+
Freie Stellen blieben zuletzt im Schnitt 118 Tage unbesetzt. Vor allem Menschen mit handwerklicher oder technischer Ausbildung fehlen.

Fachkräftemangel

Wer will schon nach Deutschland?

  • schließen

Deutschland sucht händeringend Fachkräfte. Mit einem Jobgipfel im Kanzleramt will die Regierung nun die Arbeitsmigration vereinfachen, das geplante Zuwanderungsgesetz soll entsprechend ergänzt werden. Was ist im Einzelnen geplant?

Unter Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist am Montag im Kanzleramt eine Spitzenrunde zusammengekommen. Die Partner hatten sich zuvor schon auf diverse Punkte verständigt, um dem Fachkräftemangel in Deutschland zu begegnen. Im Folgenden Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sollte der Fachkräfte-Gipfel im Kanzleramt bringen?

Die Runde – mit Spitzenvertretern von Bund, Ländern, Arbeitgebern und Gewerkschaften – hatte sich vorgenommen, flankierende Maßnahmen zum neuen Einwanderungsgesetz für Fachkräfte auf den Weg zu bringen, das Anfang März 2020 in Kraft tritt. Mit dem Gesetz werden die Hürden für Arbeitsmigration nach Deutschland gesenkt – für Qualifizierte mit ausreichenden Deutschkenntnissen aus Ländern außerhalb Europas. Wer eine anerkannte Qualifikation zur Fachkraft und einen Arbeitsplatz vorweisen kann, darf künftig in jedem Beruf arbeiten, zu dem ihn seine Qualifikation befähigt. Damit entfällt die bisherige Beschränkung auf sogenannte Engpass- oder Mangelberufe, in denen Fachkräfte händeringend gesucht werden.

Außerdem wird auf die Vorrangprüfung verzichtet. Damit muss nicht mehr vor jeder Einstellung einer Fachkraft aus einem Drittstaat geschaut werden, ob nicht ein deutscher Bewerber oder ein EU-Ausländer für den Job infrage kommen. Allerdings: Die Vorrangprüfung kann durch eine entsprechende Verordnungsermächtigung im Gesetz kurzfristig wieder eingeführt werden, wenn die Arbeitsmarktsituation in bestimmten Regionen oder Berufen dies nahelegt.

Was wird vereinbart?

Die Bundesregierung will Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiver machen und plant beschleunigte Visa-Verfahren sowie eine Anwerbe-Offensive. So hieß es in einem Entwurf der Absichtserklärung für den Fachkräftegipfel. „Zusätzliches Personal in den Visastellen und der Aufbau einer zentralen Arbeitseinheit zur Unterstützung der Visumbearbeitung aus dem Inland werden den Prozess der Visumerteilung an den Auslandsvertretungen beschleunigen, um derzeit bestehende Wartezeiten zu verringern“, heißt es im Textentwurf. Ziel sei es, zügig die Voraussetzung für digitale Antragstellung und papierlose Übermittlung der Unterlagen zu schaffen. Die Bundesregierung will außerdem die Deutschkurse an den Goethe-Instituten ausbauen.

Und was tut die Wirtschaft?

Die Wirtschaft soll geeignete Fachkräfte bei den Kosten für die sprachliche Qualifizierung im Herkunftsland unterstützen. Die Bundesagentur für Arbeit soll mit Hilfe von „Vermittlungsabsprachen mit ausgewählten Herkunftsländern“ geeignete Bewerber anwerben. Mit dem Aufbau solcher Länderpartnerschaften solle zügig begonnen werden. Dies bekräftigte am Montag auch Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit. Die Bundesregierung will „Rekrutierungsreisen“ für kleine und mittelständische Unternehmen fördern. Außerdem soll das Informationsportal „Make it in Germany“ ausgebaut und zur zentralen Anlaufstelle für interessierte Fachkräfte und Firmen werden.

Wie groß ist eigentlich der Fachkräftemangel in Deutschland?

Das lässt sich nicht genau beziffern. Freie Stellen in Deutschland blieben zuletzt im Schnitt 118 Tage unbesetzt – sechs Tage mehr als noch im Zeitraum Mai 2017 bis April 2018. Auf 100 gemeldete Arbeitsstellen kamen zuletzt 232 Arbeitslose. Zum Vergleich: 2009 waren es noch 1083 Arbeitslose. Laut Bundesagentur für Arbeit kann von umfassendem Fachkräftemangel (noch) keine Rede sein, wohl aber von Engpässen. Die Bandbreite der Berufe, auf die das zutrifft, reicht von der Pflege über viele technische und handwerkliche Berufe bis hin zu Lkw-Fahrern und Lokführern. Laut Bundesregierung fehlen in vielen Unternehmen, Branchen und Regionen Fachkräfte: „Unabhängig von konjunkturellen Entwicklungen wird der demografische Wandel den Fachkräftemangel weiter verstärken.“

Kann die Fachkräfte-Lücke nicht mit Einheimischen geschlossen werden?

Zum Teil wäre das sicherlich möglich, wenn auch mit vergleichsweise hohem Aufwand: Etwa, wenn es gelänge, die Beschäftigungsquoten von Frauen oder Älteren zu erhöhen. Eine weitere Möglichkeit wäre konsequentes Nachqualifizieren von Langzeitarbeitslosen. Es gebe im Inland ein Fachkräftepotenzial, „das über Qualifizierung und Weiterbildung endlich gehoben werden muss“, mahnt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Aktuell gibt es 1 380 000 Arbeitslose in Deutschland, die schon länger als ein Jahr arbeitslos sind. Viele von ihnen bringen allerdings nicht die Fachkraft-Qualifikationen mit, die von den Unternehmen benötigt werden.

Zwar können Menschen qualifiziert werden – etwa vom Altenpflegehelfer, wo es keine Engpässe gibt, zum Engpass-Beruf des Altenpflegers. Das erfordert aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aber ein hohes Maß an Engagement und Willen von Arbeitssuchenden und Unternehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert die Bundesregierung zu mehr Anstrengungen auf, damit über Qualifizierung und Weiterbildung auch hierzulande mehr Fachkräfte gewonnen werden können.

Doch auch der DGB ist zusätzlich für eine Anwerbung aus dem Ausland. So schaut sich die deutsche Wirtschaft etwa bei Handwerk, Bau, Pflege und Gesundheit händeringend nach Fachleuten um – im Inland und auch im Ausland. Da nach Ansicht der Bundesregierung die Zuwanderung aus EU-Staaten tendenziell abnehmen wird, setzt Berlin auch auf das Potenzial an qualifizierten Mitarbeitern aus Nicht-EU-Staaten - zunächst etwa aus Mexiko, Brasilien, Indien und Vietnam.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Die FDP etwa vermisst bei der Fachkräftezuwanderung nach Deutschland die große und unbürokratische Lösung. Das neue Gesetz sei „kein großer Wurf, sondern eine Ansammlung von Detailregelungen“, kritisierte FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg am Montag. „Da wird nur an den bisherigen Regelungen ein bisschen rumgeschraubt, aber es gibt keine konsequente Punkteregelung, keine Regelung, die übergreifend für akademisch und beruflich gebildete Menschen gleichermaßen klare Kriterien schafft.“ (mit dpa/afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion