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Lächeln hinter Stacheldraht: Winnie Madikizela-Mandela grüßt Demonstranten im November 2000 in Viljoenskroon, Südafrika.

Südafrika

Winnie Mandela, die Unkontrollierbare

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Die am 2. April verstorbene Winnie Mandela war so umstritten wie keine andere Heldenfigur Südafrikas. Die einen sahen in ihr eine Verräterin, die anderen eine mutige Feministin. Heute wird für "Mama Winnie" ein Staatsbegräbnis ausgerichtet.

Es war weder eine Welle noch ein Sturm, es war ein Tsunami. Kurz nachdem sich der Tod Winnie Mandelas herumgesprochen hatte, wurden Südafrikas Fernsehstationen von einer Flut an Sendungen mit nur noch einem Thema erfasst: der glorreiche Beitrag der „Mutter der Nation“ zur Befreiung des Landes. Zeitungen quollen fast zwei Wochen lang über vor Nachrufen voller Überschwang und der regierende Afrikanische Nationalkongress lud täglich zu einer weiteren der über das ganze Land verteilten Gedenkveranstaltungen ein.

Am Samstag wird das endlos erscheinende Requiem in einem Staatsbegräbnis gipfeln, zu dem sich Polit-Prominenz aus aller Welt angekündigt hat. Nur der Tod von Winnies ehemaligem Ehemann hatte vor vier Jahren noch größere Aufmerksamkeit erregt. Doch während Nelson Mandelas Sterben monatelang von der Weltpresse begleitet worden war, begannen die Feierlichkeiten zu Ehren Winnies wie aus dem Nichts: Denn die Heroin des Befreiungskampfs war in den vergangenen Jahren in der Versenkung verschwunden.

Nicht ohne Grund. Vor ihrem Tod über Winnie Mandela zu sprechen, konnte nur schiefgehen. Sie war so umstritten wie keine andere südafrikanische Heldenfigur. Während der Heiligenschein ihres einstigen Ehemanns täglich heller strahlte, waren über Winnie längst finstere Wolken aufgezogen, die außer von der internationalen Presse auch von der Regierungspartei selbst am Platz gehalten wurden. Winnie bereitete den Hierarchen der zur Partei mutierten Befreiungsbewegung ständig nur Ärger. Sie war, wie ein führendes ANC-Mitglied klagte, zu einer „Rakete“ geworden, die sich „von ihrer Fernsteuerung verselbstständigt“ hatte.

Ihre Tortur endete nicht mit der Freilassung

Genau genommen war der stolzen Schönheit gehorsame Unterordnung noch nie leicht gefallen. Bereits als Mädchen soll sie sich in ihrer Heimatpder ländlichen Transkei, wilde Stockkämpfe mit Jungen geliefert haben. Ihre Mutter starb, als Winnie gerade acht Jahre alt war, und von ihrem Vater, einem Lehrer, lernte sie sowohl die Verachtung der weißen Kolonisatoren als auch die Wertschätzung ihres Bildungssystems: Sie ließ sich in Johannesburg zu einer der ersten schwarzen Sozialarbeiterinnen des Landes ausbilden und begegnete dort Nelson Mandela, dem attraktiven Star des sich unter seinem Einfluss radikalisierenden ANC. Und die Liebe der beiden ungewöhnlich willensstarken Persönlichkeiten nahm ihren Anfang.

Ob Winnie und Nelson unter anderen Umständen ein dauerhaftes Traumpaar abgegeben hätten, bleibt Spekulation: Tatsache ist, dass Nelsons politische Ambitionen, sein Leben im Untergrund und die baldige Verhaftung eine solche Chance nie zugelassen haben. Winnie, deren Politisierung keinesfalls erst auf ihren Mann zurückzuführen war, sah sich plötzlich mit zwei jungen Töchtern auf sich alleine gestellt. Während Nelson auf der Gefängnisinsel Robben Island ein unfreies, aber geordnetes Leben führte, war sie einem gnadenlos brutalen Alltag ausgesetzt.

Denn schnell hatten die Apartheidherrscher ihre Visiere auf die knapp 30-jährige Rebellin gerichtet, die den Kampf gegen den Rassismus fortzusetzen suchte. Ein ums andere Mal wurde Winnie nachts von Polizisten heimgesucht, mit Auflagen schikaniert und schließlich für 491 Tage in Isolationshaft gesperrt (ihre Kinder durfte sie bei ihrer Verhaftung nicht einmal in die Obhut einer Verwandten geben). Fünf Tage und Nächte wurde sie von einem berüchtigten Folterknecht ununterbrochen verhört. In ihrer Zelle hörte sie die Schreie von Frauen, die von weißen Wärterinnen ausgepeitscht wurden. Als sie 18 Monate später aus der Haft freikam, war aus der rebellischen Schönheit ein „brutalisiertes“ Wesen geworden: „Ich glaubte nur noch an die Sprache der Gewalt“, sagt sie später, „ich war überzeugt davon, dass das Regime nur mit derselben Gewalt geschlagen werden konnte, der wir ausgesetzt waren.“

Ihre Tortur war mit der Freilassung längst nicht zu Ende. Nach dem Schüleraufstand in Soweto 1976 wurde Mama Winnie mit ihrer jüngsten Tochter in das gottverlassene Dorf Brandfort in der Freistaat-Provinz verbannt: Dort suchte sie das Beste aus ihrer Lage zu machen, indem sie mit den Dorfbewohnern Gemüsebeete und Kindergärten errichtete und ihnen vom Befreiungskampf erzählte. Erst acht Jahre später kehrte Winnie aus ihrem „kleinen Sibirien“ nach Soweto zurück – direkt ins Kriegsgebiet. Radikalisierte Jugendliche suchten auf Geheiß des ANC das Land „unregierbar“ zu machen: In den Straßen des Schwarzen-Ghettos lieferten sich Steine werfende schwarze Demonstranten ungleiche Schlachten mit scharf schießenden weißen Soldaten.

Winnies wachsender Zorn machte sich in immer radikalerer Rhetorik Luft. „Mit unseren Streichhölzern und Autoreifen werden wir das Land befreien“, sagte sie in Anspielung an die Praxis der ANC-nahen Jugendlichen, vermeintliche Polizeispitzel mit über den Hals gestülpten, brennenden Autoreifen zu töten. Sie selbst legte sich zu ihrem Schutz eine Schlägertruppe, den Mandela United Fußballclub, zu, dessen gewalttätige Umtriebe bald auch ANC-Führer vor den Kopf stießen. Unter anderem fiel dem Club der 14-jährige Stompie Seipei zum Opfer, an dessen Ermordung Winnie beteiligt gewesen sein soll. Sie wurde Anfang der 90er Jahre zu sechs Monaten Haft wegen Entführung verurteilt. Das Monument der Mutter der Nation bekam die ersten Risse.

Inzwischen werden allerdings Zweifel an Winnies Verstrickung in die Ermordung Stompies laut. Sie sei zum Opfer einer Rufmordkampagne der Sicherheitspolizei geworden, trug deren ehemaliges Mitglied Paul Erasmus jetzt pünktlich zu den Winnie-Festspielen bei. Praktisch der gesamte Fußballclub habe aus Spitzeln bestanden. Dass er mit seiner Enthüllung bis zu Winnies Tod wartete, stärkt die ohnehin fragwürdige Glaubwürdigkeit des Apartheid-Schergen allerdings nicht: Im Dickicht der einstigen Dämonisierungs- und heutigen Glorifizierungskampagne droht die Wahrheit für immer verloren zu gehen.

Nicht weniger umstritten sind die Ereignisse um die Freilassung Nelson Mandelas, mit dem Winnie 38 Jahre verheiratet, aber nur sechs Jahre zusammen war: „Ich war die unverheiratetste Ehefrau der Welt.“ Dass sie mit ihrem freigelassenen Traumgemahl sogleich in Clinch geriet, werten ihre Kritiker als Insubordination einer vom rechten Pfad abgekommenen Diva, die Affären mit jungen „Comrades“ unterhielt und sich dem Alkohol zugewandt hatte. Demgegenüber sehen ihre Freunde denselben Sachverhalt als emanzipatorischen Akt: Winnie habe gegen die sowohl von ihrem Mann wie von ihrer Organisation erwartete Unterordnung revoltiert und sei deshalb als mutige Feministin zu feiern. Dass die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen liegt, lassen weder die gelten, die sie als Mutter der Nation verherrlichen, noch jene, die sie schlecht machen.

Ob es am verletzten Stolz oder an ihrer streitbaren Aufrichtigkeit lag: Auch im neuen Südafrika ließ sich Mama Winnie partout nicht unter Kontrolle bringen. Ihrem inzwischen geschiedenen Ehemann warf sie nichts Geringeres als Verrat am Volk vor: „Mandela hat uns im Stich gelassen. Er stimmte einem schlechten Deal für die Schwarzen zu, denn zumindest wirtschaftlich sind noch immer die Weißen am Drücker.“

Als eine der wenigen ANC-Größen brachte sie den Mut auf, die verheerende Aids-Politik von Mandelas Nachfolger, Thabo Mbeki, zu geißeln. Und dessen Nachfolger Jacob Zuma warf sie vor, den über 100-jährigen ANC mit seinen korrupten Machenschaften zu zerstören. Die Regierungspartei war sich ausnahmsweise mit den liberalen Medien einig, dass man den Schreihals am Besten links liegen lassen sollte. Ihre zunehmende Nähe zur Renegaten-Partei der „Economic Freedom Fighter“ (EFF) machte die stachlige Heroin immer unangenehmer.

Seit ihrem Tod ist diese Gefahr gebannt. Die ungesteuerte Rakete fliegt nicht mehr – und kann sich auch nicht mehr gegen ihre Vereinnahmung wehren. Der ANC hat indessen erkannt, dass er zumindest das Gedenken an die widerspenstige Heroin unter seine Kontrolle bringen muss. Vor allem, da sich die Freedom Fighter und ihr aus dem ANC ausgeschlossener „Oberbefehlshaber“ Julius Malema bereits ihr Vermächtnis unter den Nagel zu reißen suchen.

Mama Winnie sei von ihrer eigenen Partei um das Amt der Staatspräsidentin betrogen worden, fauchte Chefpopulist Malema: Ihr Andenken sei bei den Ökonomischen Befreiungskämpfern besser aufgehoben. Die künftigen politischen Schlachten am Kap der Guten Hoffnung werden auf dem linken Flügel des Parteienspektrums geschlagen. Dort, wo sich außer der verstorbenen Mutter der Nation und der EFF Millionen von desillusionierten Jugendlichen und Arbeitslosen befinden. Sollte Mama Winnies Zorn posthum nicht noch größeren Schaden anrichten, musste er vom ANC eingefangen werden.

Was beim Kampf um die Vereinnahmung der Verstorbenen auf der Strecke bleibt, ist die Person Winnie Mandela mit allen ihren Widersprüchen – die leisen Töne, die von der dröhnenden Verherrlichung zugedeckt werden. Dazu gehört die Erzählung Herman Jouberts, eines weißen Redakteurs der konservativen Afrikaans-sprachigen Zeitung „Beeld“, der einst in einem trostlosen Augenblick mitten in der Nacht aus Versehen die Telefonnummer Winnies angewählt hatte und seiner Gesprächspartnerin auf deren Aufforderung erst widerwillig, dann im Schwall sein Herz ausschüttete. Die legendäre Kämpferin hörte dem Vertreter der anderen Seite der Gesellschaft und Geschlechterbarriere lange zu, um ihm schließlich ihr Mitgefühl und Mut zuzusprechen. Danach habe er erstmals seit Monaten wieder ruhig schlafen können, berichtet Joubert.

Solche Erzählungen sind keineswegs einzigartig. Wer aufmerksam zuhörte, konnte im Glorifizierungs-Getöse immer wieder Nachklänge von Winnies Menschlichkeit vernehmen: Von einer Person, die sich das Leiden anderer zu eigen machen konnte. Und der das Schicksal der von der politischen Wende vernachlässigten Bevölkerungsmehrheit nicht gleichgültig war. Dass diese Person auch Schwächen hatte, ist eine Selbstverständlichkeit, zu deren Verständnis man nicht einmal die ihr zugefügten Qualen heranziehen müsste. Denn Menschsein geht bekanntlich mit Fehlbarkeit einher – es sei denn, man hat es auf die Kreation einer leblosen Heroengestalt abgesehen. Gerecht wird man auch Mama Winnie damit nicht.

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