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Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora

Willentliche Eskalation und Enthemmung

  • VonMichael Hesse
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Jörn Leonhards monumentale historische Erzählung über den Ersten Weltkrieg wird in der Geschichtsforschung auf Jahre Gewicht haben. Globalen Verflechtungen geht der Freiburger Historiker ebenso nach wie der Frage: Wer hätte den Krieg verhindern können, verhindern müssen?

Das Verirren ist eine der größten Gefahren, notierte Ernst Jünger im Juli 1916. Komme eine Abteilung Soldaten vom Weg ab, „ist sie verloren“, schrieb er in sein Tagebuch. Und dies geschehe in der unübersichtlichen Szenerie immer wieder.

Zwei Jahre nach Kriegsbeginn steckte der Erste Weltkrieg buchstäblich im Boden fest. Ein Stellungskrieg mit wiederholten Ausbruchversuchen auf Kosten ungeheurer Zahlen an Menschenleben charakterisierte diese finstere Zeit der Menschheit. Selbst der Landschaft war der Tod anzusehen. Wo vor 1914 noch Wiesen und Felder waren, kritzelte Chronist Ernst Jünger eifrig in sein Kriegstagebuch, gebe es keinen Grashalm, kein Hälmchen mehr. „Jeder Millimeter des Bodens umgewühlt und wieder umgewühlt.“ Eine gespenstische Szenerie, als wäre die Welt unentrinnbar im Griff apokalyptischer Kräfte.

Es waren die Deutschen, die leichtfertig am Deckel der Büchse der Pandora gespielt hatten. Kaum hatten sie bemerkt, dass die Übel aus ihr entwichen waren, war ein Krieg in Gang gesetzt, wie es keinen vor ihm gab. Und die alte Welt mit ihren Gewissheiten und Versprechen auf eine verheißungsvolle Zukunft war ein für alle Mal Geschichte. Am Ende des Krieges stand eine Revolution, die eigenartig geräuschlos und lustlos vor sich ging, wie der Schriftsteller Robert Musil als einer ihrer Zeugen es beschrieb.

Die alte Welt war verloren. Der SPD-Politiker Wilhelm Dittmann schrieb im Jahr 1937: „Das Deutschland der Vorkriegszeit ist für die heutige Generation beinahe eine Terra incognita, ein unbekanntes Land, so sehr hat der Krieg den Zusammenhang zwischen dem Vorher und dem Nachher geöffnet.“

Die Geschichte des Ersten Weltkriegs hat der Freiburger Historiker Jörn Leonhard in seiner Monografie „Die Büchse der Pandora“ meisterhaft zusammengetragen. Es ist ihm ein ganz großer Wurf gelungen. So schwer das mehr als 1000 Seiten starke Buch in der Hand liegt, so gewichtig wird es in der Geschichtsforschung auf Jahre hinaus sein.

Leonhard erzählt in analytischer Schärfe und logischer Strenge, klärt Bedingungen, Handlungen und Folgen des Ersten Weltkriegs musterhaft auf. Beim Erzählen verfällt er nicht in chronologische Demut, sondern schreitet in begrifflich-kategorialen Schritten behutsam vor.

Leonhard verweilt nicht mehr in nationalhistorischen Perspektiven, sondern hat seinen Blick auf die globalen Verflechtungen geweitet. Er zeigt den Krieg, wie er Länder auf vier Kontinenten erfasste und veränderte. Und wie er die erstaunlich globalisierte Welt des 19. Jahrhunderts mit Wachstums- und Wohlstandsversprechen auf das Schlachtfeld führte, das Millionen traumatisiert zurückließ, ebenso viele tötete und den bitteren Gedanken des Revanchismus säte.

Denn am Ende des Krieges im Jahr 1918 gab es nur einen Gewinner, so die Bilanz von Leonhard. „Der Sieger des Krieges war keine Nation, kein Staat, kein Empire“, schreibt Leonhard. „Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als Möglichkeit.“

Seither wird die Welt von dieser Möglichkeit des eskalierenden kriegerischen Taumels bedroht – das ist das gefährlichste Erbe der Enthemmung zwischen 1914 und 1918. Trotz des Blicks auf die Vor- und die Nachgeschichte, steht der Krieg selbst im Zentrum des Buches. Leonhard begreift ihn als eigenständige Geschichte, als Zäsur. Von erheblicher Bedeutung ist zwangsläufig die Kriegsschuldfrage, die bereits hitzig diskutiert wurde, bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte. Auch 100 Jahre nach dem Attentat in Sarajevo, als der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz-Ferdinand erschossen wurde, ist die Debatte um die Kriegsursachen nicht verklungen – nicht nur das Buch „Die Schlafwandler“ des australischen Historikers Christopher Clark kommt aktuell darauf zu sprechen und hat darüber eine neue Kontroverse ausgelöst.

Heute sollte, rät Leonhard, die historische Diskussion jedoch nicht mehr in der Kategorie der moralischen Schuld geführt werden. Er schlägt vor, eher danach zu fragen, wer im Juli 1914 den Todeszug noch hätte aufhalten können. Wer hätte deeskalieren können, ja müssen. Zur Eskalation des Kriegs trugen alle beteiligten Nationen bei, so die Folgerung des Freiburger Historikers. Ob in Paris, Belgrad, St. Petersburg oder London auf der einen und Wien und Berlin auf der anderen Seite, alle gossen Öl ins Feuer, bis es zum Flächenbrand kam. Doch vor allen anderen, erklärt Leonhard, hätten Deutschland und Großbritannien eine besondere Verantwortung dafür, dass eben nicht deeskaliert wurde. Der Blankoscheck vom 5. Juli, die Zusage Berlins, im Kriegsfall voll hinter Wien zu stehen, sei entscheidend für die Eskalation gewesen, schreibt er.

Es war also die Militärclique um den Chef des Generalstabs Erich von Falkenhayn und Reichskanzler Bethmann Hollweg, die die Büchse der Pandora öffnete. Anders als sie, wissen wir heute, was ein großer Krieg bedeutet. Doch dass sie von einem begrenzbaren Konflikt ausgegangen wären, hält Jörn Leonhard für eine Legende: „Alle wussten, was sie taten.“ Großbritannien trifft eine besondere Verantwortung, weil es dem deutschen Kaiserreich nach seiner Verletzung der belgischen Neutralität den Krieg erklärte. Da London zudem das Empire mit einband, wurde der Krieg zum globalen Konflikt.

Einmal entfacht, war der Krieg nicht mehr aufzuhalten. Trotz des Stillstandes an der Westfront und des Stellungskriegs, der ungeheure Opferzahlen forderte, wuchsen die Erwartungen eher noch. Die enormen Opferzahlen seien ein Grund gewesen, weiterzukämpfen. Durch die neuen Waffen veränderte sich außerdem das Töten und Sterben selbst. Es wurde anonymer. Harry Graf Kessler reflektiert in seinen berühmten Tagebüchern das veränderte Bewusstsein: „Vor zwei Jahren waren die Linden voller Menschen, die Krieg, Krieg schrien“, notierte er im Jahr 1916, „und heute traf ich auf eine Gruppe von Jungen und Mädchen am Oranienburger Tor, die gegen den Krieg demonstrierten“.

Der Pandora-Mythos ist ein treffender Titel für das Buch. Eine Metapher dafür, mit welchen Hypotheken der Erste Weltkrieg die Welt ins 20. Jahrhundert entließ. Wie durch die Büchse in der antiken Sage kamen im Jahr 1914 Schrecken in die Welt, die für lange Zeit nicht mehr zu bändigen waren und erst mühsam wieder eingefangen werden mussten.

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