschatz.“ Hätte die SVLFG ein Interesse daran, hätte sie längst aufklären können, wie häufig Landwirte und Winzer an Parkinson erkranken und Studien zu Pestiziden in Auftrag geben können, schreibt Nowak. „Allein, ich kann diesen Willen nicht erkennen.“ Die SVLFG unterstütze keine Projekte, die zur Schaffung neuer Berufskrankheiten führen. „Die Leidtragenden sind die Landwirtinnen und Landwirte.“

Selbst der Vorsitzende des Beirates, der Aachener Arbeitsmediziner Thomas Kraus, schreibt auf Anfrage von Ippen Investigativ, Fragen der Experten seien leider gar nicht oder unvollständig beantwortet worden. 

Warum fördert die SVLFG offenbar seit Jahren keine Forschung zu dem Problem? Jürgen Winkler hat einen Verdacht: Das liege an der Struktur der Berufsgenossenschaften in Deutschland. Sollte der ärztliche Sachverständigenbeirat die Berufskrankheit „Parkinson durch Pestizide“ anerkennen, müsste die Berufsgenossenschaft in Zukunft jedes Jahr Millionen Euro an Behandlungskosten und Rentenzahlungen aufbringen. Die Behandlung eines einzelnen Betroffenen kann sich bis zum Tod Jahrzehnte ziehen, dazu kommen Opfer- und Witwenrenten. Jeder anerkannte Fall kann so Studien zufolge mehrere hunderttausend Euro kosten. Anders als bei Kranken-, Renten- und Pflegekassen – die bisher die Behandlung und Versorgung der Parkinson-Patienten bezahlen – gibt es in der Berufsgenossenschaft keinen Arbeitnehmeranteil. Die Kosten werden alleine von den Arbeitgebern getragen. Jedes Jahr ohne offiziell anerkannte Berufskrankheit spart den Arbeitgebern deshalb Millionen. 

Die Dunkelziffer der Betroffenen ist unklar

„Ich halte das Konstrukt für sehr schlecht“, sagt Winkler. „Derjenige, der dann diese Zahlungen tätigen soll, der soll die Forschung dafür selbst auf den Weg bringen. Die Motivation dafür ist extrem limitiert.“ 

Seit 2010 haben sich trotz fehlender Forschung und fehlender Öffentlichkeit 62 Betroffene mit dem Verdacht auf eine Berufskrankheit „Parkinson durch Pestizide“ bei der zuständigen Berufsgenossenschaft SVLFG gemeldet, darunter auch Jochen Bosse. Die Dunkelziffer der Betroffenen ist unklar. Mindestens 13 dieser 62 Antragsteller sind mittlerweile verstorben – während sie auf eine Entschädigung warteten. Das zeigt eine vertrauliche Aufstellung der SVLFG, die Ippen Investigativ vorliegt.

Interne Unterlagen und Protokolle zeigen, dass Pestizide wie Benomyl und Paraquat sowie weitere Pflanzenschutzmittel bereits seit 2009 vom Ärztlichen Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten diskutiert werden, der „Parkinson durch Pestizide“ für die Liste der Berufskrankheiten empfehlen kann. Doch die Beratungen ziehen sich. 

In den vergangenen Jahren hatte der Beirat die SVLFG mehrfach darum gebeten, zur Verbindung von Pestiziden und Parkinson Auskunft zu geben und zu forschen. Das zeigt ein vertrauliches, 20-seitiges Protokoll der Beiratssitzungen aus dem Bundesarbeitsministerium, das Ippen Investigativ vorliegt. Das erste Mal wollen die Experten laut Protokoll bereits im Jahr 2011 bei der SVLFG anfragen, in den Jahren danach sind Anfragen an die SVLFG gleich mehrfach Thema, darunter im Jahr 2014 und 2015. Im Jahr 2016 beschwert sich ein Beiratsmitglied laut Protokoll, dass die Antwortschreiben der SVLFG „in keiner Weise zur Beantwortung der Fragenkataloge“ beigetragen habe. Ein Vertreter des Arbeitsministeriums bestätigt damals laut Protokoll, dass die SVLFG ihm am Telefon gesagt habe, „dass dort keine Erkenntnisse zur Thematik vorlägen“

Im Mai 2017 sendet schließlich das Bundesarbeitsministerium einen weiteren Fragebogen an mehrere Institutionen, darunter auch die SVLFG. Doch erst im Herbst 2021 antwortet die SVLFG dem Protokoll zufolge ausführlich auf die Fragen des Beirates. Viele der Fragen beantwortet die Berufsgenossenschaft den Unterlagen zufolge nur recht unkonkret. So wollte der Beirat etwa wissen, wie sich der Einsatz von Pestiziden bei Obstbauern, Ackerbauern oder in Gewächshäusern unterscheidet, welche Pestizide konkret wie häufig bei Gemüse, Obst, Mais oder Getreide verwendet werden und wie viele Tage Landwirte und Winzer jedes Jahr mit Pestiziden arbeiten. Die SVLFG schreibt auf Anfrage von Ippen Investigativ, die durch sie erhobenen Daten würden „den beteiligten wissenschaftlichen Gremien zur Verfügung gestellt, Fragestellungen soweit möglich beantwortet.“ Es gebe jedoch noch „Aufklärungsbedarf, insbesondere für die verwendeten Mittel, ihre Zusammensetzungen und Einsatzzeiten, die Intensität und Dauer der Einwirkung sowie die spezifischen Berufsverhältnisse.“ Warum sie diesen Aufklärungsbedarf in den vergangenen Jahren nicht selbst erforscht hat, schreibt sie nicht.

Der Beirat arbeitet ehrenamtlich – und braucht lange für Entscheidungen

Der Beirat für Berufskrankheiten arbeitet ehrenamtlich. Die zwölf Mitglieder – alles Arbeitsmediziner an Universitäten oder in Behörden – treffen sich nur etwa vier mal im Jahr und erhalten Fahrgeld sowie 30 Euro pro Sitzungstag. Die Beiratsmitglieder müssen sich de facto seit Jahrzehnten in ihrer Freizeit darum kümmern, welche der gut 64 Millionen Versicherten der Berufsgenossenschaften entschädigt werden sollen, wenn sie auf der Arbeit, in der Universität, Schule oder Kita krank werden. 

Der Vorsitzende des Beirates, der Arbeitsmediziner Thomas Kraus, kann die Kritik an den langen Bearbeitungszeiten nachvollziehen. Die Arbeit an neuen Berufskrankheiten sei allerdings „unglaublich viel Arbeit und alle Mitglieder bewältigen diese Arbeit ehrenamtlich“, also zusätzlich zu ihren Jobs als Hochschullehrer oder Betriebsarzt. 

Zuletzt konnte die im Beirat für Pestizide zuständige Wissenschaftlerin das Thema neun Monate lang nicht voranbringen, weil sie in der Pandemie zu viel zu tun hatte, so steht es in dem vertraulichen Protokoll. Insgesamt hat sich der Beirat in den vergangenen zwölf Jahren nur ein- bis zweimal im Jahr mit dem Thema „Parkinson durch Pestizide“ beschäftigt. 

Erst seit einer Gesetzesreform vor zwei Jahren wird für den Beirat eine Geschäftsstelle mit zehn Mitarbeitern und einem Forschungsbudget von 300.000 Euro im Jahr aufgebaut. Kraus ist zuversichtlich, „dass durch diese Unterstützung die Laufzeiten bei den zu bearbeitenden Themen kürzer werden.“ 

Trotz fehlender Forschung, trotz ehrenamtlicher Tätigkeit, trotz schwieriger Fragen, trotz Pandemie: „Parkinson durch Pestizide“ ist mittlerweile auf einem guten Weg, auch in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt zu werden. Die Mitglieder des Beirats haben über Jahre die wichtigsten internationalen Studien zusammengetragen und abgewogen, ob und wie diese auf Landwirte und Winzer in Deutschland übertragbar sind. Eine interne, vorläufige Bewertung der Studienlage aus dem Herbst 2020 liegt Ippen Investigativ vor. Die Arbeitsmediziner kommen darin zu dem Schluss, dass für eine Reihe von Pestiziden genügend Belege vorliegen, dass diese das Risiko, an Parkinson zu erkranken, deutlich erhöhen. Darunter auch Benomyl, das Jochen Bosse eingesetzt hat, und Paraquat. 

„Parkinson durch Pestizide“ als Berufskrankheit noch in diesem Jahr?

Die sogenannte „generelle Eignung“ als Berufskrankheit ist beschlossen. Jetzt geht es darum, zu entscheiden, welche Voraussetzungen Landwirte und Winzer erfüllen müssen, um entschädigt zu werden. Konkret: Wie häufig und wie intensiv müssen sie mit Pestiziden gearbeitet haben? Diese Fragen beschäftigt den Beirat nun schon seit mehr als zwei Jahren. Der Beirat diskutiert auch deshalb so ausführlich, weil die wissenschaftlichen und rechtlichen Anforderungen für eine solche Entscheidung in Deutschland besonders hoch sind. Wer seine Berufskrankheit in Deutschland anerkannt bekommt, hat deutlich mehr finanzielle Vorteile als etwa in Frankreich oder Italien.

Der Vorsitzende des Beirates, der Aachener Arbeitsmediziner Thomas Kraus, stellte ein Ende der Beratungen trotzdem noch in diesem Jahr in Aussicht. „Es finden noch weitere Beratungen statt. Ich hoffe sehr, dass wir zügig voran kommen und dieses Jahr fertig werden.“ Doch selbst wenn die Berufskrankheit irgendwann verabschiedet ist, könnte es für Betroffene schwierig bleiben. Parkinson zeigt sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Dementsprechend müssen Betroffene zum Teil für viele Jahre zurück belegen, mit welchen Pestiziden sie gearbeitet haben, damit „im Einzelfall eine entsprechende Mindestbelastung nachgewiesen werden kann“, schreibt ein weiteres Mitglied des Sachverständigenbeirates, die Tübinger Arbeitsmedizinerin Monika Rieger.

„Diese Ungleichbehandlung in der EU macht mich wütend“, sagt Bosse.
„Diese Ungleichbehandlung in der EU macht mich wütend“, sagt Bosse. © Agata Szymanska-Medina

Jochen Bosse hätte gerne eine Chance auf einen fairen Prozess in Deutschland. „Es kann nicht sein, dass Landwirte in der EU dieselben Pflanzenschutzmittel anwenden, aber nicht dieselben Chancen haben, wenn es um Kompensationszahlungen geht“, sagt Jochen Bosse. Er würde sich wünschen, dass unabhängige Experten ein Gutachten zu seinem Fall erstellen – und seine Pestizidbelastung im Hinblick auf seine Parkinsonerkrankung bewerten und anerkennen. „Diese Ungleichbehandlung in der EU macht mich wütend“, sagt Bosse. Sein Verfahren ruht. Solange der Sachverständigenbeirat keine Entscheidung gefällt hat, muss Bosse weiter warten.*Ippen Investigativ ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Sie haben selbst Probleme mit der Berufsgenossenschaft oder leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen? Das Team von Ippen Investigativ erreichen Sie unter recherche@ippen-investigativ.de.

Diese Recherche ist Teil des internationalen Rechercheprojektes „Pesticides at work“. Das Projekt wurde organisiert von Investigative Reporting Denmark, redigiert von Le Monde und Katharie Quarmby und recherchiert in Kooperation mit Journalisten von Le Monde in Frankreich, Knack in Belgien, Tygodnik Powszechny in Polen, Ostro in Kroatien und Slowenien, IRPI in Italien, De Groene Amsterdamer in den Niederlanden, Ippen Investigativ in Deutschland, Marcos Garcia Rey in Spanien und The Midwest Center for Investigative Reporting in den USA. Die Recherche wurde gefördert von journalismfund.eu und dem IJ4EU.

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